Kapitel 2 - Wenn sich etwas verändert


Ryan versucht, nach ihrer schmerzhaften Trennung endgültig nach vorn zu schauen. Ein sonniger Tag mit Malu bringt Leichtigkeit, alte Vertrautheit und neue Ideen für das September. Doch hinter den Kulissen sieht die Lage des Pubs weniger unbeschwert aus: Die Gäste bleiben aus, das Geld wird knapp und Sascha muss sich einer Entscheidung stellen, die nicht nur das Geschäft, sondern auch ihre Freundschaft auf die Probe stellen könnte.


Gegen Mittag wacht Ryan langsam auf. Sie blinzelt, dreht sich auf den Rücken und streckt sich genüsslich. Durch den schmalen Spalt der zugezogenen Vorhänge fällt die Mittagssonne und taucht das Zimmer in warmes, goldenes Licht.

Sie lebt noch nicht lange in dieser Wohnung. Bis vor ein paar Wochen hatte sie bei Malu geschlafen – ein Rettungsanker in einer Zeit, in der sie völlig haltlos war. Nach der Trennung von Eric hatte Malu sie ohne zu zögern aufgenommen. Ryan hätte es nirgendwo anders ausgehalten; nicht in der gemeinsamen Wohnung und erst recht nicht allein. Malu war da gewesen. Wie immer.

Ryan seufzt leise. Sie hatte Eric wirklich geliebt. Zumindest hatte sie das geglaubt. Doch Eric nahm es mit der Treue nicht so genau.

Es hatte lange gedauert, bis sie ihm auf die Schliche gekommen war – viel zu lange. Eigentlich hielt sie sich für aufmerksam, für jemanden, der Lügen sofort durchschaut. Doch ihre Spätschichten im Pub hatten es Eric leicht gemacht. Während sie schuftete, hatte er sich amüsiert. Andere Frauen getroffen. Vermutlich sogar in ihrem eigenen Bett.

Der Gedanke hinterlässt noch immer einen bitteren Geschmack. Aber es liegt hinter ihr. Neue Wohnung, neuer Lebensabschnitt, Schlussstrich.

Sie wirft die Decke zurück und schwingt die Beine aus dem Bett. Barfuß tapst sie über den kühlen Boden zum Fenster und zieht die Gardinen auf.

Draußen strahlt die Sonne. Im Innenhof spielen Kinder, Nachbarn hängen bunte Bettlaken auf, die träge im Wind flattern. Ein ganz normaler, friedlicher Tag.

Ryan lässt den Blick kurz schweifen, ehe sie das Schlafzimmer verlässt und ins kleine Bad hinübergeht.

Sie zieht das weite Schlafshirt über den Kopf, wirft es auf den Wäschekorb und steigt unter die Dusche. Als die warmen Wasserstrahlen über ihre Haut laufen, schließt sie genüsslich die Augen. Die Anspannung der letzten Schicht weicht langsam aus den Muskeln.

Für einen kurzen Moment herrscht Stille in ihrem Kopf. Doch kaum spült sie das Wasser ab, beginnen die Gedanken wieder zu kreisen.

Was stellt sie mit diesem sonnigen Tag an?

Vielleicht sollte sie endlich mal wieder ihre Joggingschuhe aus dem Schrank holen. Wann sie das letzte Mal laufen war? Halbe Ewigkeit her.

Ryan seift sich ein, massiert den duftenden Schaum über Arme, Schultern und Beine, ehe sie sich das Shampoo aus dem Haar spült. Als das Wasser schweigt, greift sie nach dem Handtuch.

Mit geübten Griffen dreht sie ihr Haar in einen Handtuch-Turban, schlingt sich ein zweites Tuch um den Körper und geht zurück ins Schlafzimmer.

Am Kleiderschrank entscheidet sie sich für eine hellblaue High-Waist-Jeans, die ihre Figur betont, kombiniert mit einem engen, schwarzen Top samt leichtem Stehkragen. Ein oversized geschnittener Blazer in warmem Sandton macht den Look lässig, aber stilvoll.

Zufrieden mustert sie sich im Spiegel, ehe sie hinüber in die kleine, modern renovierte Küche geht.

Sie stellt die Kaffeemaschine an, drückt zwei Scheiben Brot in den Toaster und deckt den runden Glastisch: Marmelade, Schokoaufstrich, Margarine, Messer und Teller.

Während das Brot bräunt und der Kaffeeduft den Raum füllt, holt sie ihr Handy von der Ladestation. Ein paar ungelesene Benachrichtigungen, Kaffeeinladungen – und natürlich ihre Mutter:

»Lebst du noch?«

Ryan schmunzelt. Sie hatten erst vor drei Tagen telefoniert. Typisch.

