Kapitel 7 - Einfach nur Arvid
Zwei freie Tage geben Arvid etwas, das auf Tour selten geworden ist: Zeit zum Durchatmen. Doch zwischen Erschöpfung, Zweifeln und seiner Sehnsucht nach einem normalen Leben geht ihm ausgerechnet Ryan nicht aus dem Kopf. Währenddessen weht auch im September frischer Wind und lässt neue Hoffnung aufkeimen. Zwei Welten sind in Bewegung – und ihre Wege führen durch dieselben Altstadtgassen.
Arvid blinzelt, als das Sonnenlicht durch die schweren Vorhänge bricht. Sein Kopf fühlt sich schwer an – diesmal nicht vom Alkohol, sondern von der puren Erschöpfung der letzten Tage.
Sein erster Blick geht zur anderen Seite des Bettes.
Leer.
Er atmet erleichtert durch. Gut. Groupies sind leicht zu haben, aber er hasst es, wenn sie morgens noch da sind, sobald er wieder er selbst sein will.
Mit einem tiefen Seufzen wirft er die Decke zurück und schwingt die Beine aus dem Bett. Sein Weg führt ihn direkt unter die heiße Dusche. Das Wasser vertreibt die Müdigkeit aus den Muskeln. Für einen Moment stützt er sich gegen die kühlen Fliesen und genießt den harten Strahl auf seinem Rücken.
Danach zieht er sich an – schwarze Jeans, schlichtes Shirt. Lässig, aber auf den Punkt.
Zurück im Zimmer greift er zum Hörer. »Zimmerservice? Ein deftiges Frühstück – Rührei, Speck, Toast. Und einen schwarzen Kaffee.«
Nach dem Telefonat fischt er sein Smartphone heraus, überfliegt Nachrichten und wirft einen Blick in den Terminkalender.
Zwei freie Tage.
Kein Konzert, keine Interviews, kein Fanservice. Einfach nichts.
Ein seltenes Geschenk. Er kann für achtundvierzig Stunden schlicht wieder Arvid sein.
Manchmal vermisst er das normale Leben.
Arvid tritt ans Fenster und schiebt die Gardine zur Seite.
Unten pulsiert die Stadt. Menschen strömen über die Gehwege, lachen, quatschen, gehen ihrem Alltag nach. Autos hupen, ein Radfahrer schlägt Haken durch den Verkehr, irgendwo spielt ein Straßenmusiker.
Er beobachtet das Treiben mit verschränkten Armen. Was fängt er mit diesem freien Tag an?
Während sein Blick über die Dächer schweift, driften die Gedanken ab.
Ryan.
So sehr er es verdrängen will – sie hat Spuren hinterlassen. Entweder spielt sie die Unwissende verdammt gut … oder sie hat wirklich keine Ahnung, wer er ist.
Ein schmales Lächeln huscht über seine Lippen. Die zweite Option gefällt ihm deutlich besser.
Ein Klopfen reißt ihn aus den Gedanken. »Zimmerservice!«
Arvid öffnet. Der Angestellte grüßt knapp und deckt den Tisch mit Teller, Besteck und dampfendem Frühstück. Arvid beobachtet ihn schweigend mit den Händen in den Hosentaschen. Kaum verabschiedet sich der Kellner, setzt Arvid sich hin.
Also, wie fülle ich die Zeit?
Er stochert lustlos im Rührei und überfliegt Nachrichten auf dem Display. Er antwortet knapp, nimmt ab und an einen Bissen Toast – doch so richtig Appetit will nicht aufkommen.
Plötzlich fliegt die Zimmertür auf.
Arvid sieht über die Schulter. Finjan.
»Vom Klopfen hast du wohl auch noch nichts gehört, was?«, brummt Arvid genervt.
Finjan runzelt die Stirn und stützt sich gegen den Türrahmen. »Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen, Alter?«
Arvid zuckt die Achseln, legt das Smartphone weg und stützt die Ellenbogen auf die Knie.
»Fragst du dich eigentlich nie, warum wir uns das hier noch geben?«, spricht er ruhig, fast nachdenklich ins Leere. »Jeden Tag eine neue Stadt, ständig fremde Gesichter. Das Einzige, was bleibt, sind der verdammte Bus, das Hotel und wir. Mehr ist da nicht.«
Finjan sieht ihn an, als spräche er eine fremde Sprache, ehe er schief grinst. »Nö. Eigentlich nicht. Mir gefällt die Tour. Ständig woanders zu sein, hat doch was.«
Arvid schnaubt leise und sieht weg. Natürlich. Finjan war schon immer der Typ, der den Trubel brauchte, während Arvid sich zwischen all den Auftritten zunehmend verlor.
