Seite 17 - Dann beweis es mir


Während David im September mit wachsender Begeisterung Ryans mysteriöse Auszeit zum Kriminalfall erklärt, beschäftigt sie selbst eine wesentlich ernstere Frage. Die Bilder und Schlagzeilen aus Arvids Vergangenheit lassen erste Zweifel an ihrer gemeinsamen Zukunft aufkommen. Als sie ihn schließlich damit konfrontiert, weicht Arvid der Wahrheit nicht aus. Doch Ryan will sich weder von seinem Ruf noch von schönen Worten überzeugen lassen – sondern von dem Mann, den sie kennengelernt hat.


David sitzt auf einem Barhocker am Tresen, die Arme vor der Brust verschränkt und die Stirn in tiefe Falten gelegt. »Also mal ganz ehrlich, Leute … Drei Tage Urlaub. Spontan. Ohne plausible Erklärung. Das stinkt doch zum Himmel, oder etwa nicht?«

Malu schmunzelt, während sie zwei Gläser Bier zapft. »Vielleicht braucht sie einfach mal eine Pause. Ryan schuftet sich hier sonst den Hintern ab, das weißt du doch.«

David schnaubt empört auf. »Ja, sicher, eine Pause. Ryan! Die Frau, die selbst mit vierzig Grad Fieber am Zapfhahn stünde, wenn man sie nicht festschnallt! Nee, nee, da steckt mehr dahinter. Ich wette mein Monatsgehalt: Es gibt einen Mann!«

Sascha, der hinter dem Tresen Gläser poliert, hebt kurz den Blick. »Sie besucht ihre Mutter. Hat sie doch klar gesagt.«

»Ja, natürlich! Und ich bin der Papst höchstpersönlich!«, erwidert David mit gespieltem Ernst. »Ryan nimmt doch keine drei Tage frei für einen stinknormalen Kaffeeklatsch bei Muttern. Da ist gewaltig was im Busch. Ich spüre das im Urin!«

Tasja, die gerade mit einem Tablett voll schmutzigem Geschirr aus dem Gastraum kommt, schüttelt den Kopf. »David, du hast schlicht zu viel Fantasie.«

»Das ist keine Fantasie, Tasja, das ist messerscharfe Intuition!« David tippt sich mit dem Zeigefinger bedeutungsvoll an die Schläfe. »Ich kenne Ryan in- und auswendig. Sie hatte diesen ganz bestimmten Blick drauf, als sie gegangen ist. So, als würde sie ein riesiges Staatsgeheimnis mit sich herumtragen.«

Malu verkneift sich mühsam ein Lachen. »Vielleicht wollte sie sich einfach nur davor schützen, von dir verhört zu werden.«

David überhört den Einwand geflissentlich und beugt sich verschwörerisch vor. »Passt auf, meine Theorie lautet wie folgt: Sie hat einen neuen Lover. Einen geheimen Geliebten! Jemanden, den sie uns aus gutem Grund vorenthält!«

Malu hebt eine Braue. »Und warum sollte sie das tun?«

David winkt weltmännisch ab. »Vielleicht ist er verboten heiß. Oder steinreich. Oder ein internationaler Undercover-Agent! Vielleicht muss er seine Identität verschleiern, weil er eine hochbrisante Mission erfüllen muss!«

Sascha verdreht gelassen die Augen. »Oder sie genießt einfach ein paar Tage mit jemandem, ohne sofort den ganzen Pub zur Pressekonferenz einzuladen.«

David mustert ihn mit zusammengekniffenen Augen. »Du weißt doch mehr, gib’s zu!«

Sascha zuckt nur mit den Schultern und grinst feinsinnig in sein Poliertuch. »Ich weiß nur, dass die Auszeit ihr wichtig war. Und das reicht mir völlig.«

David trommelt ungeduldig mit den Fingern auf die Holzplatte. »Ich kriege das trotzdem raus. Vor mir bleibt nichts verborgen!«

Tasja lacht trocken auf, während sie die nächsten Bons in die Küche reicht. Der Pub summt vor Leben, Gläser klirren, Stimmengewirr erfüllt den Raum – doch David bleibt unerbittlich in seiner Rolle als Chefermittler.