»Noch lebe ich 😘«, tippt sie flink zurück und schickt die Nachricht ab.

Mit dem fertigen Toast und der dampfenden Kaffeetasse setzt sie sich an den Tisch. Süß und buttrig – genau das Richtige zum Wachwerden.

Beim Essen scrollt sie durch die regionalen und globalen Schlagzeilen. Wirtschaft, Politik, Promi-Klatsch – nichts, was ihre Aufmerksamkeit fesselt.

Bis ihr Blick an einer Überschrift hängen bleibt:

»Metal Earth kündigt neue Tour an – auch Halt in unserer Stadt«

Ryan runzelt die Stirn. Metal Earth? Noch nie gehört. Sie überfliegt den Artikel – Namen von Bandmitgliedern, ein neues Album, Tourdaten. Nichts davon sagt ihr etwas.

Mit einem Schulterzucken scrollt sie weiter.

Das plötzliche Klingeln ihres Handys reißt Ryan aus den Gedanken. Ein kurzer Blick aufs Display verrät ihr, dass Malu anruft. Sie drückt auf Annehmen.

»Hi, Süße!«, tönt Malus Stimme aus dem Lautsprecher.

»Hi du«, antwortet Ryan gut gelaunt und nimmt einen Schluck Kaffee.

»Na, was machst du?«

»Frühstücken. Also, wenn man um diese Uhrzeit noch davon sprechen kann.«

Malu lacht. »Bei deinem Schlafrhythmus ist immer Frühstückszeit.«

»Sehr witzig. Und du?«

»Hab Besorgungen gemacht. Jetzt überlege ich auf dem Sofa, ob ich mir die Haare färbe oder behaupte, der rausgewachsene Ansatz sei Absicht.«

Ryan grinst. »Definitiv Absicht. Nenn es Balayage Natural.«

»Klingt gut. Verkaufe ich glatt als teuren Friseurtermin.«

Ryan wischt sich die Krümel von den Fingern. »Hör mal, ich hab überlegt, wieder joggen zu gehen. Ist ewig her.«

»Perfekt! Ich wollte dich eh fragen. Treffen wir uns in einer halben Stunde am Park?«

»Deal. Zieh dir was Bequemes an – ich will keine Beschwerden hören.«

Malu schnaubt. »Pff. Ich werd dich so was von abhängen, pass mal auf.«

»Wir werden sehen. Bis gleich!«

Ryan räumt das Geschirr in den Spüler, räumt die Aufstriche weg und schlüpft im Schlafzimmer in einen weißen Jogginganzug – locker sitzende Hose, cropped Hoodie. Aus dem Karton unter dem Bett fischt sie ihre Laufschuhe.

»Eigentlich schon genug Sport für heute«, murmelt sie belustigt, während sie die Senkel bindet.

Draußen empfängt sie die frische Frühlingsluft. Sie schlendert durch die Altstadt Richtung Park, wo das Rauschen der Stadt und das frische Grün der hohen Bäume eine vertraute Kulisse bilden.

Malu steht schon auf einer kleinen Lichtung und macht sich warm – oder versucht es zumindest. Sie stretcht sich, hampelt unbeholfen herum und rudert mit den Armen. Es sieht so schräg aus, dass Ryan laut auflachen muss.

»Das sieht nicht gerade grazil aus!«, ruft sie ihr entgegen.

Malu lacht und schüttelt den Kopf. »Keiner hat gesagt, dass Sport sexy aussehen muss!«

Ryan kommt näher und grinst verschmitzt. »Och, so ein verschwitzter Kerl sieht manchmal schon ziemlich hot aus.«

Malu seufzt theatralisch, sieht sich demonstrativ um und lässt die Schultern hängen. »Keiner da. Verdammt aber auch.«

Ryan lacht und schließt Malu in eine herzliche Umarmung. Nach ein paar gemeinsamen Dehnübungen nicken sie sich zu – bereit für die erste Runde.

Sie setzen sich in Bewegung – das Tempo entspannt, genau richtig, um sich ohne Schnappatmung zu unterhalten.

Schnell kommt das Gespräch auf das September und die ausbleibenden Gäste.