Finjan mustert ihn genauer. Die Schatten unter Arvids Augen sprechen Bände.
In Wahrheit sind sie alle durch.
Seit einem halben Jahr touren sie pausenlos durch Europa: vier Shows pro Woche, die restliche Zeit eingepfercht auf Rädern oder im Hotel. Städte erkunden? Keine Zeit. Die eigenen Leute besuchen? Unmöglich. Seit Monaten hat keiner von ihnen ein echtes Zuhause gesehen.
Vielleicht ist der Punkt erreicht, an dem das Band einfach reißt.
Doch Finjan tickt anders. Er braucht die Unruhe, das Adrenalin, das ständige Auf Achse Sein. Es gibt ihm das Gefühl, zu leben. Und die Shows? Der absolute Kick.
Arvid seufzt leise und schiebt den halbvollen Teller von sich weg. Der Appetit ist endgültig weg.
Er nimmt die Kaffeetasse, nimmt einen Schluck und sieht zu Finjan. »Wann geht’s eigentlich weiter?«, fragt er mit einer Mischung aus Müdigkeit und Gleichgültigkeit.
Finjan lehnt sich an die Tischkante und zuckt die Schultern. »Morgen Abend erst.«
Arvid nickt langsam. Noch ein ganzer Tag. Was er damit anfangen soll, weiß er nicht – aber vielleicht ist es Zeit für das, was er sonst nie tut: einfach mal den Kopf ausschalten.
»Lass uns raus hier«, sagt Finjan plötzlich und schiebt die Hände in die Jeanstaschen.
Arvid hebt eine Braue. »Wohin?«
»Die Stadt ansehen. Wir hocken doch eh nur auf der Bude oder im Backstage rum. Einfach mal raus an die frische Luft.«
Arvid zögert kurz, dann nickt er. Finjan hat recht. Seit Monaten besteht ihr Radius nur aus Bühnen, Nightlinern und sterilen Hotelzimmern. Wann sind sie das letzte Mal einfach spazierengegangen? Ohne Zeitdruck, ohne Zeitplan?
»Alles klar«, sagt er und steht auf. »Aber wenn du mich in irgendein verdammtes Museum schleppst, bin ich wieder weg.«
Finjan grinst schief. »Keine Sorge. Wenn du Kultur suchst, bist du bei mir falsch.«
Sie schnappen sich Jacken und Smartphones und lassen das Hotelzimmer hinter sich.
Währenddessen ist Ryan auf dem Weg zum September.
Eigentlich wollte sie mit Malu joggen gehen, doch der gute Vorsatz hielt keine zehn Minuten. Nach wenigen Metern hatten sich die beiden grinsend angesehen und waren wortlos ins nächste Café abgebogen. Joggen konnte warten – Kaffee war schlicht die bessere Wahl.
Nun schlendert Ryan durch die sonnigen Altstadtgassen. Es ist einer dieser Tage, an denen man das Leben einfach genießen muss.
Als sie den Pub betritt, bleibt sie abrupt stehen. Die Stirn legt sich in Falten. Irgendwas ist … anders.
Ihr Blick wandert durch den Schankraum: Die Tische stehen offener, schaffen mehr Raum und Atmosphäre. Das alte Klavier wurde aus der dunklen Ecke geholt und stolz in Szene gesetzt. Frische Blumen zieren das Holz, und über dem Tresen spenden neue Leuchten warmes, einladendes Licht.
Sie dreht sich einmal um die eigene Achse und saugt jedes Detail auf.
»Was ist denn hier passiert?«, fragt sie, als Sascha aus der Küche tritt.
