Kapitel 3 - Kein Netz, kein doppelter Boden


Während Arvid nach einer weiteren durchzechten Nacht mit den Schattenseiten des Tourlebens kämpft, schmiedet das Team des September Pläne für die Zukunft. Der Hinterhof soll dem Pub neuen Schwung verleihen – doch die Idee hat ihren Preis. Zwischen großen Vorstellungen, ersten Kalkulationen und schwindenden Rücklagen wird schnell klar: Wenn sie diesen Schritt wagen, setzen sie alles auf eine Karte.


Hier ist deine lektorierte Fassung. Ich habe unnötige Füllwörter und Gedankenschleifen gestrafft und Arvids charakteristische Härte, die Erschöpfung des Tourlebens sowie den rauen Metal-Vibe schärfer hervorgehoben.

Arvid blinzelt, als er erwacht. Sein Kopf dröhnt; die Nacht war lang und feuchtfröhlich.

Noch bevor er sich rührt, wandert sein Blick zur anderen Betthälfte. Dort liegt eine Blonde im tiefen Schlaf, die Arme locker über den Kopf gelegt. Ihre nackte Haut schimmert im schummrigen Morgenlicht.

Also hatten wir Sex.

Er setzt sich auf und fährt sich durch das kurze, dunkelbraune Haar. Dann reibt er sich über das Gesicht, um den Schleier im Kopf zu vertreiben. Er weiß nicht einmal ihren Namen.

Verstreute Kleidung liegt auf dem Boden – ihr schwarzes Kleid, seine Jeans. Er wirft die Decke zurück, zieht sich leise die Hose an und vermeidet es, die Frau noch einmal anzusehen, ehe er ins Bad verschwindet.

Er lässt die Tür leise ins Schloss fallen. Nach dem Gang zur Toilette tritt er ans Waschbecken und spült sich die Hände. Das kalte Wasser tut gut, vertreibt aber nicht die dumpfe Erschöpfung in seinen Knochen. Kurzentschlossen schöpft er zwei Hände voll und spritzt es sich ins Gesicht. Der Kälteschock fährt ihm durch den Rücken, hinterlässt aber immerhin eine vage Spur von Klarheit.

Er blickt in den Spiegel. Wassertropfen rinnen über die markanten Züge seines Gesichts. Er sieht durchgebissen aus. Müde und ausgebrannt.

Die Show gestern Nacht hat ihm wieder alles abverlangt. Er liebt es, mit seiner Band Metal Earth die Bünen zu zerlegen. Er lebt für die schiere Energie, den Dröhn bassgewaltiger Riffs und das Adrenalin, wenn Tausende Fans ihren Namen brüllen.

Aber die Tour zerrt an den Kräften. Wochenlang sind sie schon auf Achse – ein Gig nach dem anderen, eine Stadt nach der nächsten. Kein freier Tag, kein Durchatmen.

Arvid greift nach dem Handtuch und reibt sich müde das Gesicht trocken. Mit seinen siebenundzwanzig Jahren fühlt er sich heute wie siebzig. Die letzten Wochen stecken ihm tief in den Knochen, und es ist längst nicht mehr nur der Alkohol der vergangenen Nacht, der ihn so ausgelaugt zurücklässt.

Er tritt zurück ins Zimmer. Die Fremde liegt noch immer im zerwühlten Bett, der Atem ruhig.

Arvid stoppt am Matratzenrand und stößt sie mit der flachen Hand an der Schulter an. »Zeit zu gehen«, brummt er schroff.

Sie blinzelt verschlafen und runzelt die Stirn. »Hmm?«

»Aufstehen. Ich habe zu tun.«

Ihre Namen, ihre Befindlichkeiten – alles egal. Er will sie schlicht aus dem Raum haben. Er erinnert sich nicht einmal mehr an die Nacht, geschweige denn daran, ob sie gut war.

Er sammelt ihre Kleider vom Boden auf und wirft sie ihr achtlos aufs Bett. Dann greift er nach dem Hörer auf dem Nachttisch.

»Zimmerservice? Ein starker schwarzer Kaffee und ein deftiges Frühstück. Rührei, Speck, Würstchen. Hauptsache schnell.«

Während er ordert, zieht sie sich langsam an. Ihr Blick sucht den seinen, wartet auf eine Geste, ein Wort, irgendetwas. Doch Arvid starrt an ihr vorbei. Sie presst die Lippen zusammen, schnappt sich ihre Tasche und knallt die Tür hinter sich zu.

Erst als Stille einkehrt, atmet Arvid durch. Er greift nach seinem Smartphone und entsperrt den Bildschirm: dreiundzwanzig ungelesene Nachrichten, sieben Benachrichtigungen.

»Scheißdinger sollte man verbieten«, knurrt er.

Er scrollt lustlos durch die Liste – das übliche Grundrauschen aus Band-Updates, Bekannten und geschäftlichen Anfragen. Bis ein Name auftaucht, der ihn innehalten lässt.

Mama.

Er tippt auf die Nachricht.