»Irgendwas müssen wir tun«, sagt Malu und weicht geschickt einem Ast aus. »Selbst wenn gegenüber ein Hotel reinkommt, können wir nicht einfach abwarten. Wir brauchen jetzt neue Leute.«

Ryan nickt. »Stimmt. Aber wie? Flyer? Social Media?«

Malu verzieht das Gesicht. »Flyer sind durch. Ein Instagram-Account wäre besser – coole Fotos von den Drinks, dem Essen, der Atmo. Sowas zieht.«

»Stimmt.« Ryan überlegt kurz, während sie eine kleine Steigung nehmen. »Oder Events? Themenabende, Livemusik?«

Malu grinst. »Livemusik wäre mega! Ein kleiner Akustikabend oder eine Open-Mic-Night?«

Ryan lacht. »Oh Gott, David würde sich sofort anmelden und eine Stand-up-Nummer reißen.«

»Definitiv! Und Sascha würde ihn dafür verfluchen.« Malu lacht ebenfalls.

»Wie wär’s mit Kooperationen mit lokalen Brauereien?«, schlägt Ryan vor. »Tastings, Spezialbiere?«

Malu schnippt mit den Fingern. »Gute Idee! Sascha kennt sich aus, der könnte das glatt moderieren.«

»Top. Das besprechen wir später mit den Jungs. Das September muss wieder voll werden.«

Sie laufen weiter, spinnen die Pläne weiter aus, während der Park um sie herum in warmem Sonnenlicht leuchtet.

Als sie an einem kleinen Softeisstand vorbeikommen, bleibt Ryan abrupt stehen.

»Oh mein Gott!«, ruft sie so laut, dass Malu erschrocken herumfährt.

Ryans Augen leuchten, als sie auf die Wagentafel zeigt: Vanille, Schoko, Erdbeere, Waldmeister. »Ein Softeisstand! Ich hatte seit meiner Kindheit keins mehr! Vanille-Waldmeister … ich habe es geliebt.«

Ehe Malu etwas erwidern kann, packt Ryan ihre Hand und zieht sie mit sich. »Wir holen uns jetzt die größte Portion!«

Malu lacht. »Toll, damit haben wir die Kalorien direkt wieder drauf.«

Ryan schnaubt und hebt spielerisch wie eine Diva das Kinn. »Als hätten wir das nötig!«

Malu grinst. »Stimmt auch wieder.«

Als sie an der Reihe sind, bestellt Ryan eine große Portion Vanille-Waldmeister, während Malu sich für Vanille-Erdbeere entscheidet. Sie zahlen und schlendern zu einer Holzbank am Parkrand.

Mit einem zufriedenen Seufzen setzt sich Ryan, dreht ihr Softeis in der Hand und mustert es wie eine seltene Delikatesse, ehe sie genießerisch die Augen schließt.

»Himmel, ist das gut.«

Malu lacht und probiert ihr eigenes. »Definitiv. Beste Entscheidung des Tages.«

Sie lehnen sich zurück und genießen schweigend. Ab und zu treffen sich ihre Blicke, begleitet von einem Lächeln. Es braucht keine Worte.

Seit der vierten Klasse kennen die beiden sich. Malu war damals frisch mit ihren Eltern in die Nachbarstraße gezogen – schüchtern, mit wuscheligen Locken und offenen Augen. Die Lehrerin hatte sie nebeneinandergesetzt, und schon in der ersten Pause war klar: Das passt.

Malu war Ryans erste echte Freundin geworden. Ein Fels in der Brandung, besonders da Ryan ohne Vater aufgewachsen ist. Er hatte sich aus dem Staub gemacht, bevor ihre Mutter Saskia überhaupt wusste, dass sie schwanger war. Saskia hatte immer gekämpft, doch Malu war das Stück Familie geworden, das Ryan gefehlt hatte.

Erste Liebe, erster Liebeskummer, Träume und Zukunftsängste – sie haben alles geteilt. Ryan blickt zu Malu, die vertrauten Züge im Sonnenlicht. Manche Dinge ändern sich nie.

Als die Hörnchen verputzt sind, stehen sie auf und traben langsam wieder an. Doch nach wenigen Metern müssen beide schmunzeln.

»Ehrlich, Ryan …«, grinst Malu. »Erst ein Riesen-Eis und jetzt auf sportlich machen?«

Ryan lacht. »Hey, wir gleichen das perfekt aus! Kalorien rein, Kalorien raus – pure Physik!«

»Ja, klar. Wenn das so einfach wäre, wär ich längst Fitnessmodel.«

»Stell dir vor, wir hätten noch Sahne und Streusel genommen!«, zieht Ryan gespielt entsetzt die Brauen hoch.

Malu japst theatralisch. »Gott, dann hätten sie uns nach Hause rollen können!«

Sie müssen so lachen, dass ihnen das Laufen schwerfällt.