Er lacht leise, wischt sich die Hände am Geschirrtuch ab und lehnt sich in den Türrahmen. »Ich habe heute Nacht einmal mit dem Finger geschnippt – und schwupps, war’s fertig.«
Ryan verdreht schmunzelnd die Augen. »Klar. Und die Heinzelmännchen haben den Pinsel gehalten?«
»Vielleicht.« Er sieht sie fragend an. »Gefällt’s dir nicht?«
Ryan nickt. »Doch. Es sieht gut aus … anders. Aber echt gut.«
Sascha nickt zufrieden und tritt einen Schritt näher. »Für heute Abend habe ich sogar jemanden am Klavier engagiert. Zwei Stunden lang irische Stücke. Mal sehen, wie die Gäste das annehmen.«
»Gute Idee«, lächelt Ryan aufrichtig. »Das könnte ziehen.«
In diesem Moment schwingt die Tür auf. Malu und David betreten den Laden.
Kaum hat David den ersten Fuß über die Schwelle gesetzt, friert er in der Bewegung ein. Mund und Augen sperren sich weit auf.
»Woow! Also … wow! WOW!«
Während Malu sich gelassen umschaut, läuft David bereits zur Höchstform auf. Er klatscht lautstark in die Hände.
»Moment mal! Was ist hier passiert?!«, überschlägt sich seine Stimme. »Seit wann sieht es hier aus wie in einem Hochglanzmagazin für Szene-Pubs?! Die Tische, das Licht – das Klavier?! Ich liebe es! Sagt mir bitte, dass das so bleibt!«
Er wirbelt einmal um sich selbst, ehe er vor Sascha zum Stehen kommt, die Hände theatralisch in die Hüften gestemmt.
»Sascha! Mein Lieber, mein Held! Warum verschweigst du uns deinen inneren Innenarchitekten? Ich fühle mich … inspiriert. Berührt. Ich möchte fast weinen!«
Malu verdreht die Augen, während Ryan ein Lachen erstickt.
Sascha hebt stoisch eine Braue. »David. Atmest du zwischendurch auch mal?«
David legt die Hand aufs Herz. »Jetzt nicht, das ist ein hoch emotionaler Moment für mich.«
Da schlüpft auch Tasja zur Tür herein. Ihr geschulter Blick streift durch den Raum, ehe ein seltenes, zufriedenes Lächeln über ihre Lippen huscht.
»Sehr schön«, befindet sie schlicht.
David reißt entgeistert die Augen auf, als hätte sie ein Sacrileg begangen. »Mehr hast du dazu nicht zu sagen?!«
Tasja zuckt unbeeindruckt die Schultern. »Was soll ich denn noch sagen? Das Essen kocht sich nicht von allein.«
David schnauft dramatisch auf, stemmt die Hände in die Hüften und hebt den Zeigefinger wie für eine Staatsaffäre.
»Na, pass auf«, beginnt er, seine Stimme überschlägt sich schier. »Du könntest sagen: Oh mein Gott, wie wunderschön ist das denn?! Wer hat dieses Meisterwerk geschaffen? Ich bin sprachlos! Ich bin gerührt! Dieses Licht, diese Atmosphäre – ich kann nie wieder woanders arbeiten, denn das hier ist der Inbegriff von Perfektion!«
Tasja hebt amüsiert eine Braue und verschränkt die Arme.
»Oder«, setzt David mit weit ausholender Geste nach, »du könntest wenigstens sagen: Sascha, du bist ein Genie! Diese Veränderung ist das Beste, was diesem Pub je passiert ist!«
Tasja sieht ihn einen Augenblick schweigend an, ehe sie schmunzelnd den Kopf schüttelt.
»Sehr schön«, wiederholt sie trocken und klopft Sascha im Vorbeigehen auf die Schulter.
David wirft die Arme in die Luft. »Ich gebe es auf! Mit Banause-Volk arbeite ich nicht mehr!«
Ryan prustet laut los, und selbst Sascha kann sich ein breites Grinsen nicht mehr verkneifen. Der Laden lebt wieder.
Arvid und Finjan schlendern entspannt durch die Altstadt, beide mit einer Waffel in der Hand.
Arvid mustert seine leuchtend blaue Eiskugel und lacht leise. »Blauer Engel«, grinst er. »Dass es das noch gibt. Habe ich als Kid schon geliebt.«
Finjan verzieht das Gesicht. »Schmeckt doch total künstlich.«
»Genau das ist das Geile daran«, nickt Arvid unbeeindruckt und leckt genüsslich an der Waffel.
Finjan schüttelt entgeistert den Kopf.
Doch als sie in eine schmale Seitenstraße einbiegen wollen, ist es vorbei mit der Gemütlichkeit.
