Kapitel 5 - Die kochen auch nur mit Wasser


Als zwei Mitglieder von Metal Earth überraschend im September auftauchen, gerät zumindest einer völlig aus dem Häuschen: David. Ryan dagegen könnte der Promistatus ihrer Gäste kaum weniger interessieren. Während sie Damian und Constantin einfach wie jeden anderen behandelt, sorgt eine Gruppe aufdringlicher Fans für Unruhe – und Ryan zeigt den beiden Rockstars ziemlich schnell, wer im September das Sagen hat. Als Dank winken Konzertkarten. Nur dumm, dass Ryan darauf überhaupt keinen Wert legt.


Ryan reißt die Tür zum September auf und bleibt außer Atem stehen.

David lehnt grinsend an der Theke und mustert sie von oben bis unten. »Sag mal, was hat an dem Outfit bitte so lange gedauert? Nicht mal das Make-up sitzt perfekt.«

Ryan schnaubt und streckt ihm verspielt die Zunge raus. »Sehr witzig.«

Sie ruft ein allgemeines »Hallo zusammen!« in die Runde und verschwindet kurz im hinteren Bereich. Sie verstraut ihre Sachen, streicht sich über das Haar und kehrt direkt in den Gastraum zurück.

Kein einziger Gast. Es ist ruhig – viel zu ruhig.

Malu kommt aus der Küche, steuert auf sie zu und schließt sie herzlich in die Arme. »Na du!«

»Na du«, lächelt Ryan.

Hinter dem Tresen blättert Sascha mit einer Tasse Kaffee in der Tageszeitung. »Metal Earth ist in der Stadt«, murmelt er beiläufig, ohne aufzusehen. »Schon mal was von denen gehört?«

David, der eben noch lässig an der Bar gelehnt hat, strafft sich augenblicklich. Demonstrativ hebt er die Hand, ehe er mit gewohnter Dramatik das Wort ergreift.

»Also …«, setzt er an, als würde er eine Offenbarung verkünden. »Das ist eine Metal-Band. Wie der Name schon sagt. Noch nie von denen gehört?«

Sascha schüttelt als Einziger den Kopf.

Malu und Ryan stehen drüben im Gastraum und prüfen die Tische – ob noch alles an Ort und Stelle steht, ob Pfeffer, Salz und natürlich Tasjas geheimes Gewürz nachgefüllt werden müssen.

Hinter der Bar schnaubt Sascha und blättert in der Zeitung weiter. »Metal-Band? Nicht meine Musik.«

David schüttelt entgeistert den Kopf. »Kulturbanause … Tzööö …« Er nimmt einen Schluck Kaffee und murmelt beiläufig: »Der Sänger ist übrigens verdammt heiß.«

Sascha hebt stumm eine Augenbraue.

Ryan greift nach ein paar fast leeren Gewürzstreuern. »Ich bring die eben in die Küche«, sagt sie zu Malu und dreht sich um.

In diesem Moment schwingt die Tür des Pubs auf.

David blickt zur Tür – und erstarrt. Seine Augen weiten sich, der Mund steht offen, aber es kommt kein Ton heraus.

Dann fuchtelt er wild mit den Händen in Richtung Eingang und bringt mit zittriger Stimme nur ein Stottern heraus: »D-das sind … also … ich … das … DAS SIND ZWEI VON METAL EARTH!«

Seine Stimme überschlägt sich beinahe. Sascha muss sich ein Lachen verkneifen; David sieht aus, als hätte er eine Erscheinung gehabt.

Sascha richtet den Blick auf die beiden Eintreffenden: Der eine trägt langes, dunkles Haar, der andere den Schnitt etwas kürzer. Lederjacken, dunkle Jeans, unlesbare Band-Logos auf den Shirts – der Look lässt keinen Zweifel zu. Sascha nimmt gelassen einen Schluck Kaffee. Na, das kann ja heiter werden.

David zupft hektisch an seinem Shirt, streicht den Kragen glatt, atmet tief durch und steuert den Tisch der beiden Musiker an. Er versucht, cool zu wirken – scheitert aber phänomenal.

Am Tisch angekommen, bleibt er wie angewurzelt stehen und starrt.

Constantin hebt eine Braue und mustert ihn abwartend, während Damian mit den Fingern ungeduldig auf die Holzplatte trommelt. Nach ein paar Sekunden erdrückenden Schweigens sieht Damian auf.

»Hast du deine Stimme im Parfümladen vergessen?«, brummt er rauchig.

