Kapitel 12 - Deal? Deal.


Zwischen Schaufeln, schmutzigen Händen und jeder Menge Chaos nimmt der neue Hinterhof des September langsam Gestalt an. Doch Ryans Gedanken wandern längst immer wieder zu Arvid. Als er sich schließlich meldet, entwickelt sich aus einem frechen Wortgefecht eine kleine Abmachung mit verlockendem Einsatz. Und obwohl Arvid weiterhin hartnäckig verschweigt, womit er sein Geld verdient, verfliegen die Stunden zwischen ihnen, als würden sie sich schon viel länger kennen.


Ryan wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und stützt sich schwer auf den Stiel der Schaufel. »Warum genau machen wir das noch mal selbst?«, fragt sie schnaufend.

Malu, die gerade mit der Harke das widerspenstige Unkraut aus dem matschigen Boden kratzt, lacht auf. »Weil wir pleite sind und uns niemanden leisten können, der den Kram für uns erledigt.«

Ryan schnaubt. »Ach ja, richtig. Details.«

Sie blickt sich im Areal um. Auf der anderen Seite des Innenhofs kämpfen David und Sascha mit den wuchernden Ästen der alten Bäume. David beschneidet einen dicht eingewachsenen Busch, während Sascha auf einer wackeligen Leiter steht und über seinem Kopf mit der Astschere hantiert.

»Pass auf, dass du dir nicht die Finger absäbelst!«, ruft Malu neckend hoch.

»Pass du lieber auf, dass du dich nicht selbst aufspießt!«, kontert David mit einem breiten Grinsen.

Ryan lacht und schlägt die Schaufel mit neuer Energie in die Erde. Der Hinterhof ist eine einzige Wildnis aus meterhohem Unkraut, verfilzten Sträuchern und altem Laub, das in den Ecken modert. Doch sie alle haben dasselbe Bild vor Augen: Rustikale Holztische, kleine Lichterketten in den Baumkronen, ein Grill in der Ecke. Ein gemütlicher Rückzugsort, an dem die Gäste laue Sommernächte genießen können.

Malu flucht leise, als sich eine tief sitzende Wurzel hartnäckig wehrt. »Ich schwöre, das Zeug hier ist verflucht.«

»Bestimmt war das früher ein geheimer Hexengarten und wir zerstören gerade magische Zauberkräuter«, witzelt Ryan und stemmt sich mit allem Gewicht gegen ein Büschel.

David stemmt die Hände in die Hüften. »Dann hoffe ich inständig, dass der Fluch dich trifft und nicht mich.«

Sascha schüttelt oben auf der Leiter nur schmunzelnd den Kopf. »Wenn ihr halb so viel schaufeln würdet, wie ihr quatscht, wären wir schon fertig.«

Malu streckt ihm frech die Zunge raus. »Chefs haben beim Unkrautjäten kein Stimmrecht.«

Sascha lacht, trennt mit einem lauten Knack einen morschenden Ast ab und lässt ihn ins Unterholz krachen. Ryan atmet tief ein und blickt sich um. Ja, das wird gut. Aus diesem Chaos wird bald eine echte Oase.

Plötzlich greift sich David einen langen, dünnen Ast vom Boden, führt ihn wie ein Mikrofon an den Mund und nimmt eine hochdramatische Pose ein.

»Meine Damen und Herren!«, brüllt er theatralisch und winkt königlich in die Runde. »Willkommen zur exklusiven Open-Air-Show von David & The Pub-Crew!«

Ryan verdreht schmunzelnd die Augen und pfeffert eine Handvoll Erdklumpen in den Eimer. »Oh nein, nicht schon wieder …«

Doch es ist längst zu spät.

David atmet tief durch, wirft sich in die Pose eines geborenen Rockstars und beginnt zu singen – oder besser gesagt: völlig hemmenlos zu improvisieren.

»Hier im September, da sind wir zuhaus’, Ryan gräbt Löcher und sieht schrecklich aus!«

Ryan prustet laut los, während Malu sich vor Lachen kaum an ihrer Harke halten kann.

David setzt mit einer hochdramatischen Geste nach: »Malu die Schöne, mit Schaufel in Hand, Ein Engel im Dreck – doch voller Verstand!«

Malu lacht schallend. »Jetzt einschmeicheln gilt nicht!«

David richtet sein Ast-Mikrofon spitz auf Sascha, der die Vorstellung schmunzelnd und mit verschränkten Armen beobachtet. »Sascha, der Chef, mit dem Blick einer Eule, Schneidet die Bäume und brummt nur in die Scheune!«

»Hey!«, protestiert Sascha gespielt empört von seiner Leiter herab.

