Kapitel 36 - Heute wird Musikgeschichte geschrieben
Ryan freut sich auf einen Abend voller vertrauter Gesichter, September-Chaos und ein kleines Stück zurückgewonnener Normalität. Was sie nicht ahnt: Arvid hat ganz andere Pläne. Während er heimlich seine Band zusammentrommelt, um die ausgefallene Live-Musik zu ersetzen und Ryan seinen neuen Song genau dort vorzuspielen, wo sie sich zu Hause fühlt, laufen im September die letzten Vorbereitungen. Alles ist bereit für die große Eröffnung – und für eine Überraschung, die diesen Abend unvergesslich machen dürfte.
Kaum fällt die Wohnungstür ins Schloss, schlingt Arvid die Arme um ihre Taille und zieht sie fordernd an sich. Ihre Lippen treffen sich mit einer Wucht, die all die aufgestaute Sehnsucht der letzten Tage und die flirrende Elektrizität des Nachmittags freisetzt. Atemlos und gierig suchen ihre Hände Halt, krallen sich in Stoff und Haut, als gälte es, keine einzige Sekunde mehr verstreichen zu lassen.
Ryan zerrt an den Ärmeln seiner Lederjacke, wirft sie achtlos zu Boden, während Arvid mit geschickten Griffen ihre Tunika über den Kopf streift. Das Keuchen ihrer Atemzüge füllt den Flur. Seine Finger wandern über die Kurve ihrer Wirbelsäule, öffnen mit blinder Routine den Verschluss ihres BHs, während ihre Hände über seine festen Bauchmuskeln nach unten gleiten.
»Dusche?«, stößt sie heiser gegen seine Lippen hervor.
Arvids dunkle Augen brennen. »Dusche.«
Taumelnd vor Verlangen bewegen sie sich ins Bad, ohne den Kuss auch nur für einen Herzschlag zu unterbrechen. Das Aufdrehen der Armatur hallt durch den Raum, und noch ehe der Dampf die Spiegel beschlägt, zieht er sie unter den warmen Wasserstrahl. Nasse Strähnen kleben an ihren Schläfen, das Wasser perlt glitzernd über ihre nackte Haut, während sie ineinander verschmelzen.
Seine rauen Hände zeichnen jede Linie ihrer Silhouette nach, seine Lippen brennen eine feuchte Spur über ihre Schlüsselbeine hinab, bis Ryan leise aufstöhnt. Sie schlingt die Beine um seine Hüfte, ihre Fingernägel graben sich in seine nassen Schultern.
»Ich will dich«, haucht sie zitternd an seinen Hals.
Arvids Griff wird eisern, sein Blick finster vor Leidenschaft. Im Rauschen des Wassers, geborgen im dichten Nebel des Bades, lieben sie sich mit einer Dringlichkeit und Hingabe, die Raum und Zeit restlos auslöscht.
Als er sich schließlich langsam von ihr löst, verharren seine Lippen noch für einen Moment zärtlich auf den ihren. Er setzt sie behutsam auf den Fliesen ab, lässt die Finger sanft über ihre nassen Flanken gleiten, als müsse er sich jede Nuance einbrennen.
»Du bist wie eine verdammte Sucht«, murmelt er atemlos, ein schiefes, berauschtes Funkeln in den Augen.
Ryan neigt den Kopf zur Seite und schenkt ihm ein selbstbewusstes Grinsen. »Tja, Rockstar. Dagegen gibt es kein Gegenmittel.«
Arvid lacht heiser auf, beugt sich noch einmal vor und versiegelt ihre Worte mit einem tiefen, innigen Kuss. Gemeinsam drehen sie das Wasser ab, trocknen sich ab und schlüpfen in frische Handtücher – die Glieder angenehm schwer, die Herzen im gleichen, ruhigen Takt.
Wenig später steht Ryan vor ihrem Kleiderschrank und greift nach einem schwarzen, fließenden Minikleid. Der feine Stoff fällt locker um ihre Figur, perfekt für den lauen Sommerabend. Ein prüfender Blick in den Spiegel, ein zufriedenes Lächeln – sie ist bereit.
