Kapitel 4 - Auf Kollisionskurs
Für Arvid und Metal Earth geht es weiter zum nächsten Tourstopp – irgendein Kaff, dessen Namen kaum jemand wissen will. Während die Band müde und abgebrüht dem nächsten Auftritt entgegenfährt, beginnt für Ryan ein ganz gewöhnlicher Tag. Noch ahnt sie nicht, dass sich ihre Wege schon bald kreuzen werden – und dass ausgerechnet dieser unscheinbare Tourstopp einiges verändern könnte.
Arvid schmeißt alles in den Koffer, was im Zimmer herumfliegt: zerknitterte T-Shirts, Jeans, Socken, seine Lederjacke. Mit roher Gewalt presst er den Deckel zu und zieht den Reißverschluss zu. Passt.
Als er sein Smartphone von der Kommode nimmt, geht die Tür auf. Finjan betritt das Zimmer – Bandkollege und bester Freund. Sein Blick streift durch den Raum und bleibt an etwas auf dem Boden hängen.
»Sammelst du jetzt Trophäen?«, neckt er und deutet mit dem Kinn auf den schwarzen Slip, den die Fremde von letzter Nacht liegen gelassen hat.
Arvid hebt den Fetzen mit zwei Fingern auf, schnaubt leise und pfeffert ihn in den Müll. »Ich weiß nicht mal, ob es sich gelohnt hat. Erinnere mich an nichts.«
Finjan grinst. »Dann war’s bestimmt grandios.«
Arvid zuckt die Achseln, verstaut das Handy in der Lederjacke und sieht seinen Kumpel an. »Wohin geht’s als Nächstes?«
Finjan lehnt sich verschränkt gegen den Türrahmen. »Irgendso ein Kaff. Nicht der Rede wert.«
»Super. Wieder ein Gig vor drei Leuten.«
»So schaut’s aus, Alter«, grinst Finjan schief.
Ein Roadie klopft kurz an, greift wortlos Arvids Koffer und verschwindet wieder. Den beiden bleibt nichts als Warten – fünfzig Prozent des Tourlebens bestehen schließlich aus Toter Zeit.
Arvid beobachtet Finjan, der konzentriert durch sein Display scrollt. Die beiden haben sich erst bei Metal Earth kennengelernt, tickten aber sofort auf derselben Wellenlänge. Sie teilen denselben trockenen, bisweilen bösen Humor.
In Wahrheit gehört das Duo zur arrogant-unnahbaren Sortierung. Der Erfolg der letzten Jahre ist ihnen zu Kopf gestiegen, aber es juckt sie nicht. Sie sind das optische Aushängeschild der Band – und nutzen das eiskalt aus.
Finjan besticht durch seinen nordischen Look: stechend blaue Augen, blondes Haar, perfekt getrimmter Dreitagebart und ein durchtrainierter Körper, der Frauen magisch anzieht.
Arvid ist das genaue Gegenteil – dunkler, markanter, gefährlicher. Das braune Haar wirkt mühelos zerzaust, der dunkle Teint ist reine Genetik, und sein intensiv-fordernder Blick lässt Frauen regelmäßig innehalten. Hinter dem scheinbar lässigen Äußeren steckt jedoch harte Arbeit: Wann immer es geht, schindet er seinen muskulösen Körper im Gym. Sein Aussehen ist Teil des Business.
Er muss nur einen Raum betreten, um alle Blicke auf sich zu ziehen. Er weiß es, er nutzt es – und die Frauen machen es ihm verdammt leicht.
Die Tür geht auf, und der Rest der Band trottet herein.
Jaron, der Drummer, fährt sich gähnend durch das zerzauste dunkle Haar. Damian, der Bassist, schiebt sich mit halb geschlossenen Augen an ihm vorbei und fällt mit einem dumpfen Plumps auf den nächsten Stuhl. Constantin, der Gitarrist, reibt sich stöhnend den Nacken.
»Sehe ich so scheiße aus, wie ich mich fühle?«, brummt Jaron in die Runde.
Arvid grinst träge. »Mindestens.«
Finjan sieht kaum von seinem Display auf. »Wäre einfacher, wenn ihr nicht jedes Mal die Bar leer trinken würdet.«
»Blablabla. Papa Finjan hält wieder ’ne Predigt«, winkt Jaron ab.
»Einer muss es ja tun.« Finjan zuckt unverändert die Schultern.