In diesem Moment tritt Tasja aus der Hintertür der Küche auf den Hof und hebt amüsiert eine Augenbraue, als David wirbelnd zu ihr herumfährt.

»Und unsere Tasja, die Göttin am Herd, Kocht Eintopf für alle – und schmeißt uns raus, wenn’s nervt!«

Tasja lacht herzlich und lehnt sich gelassen in den Türrahmen. »Wenn du nicht augenblicklich weiterarbeitest, landest du selbst im Kochtopf, mein Lieber.«

David beendet seine Performance mit einem hingebungsvollen Kniefall im Dreck und einem schmetternden: »Daaaaaanke, ihr wunderbaren Menschen! Der nächste Auftritt folgt morgen – direkt nach dem Unkrautjäten!«

Jelender Applaus und gepfiffenes Gelächter belohnen die Einlage, während David sich königlich vor seinem Publikum verneigt.

Ryan schüttelt lachend den Kopf. »Ich wette um mein Monatsgehalt, dass das nicht dein erster Auftritt mit einem Ast-Mikrofon war.«

David rappelt sich auf und winkt selbstbewusst ab. »Süße, ich wurde ganz eindeutig für die großen Bühnen dieser Welt geboren!«

Die Sonne beginnt langsam unterzugehen, während sie weiterarbeiten. Der einst zugewucherte Hinterhof nimmt allmählich Gestalt an – weniger Unkraut, weniger Gestrüpp, dafür eine Menge Schweiß und schmutzige Hände.

Ryan streckt sich ächzend und spürt jede einzelne Faser ihrer müden Muskeln. »Ich glaube, ich habe mir heute offiziell das Recht verdient, morgen einfach liegenzubleiben.«

»Du bist so ein Weichei«, neckt Malu und stippt ihr spielerisch mit der Schaufel gegen das Schienbein.

Bevor Ryan zum Gegenschlag ausholen kann, öffnet sich die Hintertür und Tasja lehnt sich in den Rahmen. »Schluss für heute! Es gibt Essen!«

David reißt die Arme gen Himmel. »Endlich! Ich dachte schon, ich muss hier draußen elendig verhungern.«

Sascha lacht leise und klopft sich die Erde von den Händen. »Los, bevor sie es sich anders überlegt.«

Sie lassen das Werkzeug an Ort und Stelle stehen und folgen dem Duft in den Pub, wo sich auf dem großen Holztisch bereits ein echtes Festmahl erstreckt. Tasja hat sich selbst übertroffen: Anstelle der üblichen Suppe serviert sie saftige Steaks, goldbraun gebraten mit langsam zerfließender Kräuterbutter, krosse Kartoffelspalten, frischen Salat und knuspriges Brot.

»Nach so einem Knochenjob habt ihr was Anständiges verdient«, erklärt Tasja und verteilt die Teller.

»Anständig ist eine maßlose Untertreibung«, schwärmt David ehrfürchtig und schielt auf sein Steak. »Das ist ein verdammtes Meisterwerk!«

Ryan lehnt sich zurück, atmet den herrlichen Duft ein und sieht dankbar in die Runde. »Das fühlt sich hier fast an wie Familie.«

Malu hebt ihr Glas. »Darauf stoßen wir an!«

Die Gläser klirren in einer fröhlichen Runde. Sascha nimmt einen Schluck, lehnt sich entspannt zurück und sieht Malu und David an. »Na, wie war das Konzert gestern eigentlich?«

Malu zuckt die Schultern. »Ganz okay. Ist halt absolut nicht mein Genre.«

»Ganz okay?!«, fährt David dazwischen, als hätte sie ein Sakrileg begangen. »Das war absolut episch! Eine Show der Extraklasse! Die Lichteffekte, die rohe Energie, die Riffs!«

Ryan schüttelt lachend den Kopf. »Man könnte meinen, du warst in Ekstase.«

David ignoriert den Einwand, sein Blick wird schwärmerisch. »Und dieser Sänger … hach! Eine einzige Nacht mit ihm, und ich würde mich nie wieder waschen.«

Ryan verzieht schockiert das Gesicht und gibt ein lautes Würgegeräusch von sich. »Ugh! Widerlich, David!«

Malu verdreht lachend die Augen, während die ganze Runde am Tisch in ausgelassenes Gelächter ausbricht.