Arvid lehnt mit verschränkten Armen im Türrahmen, bereits in schwarze Jeans und ein schlichtes Shirt gekleidet. Seine Augen mustern sie mit unverhohlener Bewunderung. »Perfekt. Wobei du selbst in einem alten Jutesack allen den Kopf verdrehen würdest.«
Ryan wirft ihm einen amüsierten Blick zu. »Du unverbesserlicher Schmeichler.«
Sie verstaut ihr Portemonnaie in der Handtasche und wendet sich ihm wieder zu.
»Ich stoße etwas später dazu«, erklärt Arvid und fährt sich durch das noch feuchte Haar. »Der offizielle Auftakt gehört ganz allein euch und dem September. Ich will nicht, dass sich der ganze Abend sofort um meine Person dreht.«
Ryan nickt verstehend, tritt zu ihm heran und legt die Hand auf seine Brust, wo sein Herzschlag gleichmäßig pocht. »Das ist lieb von dir. Aber du weißt ganz genau, dass der Trubel losgeht, sobald du den Fuß auf die Terrasse setzt.«
Arvid seufzt leise und hebt die Schultern. »Klar. Aber so schenke ich euch wenigstens die erste ungestörte Runde.«
Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und drückt ihre Lippen sanft auf seine. »Danke, dass du so viel Rücksicht nimmst.«
Arvid vertieft den Kuss für eine Sekunde. »Ich mache das für uns.«
Ryan lächelt, greift nach ihren Schlüsseln und dreht sich an der Tür noch einmal mit funkelnden Augen zu ihm um. »Bis nachher, Rockstar.«
»Bis nachher, Ryan«, erwidert er mit einem schiefen Grinsen – und sieht ihr nach, wie sie leichten Schrittes im Treppenhaus verschwindet.
Arvid nimmt sein Handy vom Nachttisch und scrollt durch seine Kontakte, bis er Finjans Namen findet. Mit einem kurzen Tippen auf den Bildschirm startet er den Anruf. Es klingelt nur zweimal, ehe sich Finjan mit gewohnt gelassener Stimme meldet.
»Was geht, Alter?«
Arvid grinst in das leere Zimmer. »Ryan ist gerade zur Tür raus. Und ich habe vorhin mitbekommen, dass das gebuchte Akustik-Duo kurzfristig abgesprungen ist. Die Eröffnung soll jetzt wohl komplett ohne Live-Musik über die Bühne gehen.«
Am anderen Ende der Leitung herrscht für zwei Herzschläge Stille, ehe Finjan trocken auflacht. »Oh Mann … eine Kneipeneröffnung ohne Musik? Das können wir unmöglich durchgehen lassen. Dann heizen wir dem Laden eben ein, oder?«
Arvid lacht heiser mit, schüttelt jedoch den Kopf. »Nein, diesmal lassen wir die Verstärker aus. Ich will, dass es etwas ganz Besonderes wird – keine gewöhnliche, laute Metal-Earth-Show.«
Finjan schnaubt amüsiert. »Ruhiger also? Heißt das: kein Crowdsurfing, keine zerschmetterten Gitarren und kein Bühnensturm von Damian?«
»Genau das«, bestätigt Arvid mit einem Schmunzeln. »Rein akustisch, intim und unaufgeregt. Ich dachte an die neue Nummer.«
Finjans Tonfall schlägt augenblicklich in aufrichtige Ernsthaftigkeit um. »Den Song für Ryan?«
Arvid nickt unwillkürlich. »Ja. Ich will, dass sie ihn genau so zum ersten Mal hört. Nicht als glattpolierte Studioaufnahme über irgendwelche Kopfhörer, sondern live – mitten in ihrem Revier, an ihrem Ort und umgeben von den Menschen, die ihr am meisten bedeuten.«
Finjan stößt einen anerkennenden Pfiff aus. »Verdammt starker Plan, Mann. Ich trommle Damian und Jaron sofort zusammen, wir schnappen uns die Akustik-Klampfen und rücken an. Das ziehen wir richtig durch.«
Das Grinsen auf Arvids Lippen wird breiter, eine wohlige Vorfreude kribbelt in seinen Fingerspitzen. »Perfekt. Wir sehen uns gleich am Hintereingang.«
Ryan steigt mit federnden Schritten aus dem Wagen und lässt den Blick aufmerksam über das vertraute Kopfsteinpflaster wandern. Keine lauernden Kameras im Schatten der Hauswände. Keine aufdringlichen Gestalten, die aus getönten Scheiben spähen. Die Straße ruht friedlich in der warmen Abenddämmerung – fast so unberührt wie in den Tagen, bevor ihr Gesicht die Titelseiten füllte.