Ein aufgeregtes Kreischen schallt durch die Gasse, gefolgt von hastigen Schritten.
Arvid sieht auf: Eine Traube junger Fans hat sie erspäht und steuert im Sprint auf sie zu. Seufzend zieht er die Sonnenbrille vom Shirt-Kragen und setzt sie auf.
Finjan verdreht die Augen. »Das ging ja fix.«
Wie aus dem Nichts tauchen die zwei Leibwächter auf. Breitschultrig beziehen sie Position an ihren Flanken, halten sich aber vorerst im Hintergrund.
Schon ist die Truppe da – ein halbes Dutzend Teens, völlig aus dem Häuschen.
»Oh mein Gott, ihr seid das wirklich!«, quietscht ein Mädchen mit glühenden Wangen.
»Können wir ein Foto machen?«, ruft ein anderer und zückt rasend schnell das Display.
»Klar doch«, sagt Arvid gelassen und knipst sein routiniertes Rockstar-Lächeln an.
Ein Mädchen wagt es, vorsichtig nach Finjans Arm zu greifen. Sofort schiebt sich einer der Bodyguards mit scharfem Blick dazwischen. Das Mädchen zieht erschrocken die Hand zurück. »Sorry!«
»Alles gut«, besänftigt Finjan mit milde gestimmtem Grinsen.
Arvid kritzelt derweil Autogramme auf Notizblöcke, Hüllen und einen Unterarm. »Wart ihr gestern bei der Show?«, fragt er, ohne im Schreibfluss einzuhalten.
»Na klar!«, ruft ein Junge begeistert. »Wir hatten die Tickets seit Monaten!«
Arvid grinst schief. »Geil. Hoffe, ihr habt ordentlich Abriss gefeiert.«
Nach ein paar Fotos und Unterschriften sorgen die Leibwächter sanft, aber bestimmt dafür, dass die Gruppe weiterzieht.
»Danke, dass ihr euch Zeit genommen habt!«, ruft ein Mädchen im Zurückweichen.
Arvid zwinkert ihr zu. »Jederzeit.«
Sobald die Teens außer Sicht sind, hakt er die Sonnenbrille wieder im T-Shirt ein und atmet tief durch.
»So, wo waren wir?«, fragt er und verputzt den Rest der leicht angeschmolzenen Eiswaffel.
Finjan schlendert gelassen an seiner Seite weiter. »Die Show gestern war echt stark.«
Arvid schnaubt. »Die Show? Ja. Der ganze Zirkus drumherum? Eher nicht. Manchmal frage ich mich echt, warum ich mir das noch gebe.«
Finjan stoppt, verschränkt die Arme und mustert ihn aus der Nähe. »Weil du die Musik liebst. Und weil du verdammt gut darin bist.«
Arvid fährt sich durch das dunkle Haar und sieht zur Seite. »Manchmal reicht das eben nicht mehr.«
Er sehnt sich nach echter Stille. Nach Momenten, in denen er einfach Arvid sein darf – nicht die Kunstfigur, die alle von ihm verlangen.
»Du brauchst dringen 'ne Pause«, stellt Finjan mit ruhiger Bestimmtheit fest.
Arvid gibt nur einen stumpfen Laut von sich.
»Wir brauchen sie alle«, setzt Finjan nach. »Wir sollten das mit dem Management klären. Es bringt keinem was, wenn der Frontmann auf der Bühne ausbrennt und seine Energie verliert.«
Arvid bleibt abrupt stehen und knipst die Augen zusammen. »Danke für die Fürsorge, Mom.«
Finjan verzieht keine Miene. »Du bist nun mal das Aushängeschild.«
Arvid verdreht die Augen und seufzt. »Ja, ja. Der perfekte Frontmann, der gefälligst auf Knopfdruck zu funktionieren hat.«
Ohne ein weiteres Wort marschiert er an ihm vorbei.
Mittlerweile sind sie tief in der Altstadt angekommen. Arvid sieht sich um: Die historischen Fassaden, das holprige Kopfsteinpflaster, die verwinkelten Gassen – die Szenerie hat etwas Erdendes. Kein Blitzlichtgewitter, kein Gegröle. Nur die nostalgische Ruhe einer Stadt, die ihre eigenen Geschichten erzählt.
Er mag das. Vielleicht sogar mehr, als er sich selbst eingestehen möchte.