Doch bevor David weiter schwärmen kann, fällt Malu ihm ins Wort. »Schnuckelig ist er ja. Wenn man ihn so sieht, würde man gar nicht vermuten, dass er ausgerechnet Metal macht.« Malu verzieht den Mund. »Aber Geschmäcker sind eben verschieden.«

»Pff!«, macht David empört. »Du hast schlicht keinen Sinn für Ästhetik! Diese Bühnenpräsenz, dieser Blick, diese raue, tiefe Stimme … Ich sage euch, wenn der einen Song anstimmt, vibriert das im ganzen Körper!«

Er unterstreicht seine Worte mit ausladenden Gesten und redet sich vollends in Rage. »Und dann dieser Moment, wenn er das Mikrofon leicht schräg hält, ganz beiläufig in die Menge sieht – und alle aufschreien! Die wissen haargenau, was kommt! Und dann … BOOM! Der Beat setzt ein, die Gitarren sägen los und der ganze Saal explodiert!«

Sascha hebt amüsiert eine Braue. »David, holst du zwischendurch eigentlich auch mal Luft?«

»Ich schwöre euch, das war keine gewöhnliche Show«, fuchtelt David aufgeregt weiter. »Das war … DAS war echte Kunst!«

Ryan lehnt sich kopfschüttelnd zu Malu. »Kunst, nennt er das.«

Malu schmunzelt. »Er ist eben ein durchgeknallter Fanboy.«

»Na und?«, kontert David schnippisch. »Ich wette meinen Hintern darauf: Wenn ihr den Typen einmal live erleben würdet, wärt ihr genauso hin und weg!«

Ryan nimmt einen Schluck aus ihrem Glas und zuckt gelassen die Schultern. »Ganz sicher nicht.«

Wenn sie ahnen würde.

In entspannter Runde lassen sie das Essen ausklingen, schieben die letzten Bissen auf die Gabeln und lehnen sich satt und zufrieden zurück.

»Tasja, du hast dich mal wieder selbst übertroffen«, lobt Sascha und klopft sich anerkennend auf den Bauch.

Malu nickt eifrig. »Definitiv! So ein Steak nach der ganzen Schufterei – genau das Richtige.«

»Ich heirate dich«, raunt David dramatisch mit der Hand auf dem Herzen. »Rein aus Liebe zu deiner Küche.«

Tasja lacht leise und schüttelt den Kopf. »Vergiss es, David. Du bist mir viel zu anstrengend.«

Gemeinsam machen sie sich ans Aufräumen. Ryan und Malu stapeln das Geschirr für die Küche, während Sascha und David die Gläser einsammeln. Tasja krempelt am Spülbecken bereits die Ärmel hoch.

»Wir greifen dir unter die Arme«, sagt Ryan, schnappt sich ein Geschirrtuch und fängt an abzutrocknen.

»Ich sehe es schon vor mir«, schwärmt David mitten beim Bestecksortieren weiter. »Laue Sommerabende unter Lichterketten, kühle Drinks, gute Musik … Und zur Eröffnung steigt die große Open-Air-Show – präsentiert von mir!« Er verneigt sich übertrieben tief.

»BITTE NICHT!«, schallt es ihm fast synchron von allen Seiten entgegen.

David reißt gespielt schockiert die Augen auf. »Ey! Ihr Banausen habt einfach keinen Sinn für echtes Talent!«

Tasja schnaubt vergnügt. »Das ist kein Talent, David. Das ist eine Lärmbelästigung.«

Unter herzhaftem Gelächter wandern die letzten Teller in die Schränke. Ein gelungener Abend, eine eingespielte Truppe – und eine riesige Vorfreude auf das, was aus dem Hinterhof werden wird.

 

Arvid sitzt auf dem Hotelbett, die Beine locker übereinandergeschlagen, das Smartphone in der Hand. Er öffnet erneut die Webseite des September und scrollt durch die Bildergalerie.

Sein Blick bleibt hängen.

Ryan.

Er tippt auf das Foto und vergrößert es. Unwillkürlich stiehlt sich ein Lächeln auf seine Lippen. Diese strahlend blauen Augen, das dunkelbraune Haar, ihr durchunddurch selbstbewusster Blick – sie hat einfach eine verdammt magische Anziehungskraft.

Ohne lange zu fackeln, klickt er auf ihren Kontakt und wählt die Nummer.

Es klingelt. Einmal. Zweimal.

»Hey!«, meldet sie sich – und die Freude in ihrer Stimme ist unüberhörbar.