Ein befreiender Atemzug hebt ihre Brust, und die Leichtigkeit, die sie so lange vermisst hat, kehrt zurück.
Ehe sie die Autotür ins Schloss fallen lässt, beugt sie sich noch einmal zum geöffneten Fenster hinunter. Steve sitzt wie angewurzelt hinter dem Lenkrad, die Finger starr um das Leder gelegt, den Blick stur geradeaus gerichtet.
»Du musst nicht den ganzen Abend im Wagen versauern, weißt du?«, sagt sie sanft. »Komm doch einfach mit rein.«
Steve hebt langsam den Kopf. Seine Miene bleibt die gewohnte professionelle Maske, doch in den dunklen Iriden glimmt für den Bruchteil einer Sekunde ein wehmütiger Funke auf. Er hebt knapp die Schultern. »Ich überleg’s mir.«
Ryan verharrt einen Augenblick. Die Distanz zwischen ihnen schmerzt auf eine leise, bittere Art. Vor ein paar Wochen noch haben sie während der Fahrten gelacht, private Anekdoten ausgetauscht und eine unkomplizierte Vertrautheit geteilt. Doch seit das Band zwischen ihr und Arvid für die ganze Welt sichtbar geworden ist, liegt ein frostiger Schleier über ihren Begegnungen. Die Worte sind knapp geworden, fast mechanisch.
Sie spürt die unausgesprochene Zuneigung, die er so sorgsam hinter seiner stoischen Leibwächter-Fassade vergräbt. Steve vermisst die Zeiten, in denen er ihr einziger Beschützer, ihr engster Begleiter im Tour-Wahnsinn war. Nun steht Arvid felsenfest an ihrer Seite – und der Raum für alte Leichtigkeit ist unwiederbringlich geschrumpft.
Ryan zwingt sich zu einem versöhnlichen Lächeln. »Na gut. Falls du Gesellschaft suchst: Die Theke steht offen.«
Ein kurzes, sachliches Nicken ist alles, was er ihr schenkt. Kein Schmunzeln, keine Erwiderung. Er wendet den Kopf wieder ab und starrt in die Windschutzscheibe.
Mit einem leisen Seufzen schlägt sie die Tür zu.
Sie dreht sich um und eilt die Stufen zum September hinauf. Mit jedem Schritt wächst das freudige Kribbeln in ihrem Bauch. So sehr ihr Herz auch an Arvid hängt – dieses Lokal mit seinen knarzenden Dielen und dem Geruch nach gehopftem Bier ist ihr Anker. Ihre zweite Familie.
Sie stößt die schwere Holztür schwungvoll auf und tritt in das warme Licht des Schankraums. Sascha, Malu, David und Tasja stehen eng zusammen, um die letzten Handgriffe abzustimmen.
Im selben Moment wirbelt David herum. Als sein Blick auf sie fällt, erstarrt er auf der Stelle, reißt die Augen auf, als stünde die leibhaftige Venus im Raum, und lässt theatralisch die Kinnlade nach unten klappen.
»HEILIGER ST. PATRICK!«, schmettert er mit der Wucht einer Opern-Diva durch den Raum und wirft die Arme gen Decke. »Was zum Teufel sind das bitte für monumentale WUNDERBEINE?!«
Ryan zieht eine Augenbraue hoch, doch David stürmt bereits mit wehendem Hemd auf sie zu.
»Einmal um die eigene Achse, aber zackig! Alter Falter, dieses Kleid ist eine Waffe!« Seine Hände flattern wild durch die Luft, zeichnen mit fieberhaften Gesten ihre Konturen nach und stoppen zentimetergenau vor ihrem Dekolleté, als wolle er eigenhändig Maß anlegen.
