Kapitel 19 - Kein Außen mehr
Während im September langsam durchsickert, dass hinter Ryans spontaner Auszeit tatsächlich ein Mann stecken könnte, genießen Ryan und Arvid ihre gemeinsame Zeit fernab von neugierigen Blicken. Arvid gewährt ihr einen ehrlichen Einblick in die weniger glamourösen Seiten seines Lebens und gesteht, wie einsam der Erfolg manchmal sein kann. Zwischen Vertrauen, einem wichtigen Versprechen und immer größerer Nähe entscheiden beide, dass sie sich auf das einlassen wollen, was zwischen ihnen entsteht – ganz gleich, wie kompliziert es werden könnte.
Tasja schiebt sich eine lose Strähne aus der Stirn und stützt sich schwer auf ihre Hacke, um kurz durchzuatmen. Prüfend beobachtet sie Sascha, der ein paar morsche Bretter zur Seite räumt und den Stapel nach Brauchbarem durchforstet.
»Sag mal, Sascha …«, setzt sie an, ohne den Blick direkt auf ihn zu richten.
»Hm?« Er schaut nur flüchtig hoch und stapelt ungerührt weiter.
»Ryan ist beim besten Willen nicht der Typ, der sich Hals über Kopf in den Urlaub verdrückt. Keine Buchhaltung übergeben, keine Liste mit Notizen – rein gar nichts. Findest du das nicht auch reichlich verdächtig?«
Sascha legt das Holz beiseite, stemmt den Rücken gegen die feuchte Backsteinmauer und verschränkt gelassen die Arme. »Tja, sagen wir es so … Es gibt da wohl jemanden, den sie näher kennenlernen will.«
Tasja hebt überrascht eine Braue. »Einen Mann also?«
Sascha nickt stumm, während er eine Zigarette aus der Arbeitshose kramt. »Sie hat nicht groß ins Detail gesprochen, aber ja, danach sieht es ganz aus. Und ehe du nachhakst – mehr weiß ich auch nicht. Nur, dass die Sache ihr verdammt ernst zu sein scheint. Sonst hätte sie sich niemals so kurzfristig frei geschaufelt.«
Tasja schnaubt leise durch die Nase. »Klingt extrem geheimnisvoll. Normalerweise teilt sie doch alles mit uns.«
Sascha zuckt mit den Schultern, lässt das Feuerzeug aufflammen und bläst den bläulichen Rauch in die kühle Frühlingsluft. »Gönn es ihr schlicht. Du weißt doch ganz genau, wie das Drama mit Eric geendet hat.«
Tasja nickt langsam. Sie erinnert sich nur zu gut. Wenn Ryan diesmal vorsichtiger agiert und ihre Schutzmauern nur langsam senkt, kann man es ihr weiß Gott nicht verübeln.
Sascha nimmt einen letzten tiefen Zug und schnippt die Glut zielsicher in einen alten Blecheimer. »Ganz ehrlich: Wenn irgendwer hier eine Auszeit verdient hat, dann Ryan. Sie ist die Einzige im gesamten Team, die ihren Jahresurlaub fast komplett verfallen lässt.«
»Da hast du allerdings recht«, pflichtet Tasja ihm bei. »Und wenn tatsächlich ein Kerl dahintersteckt, erst recht. Sie soll das Leben endlich mal genießen.«
Sascha mustert sie eindringlich. »Das Ganze bleibt aber strikt unter uns beiden, verstanden? Du kannst dir lebhaft ausmalen, was David daraus stricken würde.«
Tasja lacht trocken auf. »Als ob ich dem ein Wort stecken würde. Ich hänge an meinen Nerven.«
Wie aufs Stichwort fliegt die schwere Hinterhoftür auf. David stolziert mit der Würde eines Theaterstars herein, die Augen skeptisch zu Schlitzen verengt, während sein Blick zwischen den beiden hin und her wandert.