David reißt die Augen auf, räuspert sich hektisch und stottert: »N-nein!«

Die beiden Musiker lachen leise und überfliegen die Karte auf dem Tisch.

»Hau einfach mal ein paar Getränke raus«, sagt Constantin und klappt die Karte zu.

Damian lehnt sich zurück. »Nichts mit Alkohol«, ergänzt er rauchig.

David nickt hastig. »Mach ich fertig!«, stottert er und eilt zurück zur Theke.

»Zwei … ähm … zweimal was ohne Alkohol«, setzt er bei Sascha an.

Sascha runzelt die Stirn. »Und was?«

David blinzelt. »Oh. Ich … hab vergessen zu fragen.«

Sascha verdreht die Augen, genau in dem Moment, als Ryan mit den neu befüllten Streuern aus der Küche kommt.

»Nimm du das bitte ab«, brummt Sascha und deutet mit dem Kinn zu dem Tisch. »Vielleicht kriegen wir so eine echte Bestellung.«

Ryan geht mit ruhigen, selbstbewussten Schritten hinüber. Wie immer trägt sie ihr professionelles Lächeln – herzlich, aber bestimmt.

»Ich bin Ryan«, stellt sie sich vor. »Was darf’s für euch sein?«

Die beiden blicken auf – und klappen gleichzeitig die Kinnladen herunter.

Ryan registriert die Überraschung in ihren Gesichtern und den unverhohlenen Gefallen an ihrem Anblick. Sie kennt diesen Blick. Gelassen hebt sie eine Braue und bleibt absolut in ihrer Routine.

»Wir haben klassische Biere, Cider, aber auch eine fantastische hausgemachte Limonade mit Ingwer und Zitrone oder Holunder-Minze«, beginnt sie locker. »Oder habt ihr eher Lust auf Säfte, Tee oder Kaffee?«

Damian fängt sich als Erster. Er räuspert sich und schickt ihr ein schiefes Grinsen. »Klingt gut. Und was gibt’s hier zu beißen?«

»Unseren hausgemachten irischen Lamm-Eintopf«, erklärt Ryan. »Ein streng gehütetes Familienrezept unserer Köchin Tasja. Absoluter Renner.«

Die Männer tauschen einen kurzen Blick aus.

»Klingt perfekt«, nickt Constantin. »Zweimal den Eintopf.«

»Und zu trinken?« Ryan zückt den Block und sieht die beiden abwartend an.

Damian tippt nachdenklich auf die Tischplatte. »Holunder-Minze für mich.«

Constantin nickt. »Ich nehme Ingwer-Zitrone.«

»Perfekte Wahl. Kommt sofort.« Ryan notiert die Bestellung mit einem charmanten Lächeln und geht zur Theke.

»Eine Holunder-Minze und eine Ingwer-Zitrone«, gibt sie die Drinks an Sascha weiter. Er nickt knapp und legt los.

Ryan geht durch in die Küche, wo Tasja bereits zwei Schüsseln des duftenden Lamm-Eintopfs anrichtet. Doch ehe Ryan zugreifen kann, schießt David hinterher.

»Du weißt verdammt noch mal nicht, wer die zwei sind, oder?!«, brüllflüstert er voller Ekstase.

Ryan hebt eine Braue. »Nein. Sollte ich?«

David reißt die Arme hoch, als habe sie entweihtes Land betreten. »Das sind zwei von Metal Earth! Der Band, die heute Abend die Stadt abreißt!«

Ryan zuckt unbeeindruckt die Schultern. »Und? Die kochen auch nur mit Wasser.«

Tasja stellt grinsend die Schüsseln aufs Tablett. »Ich glaube, die Jungs sind ganz froh, wenn man sie mal wie normale Menschen behandelt.«

»Denke ich auch.« Ryan schnappt sich das Tablett, nimmt an der Bar die frischen Limonaden mit und steuert wieder den Tisch an.

David stöhnt frustriert auf, schüttelt den Kopf und trottet zurück in den Schankraum.

Während Ryan das Essen serviert, füllt sich das September langsam. Die Tür klappert stetig, Stimmen und Gläserklingen erfüllen den Raum – die vertraute, warme Pub-Atmosphäre kehrt zurück.

Doch dann kippt die Stimmung.

Eine Gruppe Teens entert den Pub. Kaum haben sie Damian und Constantin entdeckt, belagern sie den Tisch ohne jede Hemmung.

»Oh mein Gott, ihr seid das echt!«, kreischt ein Mädchen.