Malu grinst ihn an. »Wie wäre es, wenn du Ryan einfach direkt fragst, sobald sie wieder hier auftaucht?«

David winkt theatralisch ab. »Das wäre doch viel zu simpel. Wo bliebe denn da die Kunst des Dramas?«

Er setzt sofort zu einer neuen Volte an. »Also, hört mir genau zu. Vielleicht … und das ist keine wilde Spekulation, sondern eine fundierte Hypothese … vielleicht hat Ryan den Laden hier satt! Vielleicht zieht sie heimlich in eine andere Metropole, bricht alle Brücken ab und fängt ein neues Leben an – ohne ein einziges Wort des Abschieds!«

Tasja tippt eine Buchung in die Kasse und rollt mit den Augen. »David, das ist mit meilenweitem Abstand der größte Schwachsinn, den du je verzapft hast.«

Sascha schmunzelt vor sich hin, doch Malu hört kaum noch hin. Ihre Gedanken driften ab.

Ryan hatte ihr tatsächlich nichts Genaues erzählt. Natürlich stand jedem sein Privatleben zu, aber eigentlich teilten die beiden sonst alles. Selbst ein unverbindliches Date mit einem neuen Typen hätte Ryan doch kaum verschwiegen. Oder etwa doch?

Malu seufzt leise. Vielleicht war Ryan wirklich mit diesem mysteriösen Kerl verreist. Dieses verträumte Glänzen in ihren Augen in den letzten Tagen sprach Bände – so sah Ryan eigentlich nur aus, wenn es sie vollkommen erwischt hatte.

»Malu? Hallo? Erde an Raumstation Malu!«

David fuchtelt wild mit den Händen vor ihrem Gesicht herum. Sie blinzelt ihn verwirrt an.

»Du hast mir eben nicht mal Kontra gegeben, als ich von Ryans heimlicher Flucht gefaselt habe! Das bedeutet, in deinem Kopf rattert es! Und wer nachdenkt, hat eine heiße Spur! Los, spuck’s aus!«

Malu schüttelt amüsiert den Kopf. »Ich weiß gar nichts, David. Ich denke nur, dass Ryan uns reinen Wein einschenken wird, sobald sie wieder da ist.«

David fixiert sie misstrauisch. »Du steckst doch mit ihr unter einer Decke!«

Malu verdreht die Augen. »Ich weiß überhaupt nichts. Aber wenn du so weitermachst, sorgt Ryan nach ihrer Rückkehr persönlich dafür, dass du vor die Tür gesetzt wirst.«

David schnaubt gespielt beleidigt. »Pff. Ich brauche eure Aussagen gar nicht. Ich habe meine ganz eigenen Informanten.«

»Du meinst deine überhitzte Fantasie?«, fragt Tasja trocken von der Seite.

»Nennt es, wie ihr wollt – ich werde diesen Fall knacken!« David hebt den Zeigefinger wie ein tragischer Held und rauscht mit einem vollbeladenen Tablett in Richtung der Tische ab.

Malu lehnt sich an den Tresen und sieht ihm nach. Ein leises Lächeln huscht über ihr Gesicht, doch ein feines Kribbeln bleibt. Irgendetwas sagt ihr, dass Ryan nach diesem Wochenende nicht einfach nur ausgeruht zur Schicht antanzen wird – sondern mit Neuigkeiten, die das September gehörig auf den Kopf stellen dürften.

 

Ryan schließt die Wohnungstür hinter sich und lehnt sich für einen Moment dagegen. Die Realität holt sie mit voller Wucht ein. Arvid zieht seine Jacke aus, wirft sie über die Lehne des Sofas und schenkt ihr ein sanftes Lächeln.

»War ein schöner Spaziergang«, sagt er und streckt sich kurz.

Ryan nickt und zwingt sich zu einer Erwiderung, doch das Lächeln fühlt sich schwer an. Sie hat die Stunden mit ihm genossen, zweifellos. Sie haben gelacht, über alte Zeiten geredet, Träume geteilt. Und dennoch …

Die Bilder aus dem Netz brennen vor ihrem inneren Auge: Arvid mit einer Brünetten auf einer Dachterrasse, Hand in Hand mit einer Blondine im Blitzlichtgewitter, Paparazzi-Schnappschüsse mit Schlagzeilen wie »Frauenmagnet Arvid Eklund – Nächste Eroberung oder kurzes Abenteuer?«.