»Aha! Ertappt! Schon wieder eine konspirative Flüsterrunde!« Er stemmt die Hände energisch in die Hüften. »Lasst mich raten … ihr genehmigt euch eine streng geheime Siesta, während ich mir an der Front ganz allein den Allerwertesten für unser kleines Gastronomie-Imperium aufreiße?«
Tasja verdreht die Augen. »Ganz genau, David. Wir löffeln seit zwei Stunden Kaviar, schlürfen Champagner und haben sehnsüchtig darauf gewartet, dass du uns erlöst.«
David schnippt gespielt entrüstet mit den Fingern. »Ich wusste es! Und ich wurde eiskalt übergangen! Ich bin menschlich zutiefst erschüttert!« Er presst sich pathetisch die Hand auf das Herz und wirft den Kopf in den Nacken.
Sascha schmunzelt in seinen Bart. »Wo du schon mal hier bist, könntest du uns eigentlich Kaffee und ein Stück Torte servieren. Ein paar Pralinen wären auch nicht verkehrt.«
David hebt abwehrend die Handfläche. »Spar dir deine Spitzen, Sascha. Dein Zynismus schneidet tiefer als die Abfuhr bei meinem letzten Date.«
Tasja lacht amüsiert. »Und womit dürfen wir dir behilflich sein, David?«
David strafft das Kreuz, als stünde er vor einem vollbesetzten Saal. »Nun, meine Lieben, ich wollte lediglich überprüfen, ob das gemeine Fußvolk spurt. Ich bin schließlich nicht bloß Barkeeper, charismatischer Entertainer und die Seele des September, sondern augenscheinlich auch die einzige Arbeitskraft hier, die echte Leistung erbringt!«
Sascha klopft sich demonstrativ den Erddreck von den Hosenbeinen. »Ganz bestimmt. Du verausgabst dich ja förmlich beim Plaudern mit den Stammgästen und dem Mixen von zwei Drinks pro Stunde.«
David schnappt empört nach Luft. »Das nennt sich strategisches Gästemanagement! Ich kreiere eine Bindung und generiere Umsatz!«
»Na wunderbar, Herr Geschäftsführer«, frotzelt Tasja. »Wenn du so viel ungenutzte Energie hast, nimm dir doch eine Schaufel und pack mit an.«
David weicht theatralisch zwei Schritte zurück. »Oh nein, bewahre! Ich möchte euch keinesfalls um euer schlichtes Glück bringen. Ihr wirkt so herrlich beseelt mit eurem Unkraut. Ich bringe es nicht übers Herz, euch diesen erdverbundenen Triumph zu nehmen.«
Sascha lacht kopfschüttelnd auf. »Du bist wirklich unverbesserlich.«
»Ich weiß.« David grinst vollkommen ungeniert. »Das macht meinen unwiderstehlichen Charme aus.«
Mit einer schwungvollen Pirouette wirft er sich eine imaginäre Schürze über die Schulter und stolziert Richtung Ausgang. »Gut, meine treuen Landarbeiter, ich überlasse euch wieder eurem Tagewerk. Lasst mich wissen, ob ihr zum Feierabend ein Denkmal oder bloß eine bronzene Gedenktafel wünscht!«
Die Tür fällt lautstark ins Schloss, und der Hof wird sofort von Saschas und Tasjas schallendem Gelächter erfüllt.
»Ein absolutes Unikat, dieser Kerl«, kichert Sascha und schüttelt den Kopf.
»Ja«, stimmt Tasja mit warmem Ton zu. »Aber genau deswegen gehört er hierher.«
Sascha nickt. »Er bringt den Laden verlässlich zum Lachen – meistens unfreiwillig, aber mit vollem Einsatz.«
»Ohne sein Drama wäre das September schlicht nicht dasselbe«, murmelt Tasja und blickt zur Tür. »Die Gäste lieben seine Shows, und wir im Grunde genauso.«
»Absolut. Egal wie viel Chaos er stiftet – er ist Familie.«
Tasja greift wieder nach der Hacke und grinst. »So, machen wir weiter, bevor der Herr Manager zurückkehrt und uns ein Seminar über Work-Life-Balance hält.«
Sascha lacht auf und packt das nächste Brett an, während aus dem Pub das gedämpfte Stimmengewirr und Klirren von Gläsern nach draußen weht – der vertraute Klang eines Betriebs, der genau in den richtigen Händen liegt.
Ryan liegt auf der Seite, ihren Kopf auf Arvids Brust gebettet, während ihre Finger gedankenverloren winzige Kreise auf seine warme Haut zeichnen. Sein Arm liegt locker um ihre Schultern, die Finger streichen in gleichmäßigem Rhythmus über ihren Rücken. Die Welt jenseits der Wände scheint vollkommen verstummt zu sein.