»Weißt du was?«, schnauft Malu. »Wir starten einen Blog: Wie man sich nach Eis sportlich fühlt.«

Ryan lacht laut auf. »Oder einen Ratgeber: Joggen nach Genuss – ein Selbstbetrug, der glücklich macht.«

Lachend traben sie durch den sonnendurchfluteten Park, die Schritte leicht, die Köpfe frei. Es ist einer dieser Momente, in denen sich einfach alles richtig anfühlt.

Am anderen Ende der Altstadt schließt Sascha die Tür des September auf, gefolgt von Tasja, die einen großen Korb mit frischem Gemüse trägt. Der Duft von Kräutern steigt in die kühle Vormittagsluft.

»Morgen«, begrüßt sie ihn mit einem kurzen Nicken.

»Morgen, Tasja.« Sascha hält ihr die Tür auf, während sie in der kleinen Küche verschwindet. Er knipst das Licht an, kippt die Fenster für etwas frische Frühlingsluft und ruft hinüber: »Wie war dein Vormittag?«

»Ruhig. Ich war auf dem Markt«, antwortet sie beim Händewaschen. »Hab die besten Tomaten ergattert – duften nach Sommer, du wirst es lieben.«

Sascha schmunzelt. »Du und dein Gemüse.«

»Lach du nur. Und? Wie war dein Morgen mit Kim?«

Sascha lehnt sich mit verschränkten Armen an den Tresen. »Schön. Gemütlich gefrühstückt, bisschen auf dem Balkon gesessen. Sie hat mir mal wieder gesagt, dass ich weniger arbeiten soll.«

Tasja schnaubt. »Wo sie recht hat.«

»Du bist nicht besser. Ich wette, du warst seit sechs Uhr unterwegs.«

»Fünf Uhr dreißig«, grinst sie und hebt abwehrend die Hände. »Ich beschwer mich ja nicht, ich liebe meine Arbeit. Aber Kim macht sich eben Sorgen.«

Sascha nickt langsam und blickt hinaus auf die leere Straße. »Ja … ich weiß.«

Tasja klatscht kurz in die Hände. »Schluss mit der Sentimentalität! Gibt’s schon Kaffee?«

»Ich setz welchen auf.« Sascha startet die Kaffeemaschine. Während das Wasser durchläuft, sieht er zu ihr hinüber. »Wenn das Geschäft besser laufen würde, würde ich mir eine Aushilfe holen. Aber im Moment muss ich jeden Cent dreimal umdrehen.«

Tasja blickt von den Tomaten auf. »Läuft nicht mehr wie früher, was?«

»Nicht wirklich.« Sascha seufzt. »Ganz ehrlich? Ich kann mir David eigentlich nicht mehr leisten.«

Tasja nickt knapp. »Kann ich verstehen. Mehr als dumme Sprüche klopfen macht er hier eh selten. Für die Arbeit ist er überbezahlt.«

Sascha verzieht die Lippen. Sie hat ja recht. David ist ein Freund, aber wenn es ums Geschäft geht … Bestellungen, Service, Einsatz – da kommt zu wenig.

»Ich mag ihn«, brummt Sascha und beobachtet die Kaffeekanne. »Aber manchmal frage ich mich, ob er noch ins September passt.«

Tasja schneidet schweigend weiter, das Messer gleitet rhythmisch durch das Gemüse. Nach einer Weile sieht sie auf. »Sprich mal mit Ryan. Sie kennt die Zahlen am besten. Vielleicht musst du erst noch mal ein paar Euro investieren.«

Sascha hebt eine Braue. »In was? Neue Gläser? Noch ein Fass Guinness?«

»Nein, du Esel. In den Hinterhof! Warum nutzen wir den nicht? Tische, Stühle, ein vernünftiger Grill … Wir könnten im Sommer irische Spezialitäten vom Rost anbieten.«

Sascha schenkt sich einen Kaffee ein und lässt die Idee wirken. »Irische Grillgerichte … Lammkoteletts mit Kräuterkruste, gegrillter Lachs, deftige Würstchen …«

Tasja nickt aufmunternd und wirft eine Handvoll geschnittenes Gemüse in die Schüssel.

Sascha grinst. »Oder Boxty-Kartoffelpuffer vom Grill! Und marinierte Rindfleischspieße. Vielleicht sogar Jakobsmuscheln in Knoblauchbutter.«

Tasja hebt zustimmend eine Braue. »Siehst du? Klingt doch nach einem Plan.«

Sascha lässt die Idee wirken. Vielleicht ist genau das der Impuls, den das September braucht.

Das Klappern der Eingangstür reißt sie aus den Gedanken. Ryan und Malu betreten lachend den Pub. Ihre Stimmen hallen durch den leeren Gastraum.