Sein Schmunzeln wird breiter. »Hey.« Er macht eine kurze Kunstpause. »Du hast auf meine Nachricht gar nicht geantwortet.«

»Oh, sorry!«, entschuldigt sie sich prompt. »Ich war den ganzen Tag komplett eingespannt. Wir haben den Hinterhof vom September entkrautet.«

Arvid lacht leise. »Entkrautet?«

»Ja, den Garten eben. Wir wollen einen Außenbereich für den Pub aufbauen.«

»Klingt nach einem guten Plan.«

»Wird aber noch eine Menge verdammte Arbeit«, seufzt sie.

Arvid lehnt sich zurück und lässt sich tief in die Kissen sinken. »Vielleicht sollte ich vorbeikommen und mit anpacken«, schlägt er mit feinem Unterton vor.

Ryan lacht herzhaft auf. »Ich bezweifle ehrlich gesagt, dass du der Typ für harte Gartenarbeit bist.«

»Na warte«, brummt er gespielt beleidigt. »Ich bin mit den Händen vielleicht geschickter, als du denkst.«

Ryan schweigt einen Sekundenbruchteil, ehe sie leise kichert. »Oh, davon bin ich sogar felsenfest überzeugt.«

Arvid hebt amüsiert eine Braue. Das Gespräch nimmt gerade eine äußerst interessante Wendung. Er genießt die feine Provokation in ihrer Stimme.

»Ach, bist du das?«, hakt er grinsend nach.

»Vielleicht«, kontert sie gelassen. »Ich habe dich in dieser Hinsicht eben noch nicht in Aktion erlebt. Große Töne spucken ist das eine – aber kannst du es auch beweisen?«

Arvid stößt ein raues Lachen aus. »Herausforderung angenommen. Sag mir wann und wo, und ich schwinge die Schaufel wie ein absoluter Profi.«

»Das würde ich zu gerne sehen.«

»Allerdings nur unter einer Bedingung.«

»Oh?«, macht Ryan neugierig. »Du knüpfst Bedingungen daran? Ich dachte, du wärst ein Gentleman.«

Arvids Grinsen wird breiter. »Bin ich auch. Aber wenn ich mir schon für dich die Hände schmutzig mache, muss sich der Einsatz schließlich auch lohnen.«

»Und was wäre für dich ein lohnender Einsatz?«, fragt sie, und er kann das Lächeln in ihrer Stimme förmlich greifen.

Er überlegt kurz und lässt die Zunge bedächtig über die Unterlippe fahren. »Ein Kaffee«, sagt er schließlich. »Mit dir. Und zwar allein.«

Ryan schnaubt amüsiert. »Das ist dein großer Gewinn? Ein Kaffee? Du bist ja erstaunlich leicht zufriedenzustellen.«

»Kommt ganz auf die Gesellschaft an.«

Einen Moment lang herrscht Stille am anderen Ende, ehe er hört, wie Ryan leise ausatmet. »Deal.«

Arvid hebt überrascht eine Braue. »Deal?«

»Ja«, meint sie mit gespielter Gelassenheit. »Aber nur, wenn du dich bei der Gartenarbeit nicht komplett blöd anstellst.«

Er lacht tief auf. »Also ein Kaffee unter Druck. Das gefällt mir.«

»Ich bin eben eine Frau mit gewissen Ansprüchen.«

»Das merke ich schon.«

Ein Knistern liegt in der Luft – eine feine, elektrische Spannung, die trotz der Entfernung mühelos durch die Telefonleitung dringt.

»Du weißt aber schon, dass du mir jetzt beweisen musst, nicht nur große Töne zu spucken?«, bricht Ryan schließlich das Schweigen.

»Ich liebe Herausforderungen«, entgegnet Arvid mit einem selbstbewussten Lächeln.

»Das werden wir ja sehen.«

»Oh, das wirst du definitiv.«

In diesem Moment erreicht Ryan ihre Wohnung. Sie balanciert das Smartphone zwischen Ohr und Schulter, während sie in ihrer Tasche nach dem Schlüsselbund kramt. Als sie die Haustür endlich aufschließt, entgleitet ihr das Gerät um ein Haar.

»Scheiße!«, flucht sie leise und fängt das Handy im letzten Bruchteil einer Sekunde ab.

Am anderen Ende prustet Arvid los. »Was veranstaltest du da gerade?«

Ryan schnaubt auf. »Fast hätte ich dich hochkant auf den Boden befördert.«

»Ach, halb so wild«, grinst Arvid. »Einen kleinen Dachschaden habe ich ohnehin schon weg.«

Ryan lacht herzhaft. »Dem werde ich jetzt nicht einmal widersprechen.«

»Frechheit.« Arvid tut gespielt beleidigt, verstummt dann jedoch für einen kurzen Augenblick.