»Rockstar zu sein, klingt für die meisten nach einem absoluten Traumleben«, murmelt Ryan und hebt den Kopf, um ihn anzusehen. »Aber ich schätze, die Realität ist nicht immer so glamourös, oder?«
Arvid schnaubt leise, ein Hauch von Wehmut liegt auf seinen Lippen. »Glamourös? Klar – vorausgesetzt, man steht auf chronischen Schlafmangel, Kofferpacken als Lebensinhalt, dieselben drei Fragen in jedem Interview und Fans, die jede Distanz verlieren.«
Ryan verzieht den Mund zu einem schiefen Schmunzeln. »Klingt wahrlich idyllisch.«
Er lacht leise auf und fährt ihr sacht durchs Haar. »Versteh mich nicht falsch: Ich liebe die Musik, die Bühne, diese rohe Energie im Saal. Aber der Preis ist verdammt hoch. Du kannst keinen Schritt vor die Tür setzen, ohne beobachtet zu werden. Jeder meint, dich zu kennen. Frauen wollen mit dir schlafen – nicht, weil sie dich als Mensch schätzen, sondern weil du eben der Typ am Mikrofon bist. Und irgendwann fragst du dich zwangsläufig, wer dich eigentlich noch um deiner selbst willen mag.«
Ryan mustert ihn einfühlsam. Ihre Fingerspitzen wandern über seine Wange. »Und die Band? Die Jungs sind doch deine Freunde.«
»Klar sind sie das«, nickt Arvid. »Aber es bleibt eben auch Arbeit. Wir hocken pausenlos aufeinander – das schweißt zusammen, zerrt aber genauso an den Nerven. Es gibt keine echten Pausen, keinen festen Anker. Dein gesamtes Leben passt auf sechzig Liter Gepäck.«
Ryan schiebt sich ein Stück nach oben, bis ihre Lippen die seinen streifen. »Klingt verdammt einsam.«
Arvid fängt ihren Mund ein, erwidert den Kuss erst behutsam, dann fordernder. »War es oft auch.«
Ihre Hand gleitet über seine Brust. »Aber du bist nicht mehr allein.«
Er zieht sie enger an sich und sieht ihr tief in die Augen. »Nein. Jetzt nicht mehr.« Er küsst sie erneut – mit einer rauen Intensität, als wolle er diesen Moment in Stein meißeln.
Langsam bettet er sie auf seinen Oberkörper. Seine Hände ruhen an ihren Hüften, während sie ihn anlächelt. Vorsichtig streicht er ihr eine widerspenstige Strähne hinters Ohr, seine Fingerspitzen verweilen an ihrem Nacken.
»Du hast mich kennengelernt, wie ich wirklich bin«, sagt er leise, ohne jede Rockstar-Attitüde. »Ganz ohne vorgefertigte Schablone im Kopf, ohne das Medien-Image. Du siehst mich. Und genau das macht dich für mich so verdammt kostbar.«
Ryans Herz pocht spürbar gegen seine Rippen.
»Ich weiß, dass uns das Leben einiges abverlangen wird«, fährt Arvid fort, während seine Daumen über ihre Taille streichen. »Aber ich will das hier. Ich will dich, Ryan.«
Sie beugt sich hinab und besiegelt seine Worte mit einem zärtlichen Kuss. Als sie sich löst, flüstert sie an seinen Lippen: »Ich will dich genauso, Rockstar. Ich lasse den ganzen Zirkus nicht an uns heran. Aber versprich mir eins: Sei immer ehrlich zu mir. Ausnahmslos.«
Er fasst sanft ihr Kinn und hält ihren Blick fest. »Das werde ich. Versprochen.«
Ein Lächeln huscht über ihre Züge, ehe sie ihn wieder küsst – voller Vertrauen und Hingabe. Seine Hände wandern ihren Rücken hinauf, entzünden ein vertrautes Kribbeln auf ihrer Haut.