»Und dann – ich schwöre dir – wirft der Typ den Fahrschein daneben!«, ruft Malu und wedelt mit den Händen, während die beiden in den hinteren Bereich gehen.

Ryan kichert. »Und wie er panisch rumgefuchtelt hat! Als hätte er eine Bombe scharf geschaltet.«

»Ja! Und der Busfahrer nur völlig trocken: Bleiben Sie ruhig, der Bus fährt auch so.«

Lachend hängen sie ihre Sachen in den Schrank und steuern die Kaffeemaschine an. Ryan lässt zwei Tassen durchlaufen und drückt Malu eine davon in die Hand. »Manchmal ist der Alltag besser als jede Sitcom.«

»Oh ja«, stimmt Ryan zu und nimmt einen vorsichtigen Schluck. »Komm, ab zu den anderen.«

Sie schlendern in die Küche, wo Tasja bereits das Messer schwingt.

»Na, ihr zwei?«, begrüßt Sascha sie.

Tasja deutet mit der Klinge auf ein Brett voller Gemüse. »Wenn ihr schon so untätig rumsteht, könnt ihr schnippeln helfen.«

Ryan schmunzelt und schwingt sich mit ihrer Tasse auf die Arbeitsfläche. »Erst mal Kaffee. Also, was gibt’s Neues?«

Tasja und Sascha tauschen einen kurzen Blick.

»Tatsächlich gibt’s was«, sagt Sascha. Er stützt sich auf die Anrichte und sieht direkt zu Ryan. »Wir beide müssen mal über die Finanzen sprechen. Ohne Schönreden.«

Malu strafft die Schultern, der lockere Ton ist schlagartig verflogen. »Das klingt ernst.«

Ryan nickt langsam. Sie hat es kommen sehen. Sie kennt die Bilanzen der letzten Monate; sie weiß, dass das Schiff noch nicht sinkt, aber verdammt viel Schlagseite hat.

Sascha holt tief Luft. »Tasja und ich haben vorhin überlegt, wie wir den Laden wieder voll kriegen. Idee: Wir gestalten den Innenhof um. Tische, Schirme, ein vernünftiger Grill für irische Spezialitäten im Sommer. Mehr Plätze, mehr Umsatz.«

Ryan denkt einen Moment nach und nickt. »Klingt nach einer guten Idee.«

Sascha fährt sich mit der Hand über den Nacken. »Und dann ist da noch eine Sache … David.«

Malu runzelt die Stirn. »Was ist mit ihm?«

»Ich kann mir sein Gehalt schlicht nicht mehr leisten«, seufzt Sascha. »Er bringt kaum Leistung. Klar, er ist ein Freund, aber …«

Ryan beißt sich auf die Lippe. Sie kennt die Bilanzen; sie hat diese Hiobsbotschaft kommen sehen. »Du willst ihn entlassen«, stellt sie leise fest.

Sascha schüttelt den Kopf. »Nein, noch nicht. Aber ich muss Tacheles mit ihm reden. So geht es nicht weiter.«

Erdrückende Stille legt sich über die Küche, nur unterbrochen vom rhythmischen Klacken von Tasjas Messer auf dem Schneidebrett.

Ryan atmet tief durch. »Wir gehen nachher die Zahlen durch. Dann sehen wir, welche Optionen wir wirklich haben.«

Sascha nickt dankbar.

Malu schnaubt leise. »Na, das wird ja ein grandioser Abend.«

Sie soll recht behalten.

Der Schichtverlauf entspricht der bitteren Realität der letzten Wochen: zu wenig Gäste für zu viel Personal. Der Pub ist keineswegs tot, aber weit entfernt von jener Energie, die das September einst ausmachte. Ein paar Stammgäste an der Theke, zwei Pärchen an den Tischen, ein älterer Herr im Ecken mit Zeitung und einem Guinness. Gemütlich, aber nicht rentabel.

Während Gläser poliert und Tische abgewischt werden, schwebt das Ungesagte wie eine dichte Wolke über dem Team.

Sogar David entgeht das nicht.

Er redet weniger, beobachtet mehr. Ihm entgehen weder die verstohlenen Blicke zwischen den dreien noch das abrupte Verstummen, sobald er die Bar betritt. Niemand spricht es offen aus, doch er spürt den Umschwung.

Er schluckt das ungute Gefühl herunter, setzt sein gewohntes Grinsen auf und reißt Sprüche. Er tut so, als wäre alles beim Alten. Doch als er in der Nacht die Tür hinter sich zusperrt und den Heimweg antritt, lassen ihn die Gedanken nicht mehr los.