Ryan pfeffert ihre Tasche in die Ecke und lässt sich erschöpft auf die Couch fallen. Sie streckt die Beine aus, legt eine Hand auf den Bauch und presst das Smartphone wieder ans Ohr. »Sag mal«, beginnt sie nachdenklich, »wo steckst du eigentlich gerade?«

Arvid lehnt sich an die kühle Scheibe seines Hotelzimmers und blickt auf das Lichtermeer der fremden Stadt hinab. »Gerade? In einer anderen Stadt.«

»Sehr präzise Ortsangabe«, merkt Ryan trocken an.

»Ich weiß«, schmunzelt er.

»Und was machst du da schönes? Urlaub?«

Arvid schnaubt leise. »Schön wär’s.«

»Also beruflich?«

»Könnte man so sagen.«

Ryan runzelt die Stirn. »Und was genau ist dein Beruf?«

Arvid zögert einen Moment. Er will sie nicht anlügen, aber die volle Wahrheit würde das unbefangene Spiel zwischen ihnen mit einem Schlag zerstören. »Ich bin schlicht viel unterwegs. Arbeite in einer Branche, in der man selten fest an einem Ort bleibt.«

Ryan zieht die Brauen zusammen. »Aha. Klingt äußerst geheimnisvoll.«

»Vielleicht bin ich in Wahrheit ein Geheimagent?«, schlägt er mit amüsierter Stimme vor.

Ryan lacht leise auf. »Dann bist du der schlechteste Spion aller Zeiten. Immerhin plapperst du ja pausenlos mit mir.«

Arvid grinst. »Stimmt auch wieder. Aber vielleicht bin ich einfach nur ein Typ mit einem unkonventionellen Job.«

»Mhm.« Ryan nimmt einen Schluck aus ihrer Wasserflasche und kombiniert laut: »Viel unterwegs, kein fester Wohnsitz, vermutlich freischaffend …«

»So in etwa.«

»Ich hoffe jedenfalls, du baust keinen Mist. Klingt ja fast schon nach Mafia.«

Arvid lacht herzlich. »Keine Sorge, ganz so wild ist es nicht.«

»Na gut«, gibt sich Ryan fürs Erste geschlagen, auch wenn ihre Neugier brennt. »Ich werde das schon noch herausfinden.«

Arvid schmunzelt. »Da bin ich aber gespannt.«

Die Stunden verfliegen, während die Worte zwischen ihnen hin und her gleiten. Ryan liegt ausgestreckt auf dem Sofa, eine Hand unter dem Kopf. Arvid sitzt im Halbdunkel des Hotelzimmers, die Füße auf der Fensterbank eingehängt, und beobachtet die nachtaktive Stadt.

Schon mehrmals haben sie angesetzt, sich zu verabschieden – nur um gleich darauf beim nächsten Thema hängenzubleiben. Sie reden über Unwichtiges, über Lieblingsessen, schräge Kindheitserinnerungen und Orte, die sie noch sehen wollen. Doch immer wieder driftet das Gespräch ab in eine unerwartete Tiefe – über das Leben, persönliche Träume und Dinge, die man sonst kaum jemandem anvertraut.

Es entsteht kein einziges unangenehmes Schweigen, nur eine vertraute, warme Stille, in der beide unwillkürlich lächeln.

Als Ryan schließlich leise gähnt, schmunzelt Arvid ins Dunkel. »Langsam wird es wohl Zeit, was?«

»Hm-m«, murmelt Ryan schläfrig. »Ich könnte auf der Stelle hier wegnicken.«

»Tu’s nicht. Sonst wachst du morgen mit einem verrenkten Nacken auf.«

»Klingt ganz so, als spräche da die reine Erfahrung.«

»Vielleicht.«

Sie lacht leise – ein warmes, weiches Geräusch, das direkt unter seine Haut geht. »Dann … gute Nacht, Arvid.«

Er atmet leise durch und lehnt den Hinterkopf gegen das kühle Glas. »Gute Nacht, Ryan.«

Einen Augenblick lang verharren sie schweigend in der Leitung. Dann legt Ryan langsam auf.

Arvid starrt noch eine ganze Weile auf das mattschwarze Display, bevor er das Smartphone auf den Nachttisch legt. Ihr Lachen schwingt in den leeren Raum nach, und als er schließlich unter die Decke schlüpft, ist es ihr leises Gute Nacht, das ihn mühelos in den Schlaf begleitet.