Arvid lehnt sich zurück und beobachtet das Trio. Alle drei sind völlig bedient – rote Augen, fahle Haut, verlangsamte Reflexe. Finjan ist der Einzige, der eisern auf Alkohol verzichtet. Er hat es wahrlich nicht leicht mit ihnen, hält sich aus ihren Exzessen aber konsequent heraus.
Constantin lässt sich auf die Sofakante sinken. »Aber der Gig war geil.«
Damian hebt zustimmend die Hand. »Wie immer.«
»Laden voll, Stimmung am Kochen, null Patzer«, grinst Jaron. »Was willst du mehr?«
Arvid nickt. Ja, die Show war brutal gut. Aber Überraschungen gibt es auf dem Niveau kaum noch: Sie sind Metal Earth. Sie liefern ab. Jedes verdammte Mal.
Das helle Summen von Finjans Smartphone unterbricht die Runde. Er wirft einen kurzen Blick auf das Display. »Der Fahrer steht bereit. Zeit für die Piste.«
Ein kollektives Stöhnen rollt durch den Raum, aber die Jungs rappeln sich auf. Sie greifen nach ihren Lederjacken, schnappen ihr Zeug und verlassen das Zimmer.
Draußen wartet bereits der mattschwarze Tourbus mit den getönten Scheiben. Der Motor brummt im Leerlauf.
Sie entreisen dem Touralltag ein paar Schritte, entern den Bus und werfen ihre Taschen in die Fächer. Kaum im Sitz eingespurt, fallen den meisten schon die Augen zu. Über zwei Stunden Fahrt liegen vor ihnen – genug Zeit, um etwas Schlaf nachzuholen, bevor das nächste Chaos beginnt.
Ryan rekelt sich genüsslich im Bett. Die ersten Sonnenstrahlen schlüpfen durch den Vorhangspalt und kitzeln ihr Gesicht.
Ein Lächeln huscht über ihre Lippen. Sie liebt sonnige Mittage.
Die letzte Nacht war lang – aber nicht, weil sie gefeiert hatten. Sie haben bis tief in die Nacht am Konzept für den Innenhof gefeilt. Das September liegt ihr am Herzen. Aufgeben? Keine Option. Mit frischen Ideen im Gepäck schwingt sie die Beine aus dem Bett.
Wenig später verlässt sie fertig angezogen die Wohnung: Eine locker geschnittene, beigefarbene Leinenhose, kombiniert mit einem schwarzen Crop-Top. Darüber eine verwaschene oversized Jeansjacke, lässig über die Schulter geworfen, bequeme weiße Sneaker und die Sonnenbrille im Haar.
Ihr Weg führt sie direkt zum Supermarkt. Sie braucht nur das Nötigste – Kaffee, Milch, frisches Obst. Als sie durch die Gänge schlendert, hört sie eine vertraute Stimme.
»Ryan! Na, wie geht’s?«
Sie dreht sich um und erblickt Frau Bergmann, eine ältere Dame aus der Nachbarschaft.
»Hallo, Frau Bergmann! Mir geht’s gut, danke. Und Ihnen?«
»Ach, der Rücken macht Ärger, aber was soll’s. Und bei dir? Arbeit, Leben, Männer?«
Ryan lacht. »Arbeit und Leben laufen. Männer? Fehlanzeige.«
Frau Bergmann winkt ab. »Die braucht man auch nicht ständig. Besser keinen als den Falschen.«
»Da haben Sie absolut recht.«
Nach einem kurzen Plausch verabschiedet sich die Nachbarin mit der Ermahnung, sich nicht zu übernehmen. Ryan schnappt sich die restlichen Sachen und eilt zur Kasse.
Draußen bringt ein Blick aufs Display die Ernüchterung: 13:30 Uhr.
Verdammt. Um 14 Uhr öffnet der Pub, und wenn Sascha eines hasst, ist es Unpünktlichkeit.
Sie legt einen Zahn zu. Zuhause fliegt der Einkauf im Eiltempo in die Schränke. Keine Zeit für Ordnung – Hauptsache, das Zeug ist weg. Sie schnappt sich ihre Kellnerbörse, schlüpft aus der Tür und geht auf der Straße direkt in einen leichten Dauerlauf über.
Die Altstadt ist belebt. Ryan zirkelt im Slalom durch die Passanten, schlägt Haken und weicht Kinderwagen aus.
»Entschuldigung! Sorry! Oh, tut mir leid!«, ruft sie mehrfach, während ein Mann im Anzug ihr empört nachstarrt.
Keine Zeit für Ausreden – Ryan läuft weiter, dem September entgegen.