Ryan funkelt ihn mit blitzenden Augen an. »David! FASS. MICH. NICHT. AN!«
David fletscht die Zähne zu einem unverschämten Grinsen. »Ich wollte doch nur kurz die Symmetrie prüfen …«
»David, keinen Millimeter weiter!«
»Nur ein winziger Griff zur Perfektion!«
»DAVID, WEHE DIR!«
Gerade als er die Arme ausbreitet, um sie im vollen Überschwang an sich zu reißen und durch die Luft zu wirbeln, setzt Ryan geistesgegenwärtig einen geschmeidigen Schritt nach hinten. Mit einem trockenen Ausfallschritt lässt sie ihn ins Leere greifen und pariert seinen Größenwahn mit einem schallenden Lachen.
David bremst seinen Vorstoß abrupt ab, starrt sie mit gespielter Fassungslosigkeit an und verdreht theatralisch die Augen. »Du bist und bleibst eine unverbesserliche Spaßbremse, Ryan.«
»Und du bist ein wandelndes Sicherheitsrisiko!«, hallt Tasjas schallendes Lachen aus der Küche herüber.
Sascha quittiert das Schauspiel mit einem amüsierten Kopfschütteln, während Malu sich prustend an der Theke festhält.
Ryan atmet tief ein und lässt den Blick durch den vertrauten Gastraum schweifen. Ein warmes Schmunzeln liegt auf ihren Lippen. »Es ist einfach unbezahlbar, wieder hier zu sein.«
Für ein paar Momente herrscht diese prickelnde Ruhe vor dem großen Sturm. Malu zupft noch einmal den Kragen ihrer Bluse zurecht, Tasja richtet mit geübtem Blick die Gläser und Servietten auf den vorderen Tischen aus, während Sascha mit verschränkten Armen gelassen am Tresen lehnt und die Eingangstür fixiert. Und David? David marschiert mit wehendem Hemd wie ein nervöser Feldherr auf und ab, als stünde die Audienz bei Hofe kurz bevor.
»Das wird monumental!«, verkündet er schließlich feierlich, um seiner eigenen Anspannung Herr zu werden. »Oder der spektakulärste Schiffbruch des Jahrhunderts … Wir werden es bald wissen!«
»Jetzt mach dich mal locker, David«, lacht Ryan von ihrem Barhocker aus und schwingt die Beine im Rhythmus der leisen Hintergrundmusik. »Wir eröffnen einen Biergarten, nicht die Filmfestspiele von Cannes.«
»Papperlapapp! Für mich steht hier nichts Geringeres auf dem Spiel!« Er wirbelt herum, stemmt die Fäuste in die Hüften und blickt mit blitzenden Augen in die Runde. »Das September expandiert! Wir haben jetzt ein handgezimmertes Open-Air-Areal mit Podest, auf dem Musikgeschichte geschrieben werden kann! Stellt euch vor: Ein weltberühmter Scout sitzt zufällig an Tisch vier, entdeckt die nächste Legende und die ganze Welt weiß: Dieses Juwel wurde im September geschliffen!«
Tasja verdreht mit einem breiten Grinsen die Augen. »Oder die Leute denken einfach: Donnerwetter, David hat wieder drei Kaffees zu viel intus.«
Während Ryan auflacht, tritt Malu an David heran und legt ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. »Es wird großartig, glaub mir. Erinnere dich mal an die Anfänge, an unsere allerersten Events.«
Saschas Gesichtszüge werden weicher, ein Hauch von Nostalgie schwingt in seinem Nicken mit. »Genau. Die Abende, an denen wir vor Eröffnung schwitzend gerechnet haben, ob wir am nächsten Morgen Insolvenz anmelden müssen – und um Mitternacht sind uns die Fässer ausgegangen, weil die Hütte aus allen Nähten platzte.«
David schnipst schwungvoll mit den Fingern, sein Grinsen reicht von einem Ohr zum anderen. »Oder die legendäre Nacht, als ich mich ans Mischpult geklemmt habe und der ganze Laden bei meinem aberwitzigen Crossover aus Hardrock und 90er-Trash völlig eskaliert ist?«