Ryan beißt sich auf die Unterlippe. Natürlich wusste sie, dass ein gefeierter Rockstar keine weiße Weste hat. Doch das Schwarz auf Weiß zu sehen, schneidet tiefer als gedacht.

»Alles okay?«, fragt Arvid aus der Küche, während er sich ein Glas Wasser einschenkt.

Ryan stößt sich rasch von der Tür ab. »Ja, klar. Ich zieh mich nur kurz um.«

Arvid hebt eine Braue, mustert sie forschend, lässt es dann aber auf sich beruhen.

Im Schlafzimmer schließt Ryan die Tür, presst den Rücken dagegen und atmet zittrig durch. Vor dem Spiegel wischt sie sich mit dem Handrücken über die Wangen, um jede Spur der verräterischen Tränen zu tilgen. Sie lockert die Schultern, setzt eine unberührte Miene auf und atmet noch einmal tief ein.

Draußen sitzt Arvid auf der Couch, überfliegt kurz die Bandnachrichten auf seinem Smartphone, doch seine Gedanken sind längst bei Ryan. Das ungute Gefühl lässt ihn nicht los. Er steht auf, tritt an die Schlafzimmertür und klopft behutsam an.

»Hey, alles in Ordnung?«

»Ja! Bin gleich da!«, klingt es von drinnen zurück.

Ihre Stimme klingt gefasst – und doch spürt er die Brüchigkeit. Kurz verharrt seine Hand an der Klinke, ehe die Tür aufgeht und Ryan ins Wohnzimmer tritt.

Er mustert sie mit schief gelegtem Kopf. »Alles okay? Du siehst aus, als würde dein Kopf gleich explodieren vor lauter Gedanken.«

Ryan setzt sich neben ihn, zieht die Beine an und stützt das Kinn auf die Knie. »Es ist nur … viel. Du und ich. Das Ganze eben.« Sie lacht trocken auf. »Ich wusste ja, dass du kein Mönch bist, aber wenn man den Klatschblättern glaubt, warst du verdammt fleißig.«

Arvid runzelt die Stirn. Dann dämmert es ihm. »Du hast mich gegoogelt?«

»Was sollte ich sonst tun?«, hält sie dagegen. »Du stehst nun mal im Rampenlicht. Fotos, Gerüchte, Groupies – all das Zeug existiert nun mal.«

Arvid stellt das Glas ab, stützt die Unterarme auf die Knie und blickt sie ernst an. »Und du glaubst blind allem, was da zusammengeschrieben wird?«

»Sag du es mir«, entgegnet sie leise.

Arvid fährt sich durchs Haar und atmet schwer aus. »Ja, ich hatte Affären. Frauen für eine Nacht. Kurze Flirts. Das passiert, wenn man ständig auf Tour ist und in jeder Stadt neue Gesichter sieht. Aber …« Er sieht ihr direkt in die Augen. »Das hier ist etwas völlig anderes. Du bist anders. Ich bin kein Heiliger, Ryan. Aber ich bin auch nicht der oberflächliche Typ, den die Presse aus mir macht.«

Ryan hält seinem Blick stand. Die ehrliche Offenheit in seiner Stimme berührt sie mehr, als ihre Zweifel wahrhaben wollen.

»Okay«, sagt sie nach einem langen Moment. »Dann beweis es mir.«

Ein leises Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen. »Abgemacht.«

Ryan lässt die Anspannung fallen und bettet ihren Kopf an seine Schulter. Arvids Arm schließt sich fest um sie, zieht sie an seine warme Brust, während seine Finger beruhigend über ihren Arm streichen.

»Du denkst zu viel nach«, murmelt er leise in ihr Haar.

»Ich kann den Kopf eben nicht per Knopfdruck ausschalten.«

»Dann überlass das mir«, sagt er und küsst sanft ihren Scheitel.

Ryan schließt die Augen, lauscht dem gleichmäßigen Takt seines Herzschlags und lässt die Zweifel für diesen Moment vollkommen verblassen.