Die anfängliche Ruhe weicht einem erneuten, hungrigen Aufflammen. Arvid wendet sie behutsam unter sich, seine Küsse brennen eine heiße Spur von ihrem Hals über die Schulter. Ryan vergräbt die Hände in seinen Schultern, das leise Keuchen in ihrer Kehle treibt ihn noch weiter an. Die Bewegungen finden wie von selbst in einen gemeinsamen, berauschenden Rhythmus.
Schließlich drängt Ryan ihn mit sanftem Nachdruck auf den Rücken und richtet sich rittlings auf ihm auf. Arvids Atem stockt, während sein Blick an ihren klaren Linien hinaufwandert. Seine Hände umfassen ihre Hüften, stützen sie, während sie den Takt vorgibt – quälend langsam, jeden einzelnen Funken auskostend.
Die Hitze im Raum flirrt. Ryan wirft den Kopf leicht in den Nacken, ihre Finger krallen sich in seine Brust, wo sein Herz wie wild hämmert. Arvid richtet sich ein Stück auf, liebkost ihre Kehle, saugt ihren Duft ein. Es gibt kein Außen mehr, keinen Tourplan, keine Zweifel – nur die pure Präsenz des anderen.
Die Spannung steigert sich zu einem Crescendo, bis sie sich gemeinsam in einem atemlosen Höhepunkt verlieren.
Erschöpft sinkt Ryan auf ihn herab. Arvid schließt die Arme um sie, küsst sanft ihren Scheitel und hält sie fest, während sich ihre Atemzüge langsam beruhigen.
»Das war …«, setzt sie an.
Arvid legt leise einen Finger auf ihre Lippen. »Perfekt«, flüstert er und küsst sie innig.
Nach einer Weile wandern seine Hände über ihren Rücken tiefer zu ihrem Hintern – und verpassen ihr einen frechen, leichten Klaps.
»Hey!«, empört sie sich gespielt und funkelt ihn an. »Davon kriege ich bloß noch mehr Hunger!«
Arvid lacht dunkel auf. »Geht mir nicht anders. Wollen wir was bestellen?«
Ryan schmiegt die Wange an seinen Hals. »Bestellen klingt hervorragend.«
»Worauf hast du Lust?«, fragt er mit rauer, gelöster Stimme.
Sie stützt sich auf seiner Brust auf. »Pizza. Oder Burger. Irgendwas Deftiges.«
Arvid grinst schief. »Hätte dich jetzt eher für die Salat-Fraktion gehalten.«
Sie stupst ihn spielerisch gegen die Rippen. »Sicher nicht nach diesem Workout.«
»Na schön, gewonnen. Pizza«, lacht er und zieht sie für einen flüchtigen Schmatzer an sich.
Ryan greift nach dem Smartphone auf dem Nachttisch, wählt die Nummer ihres Lieblingsitalieners und setzt sich wieder aufrecht auf ihn.
»Hallo, ich möchte gern eine Bestellung aufgeben«, beginnt sie und bemüht sich um eine professionelle Stimme – gar nicht so leicht, als Arvids Hände ungeniert an ihren Seiten hochwandern und seine Daumen ihre Brüste necken.
»Welche Pizza darf es sein?«, fragt der Mann am anderen Ende.
Ryan beißt sich auf die Lippen und wirft Arvid einen mahnenden Blick zu, der sein schelmisches Grinsen nur noch breiter werden lässt. »Eine große Pizza mit … Salami, Pilzen und extra Käse.«
»Alles klar. Darf es noch etwas sein?«
Ryan holt Luft für ein Nein, als Arvid sich vorschiebt und heiser an ihr Ohr raunt: »Bestell Nachtisch.« Seine Lippen streifen dabei so empfindlich ihren Hals, dass ihr eine Gänsehaut über den Rücken schießt.
Ryan unterdrückt ein Kichern und schüttelt entschieden den Kopf. »Nein danke, das war alles.« Sie gibt rasch die Adresse durch, beendet das Telefonat und pfeffert das Handy auf die Decke. »Du bist unmöglich!«
Arvid zieht sie lachend wieder ganz zu sich hinab auf die Matratze. »Und du stehst drauf.«
Ryan schmunzelt und berührt sanft seine Lippen. »Manchmal vielleicht.«
»Lügnerin«, murmelt er gegen ihren Mund, ehe er sie erneut in einen tiefen Kuss zieht, der das Warten auf die Pizza vollkommen vergessen lässt.