»Können wir ein Foto machen?«, ruft ein anderer und zückt sofort das Smartphone, während die Nächste bereits einen Edding schwenkt.

Ryan beobachtet das Spektakel von der Bar aus. Die Genervtheit steht den beiden Musikern ins Gesicht geschrieben: Damian atmet schwer durch, während Constantin krampfig versucht, nicht die Augen zu verdrehen. Sie wollten schlicht ungestört essen.

In diesem Moment schieben sich zwei schrankgroße Männer durch die Tür – Security. Ihre Blicke scannen die Lage, die Mienen eisern.

Ryan seufzt leise. Na wunderbar.

Sie legt das Putztuch beiseite und steuert den Tisch mit festen Schritten an. Direkt vor der Fan-Traube klatscht sie einmal laut in die Hände. Die Jugendliche schrecken auf.

»Okay, Leute«, schneidet ihre Stimme glasklar durch den Lärm. Bestimmt, aber ohne aggressiv zu werden. »Das hier ist ein Pub. Unsere Gäste wollen in Ruhe essen. Wenn ihr nichts bestellen möchtet, müsst ihr leider draußen warten.«

Die Fans wechseln verunsicherte Blicke. Damit haben sie definitiv nicht gerechnet.

Ryan hebt spielerisch eine Braue und hält dem Druck stand.

Nach kurzem Zögern murmelt einer ein leises »Sorry«, ehe die Truppe geschlossen abzieht. Auch die Leibwächter, die die Lage als bereinigt einstufen, treten den Rückzug an.

Ryan wendet sich wieder den beiden Rockstars zu. Beide blicken sie spürbar beeindruckt an.

»Danke«, sagt Damian schließlich mit einem ehrlichen, leichten Lächeln.

Ryan zuckt nur gelassen mit den Schultern. »Dafür bin ich hier.«

Dann dreht sie sich um und geht zurück zur Theke – als wäre nichts gewesen.

Malu kommt aus dem Lager, den Zettel mit der Bestandskontrolle in der Hand. Gelassen reicht sie ihn Sascha an den Tresen. »Hier, die Liste. Wir brauchen bald Nachschub.«

Sascha nickt und überfliegt die Notizen, während Malus Blick beiläufig zum Tisch der Musiker wandert. Man sieht ihr an, dass sie keinen blassen Schimmer hat, wer dort sitzt.

David schnaubt genervt und schlägt theatralisch die Hände zusammen. »Du nicht auch noch!«

Malu runzelt die Stirn. »Was denn?«

»Das sind echte Rockstars!«, maulend sucht David die Bestätigung der Gruppe.

Ryan lacht leise vor sich hin, als Damian und Constantin an den Tresen treten.

»Zahlen, bitte«, sagt Damian rauchig.

Ryan überschlägt die Summe. »Das macht vierundzwanzig Euro.«

Damian zieht die Brieftasche aus der Gesäßtasche und schiebt ihr dreißig Euro über das Holz. »Stimmt so. Du bist heute unsere Heldin.«

Ryan grinst. »Solange ich keinen Umhang tragen muss.«

Die beiden grinsen zurück. »Würde dir sicher auch stehen«, meint Constantin. Er greift in seine Lederjacke, zieht ein paar Eintrittskarten heraus und legt sie vor ihr ab. »Falls du und deine Truppe Lust habt.«

Davids Augen weiten sich schlagartig, er hüpft vom Barhocker. »Natürlich haben wir Lust!«

Ryan nimmt die Karten auf, überfliegt sie und zuckt schmunzelnd die Schultern. »Danke. Die werde ich sicher los.«

Damian lacht auf. »Andere hätten uns dafür die Füße geküsst.«

Ryan hebt eine Braue und sieht ihn direkt an. »Tja, wie gut, dass ich nicht andere bin.«

Constantin mustert sie für einen Moment mit ehrlicher Anerkennung. »Du gefällst mir.«

Ryan quittiert den Spruch mit einem gelassenen Lächeln.

»Bis dann«, verabschieden sich die beiden und schieben sich durch die Tür ins Freie.

Sobald die Tür hinter den beiden ins Schloss fällt, drückt Ryan David die Karten in die Hand. »Hier. Ich brauch die nicht.«

David starrt erst die Tickets an, dann sie – als hätte sie den Verstand verloren. »Was?! Du gehst nicht mit?!«

Ryan grinst nur gelassen und klopft ihm auf die Schulter. »Viel Spaß, Rockstar.«

Damit dreht sie sich um, greift nach ihrem Lappen und geht zurück an die Arbeit.