Ein schmales Lächeln huscht über seine Lippen, während er sich durch den dunklen Dreitagebart kratzt. Keine großen Worte, nichts Weltbewegendes. Und doch geben sie ihm ein Stück Heimat. Seine Mutter fragt, wie es ihm geht, ob er genug isst, wann er sich mal wieder meldet.

Er tippt flink eine Antwort und schickt sie ab. Ohne sie wäre er heute kein Musiker; schon als kleiner Junge hat er gesungen und Wettbewerbe gewonnen, während die anderen Bolzen waren. Seine Mutter hatte das Talent früh erkannt, ihn gefördert und an ihn geglaubt.

Nur hatte sie nie geahnt, dass er einmal als Frontmann einer Metal-Band auf der Bühne stehen würde. Sie hatte ihn eher als Solokünstler gesehen – mit Akustikgitarre, ruhigen, gefühlvollen Songs.

Aber das Leben hatte andere Pläne.

Zu Metal Earth kam er durch einen Unfall: Der eigentliche Sänger erlitt eine schwere Kehlkopfentzündung, seine Stimme erholte sich nie wieder vollkommen. Arvid sollte damals nur für ein paar Gigs einspringen. Aus Wochen wurden Monate.

Und jetzt? Sind es vier Jahre.

Ein Klopfen reißt ihn aus den Gedanken.

»Herein«, ruft er mit rauer Stimme und legt das Smartphone weg.

Eine dunkelhaarige Kellnerin schiebt einen Servierwagen ins Zimmer. »Ihr Frühstück«, sagt sie höflich und beginnt, das Essen anzurichten.

Arvid nickt matt. Während sie die Teller abstellt, wandert ihr Blick unauffällig – oder was sie dafür hält – über seinen nackten Oberkörper.

Er stößt ein genervtes Seufzen aus.

Die Frau zuckt zusammen, läuft rot an und wendet sich ab. Hastig greift sie nach dem Wagen. »Guten Appetit«, murmelt sie im Türrahmen, ehe die Tür ins Schloss fällt.

Arvid schüttelt den Kopf und setzt sich an den Tisch. Auf dem Teller dampft Rührei mit Speck, daneben Toast und ein Alibi-Salat. Den Grünfraß schiebt er sofort beiseite. Stattdessen greift er nach der Kaffeetasse und nimmt den ersten tiefen Schluck.

 

Ryan und Sascha erreichen fast zeitgleich den Pub.

»Guten Tag«, begrüßt er sie und steckt den Schlüssel ins Schloss.

»Hey.« Ryan streckt sich gelöst in der Sonne. »Hatte ich schon mal erwähnt, dass ich dieses Wetter liebe?«

Sascha schnaubt amüsiert. »In den letzten vier Jahren geschätzt zweihundertdreißig Mal.«

Lachend tritt Ryan als Erste ein, während er ihr die Tür aufhält. Sie steuert direkt die Kaffeemaschine an, während Sascha die Fenster im Gastraum kippt, um die frische Frühlingsluft hereinzulassen.

Während die Maschine brummt, lehnt sich Ryan gegen die Theke. »Gut geschlafen?«

»Ging so.« Sascha sieht zu ihr hinüber. »David hat mir heute Nacht noch geschrieben und gefragt, ob alles in Ordnung ist.«

Ryan schüttelt amüsiert den Kopf. »Ich kann’s mir vorstellen: halb beleidigt, halb besorgt.«

»Genau das.«

»Seine Stimme klingt in solchen Momenten immer, als würde er gleich losheulen«, lacht sie leise.

Sascha schmunzelt. »Ja. Ich sollte ihm wohl antworten, bevor er sich vollends in sein Kopfkino hineinsteigert.«

Ryan geht ins kleine Büro hinter der Bar und holt den Ordner für den Finanzcheck. Sie legt die Unterlagen auf einen der Tische, bringt Kaffeekanne sowie zwei Becher mit und schenkt ein.

Gerade als Sascha sich zu ihr setzt und beide den ersten Schluck nehmen, stößt David dazu. Er hat sich bereits eine eigene Tasse organisiert, setzt sich, nimmt einen tiefen Schluck und stützt die Arme auf die Tischplatte.

»Also«, beginnt David ohne Umschweife. »Ich habe mir heute Nacht Gedanken gemacht. Die Idee mit dem Grillplatz im Innenhof ist stark. Die Frage ist nur: Ist das finanziell gerade überhaupt drin?«

Ryan nickt und schlägt den Ordner auf. Ihr Finger gleitet die Spalten entlang.

»Wir sind im Plus«, sagt sie schließlich und sieht die beiden an. »Aber dieses Ersparte war eigentlich als Puffer gedacht – für Miete, Wareneinkauf und schlechte Zeiten.«

Sascha lehnt sich nachdenklich zurück und reibt sich über das Kinn. »Das heißt, wenn wir das Geld für den Grillplatz anpacken, schmelzen unsere Reserven dahin?«

Ryan seufzt leise. »Zumindest haben wir dann kein Netz und keinen doppelten Boden mehr.«

Kurze Stille legt sich über den Tisch. Draußen zwitschern die Vögel in der warmen Frühlingsluft.

David trommelt mit den Fingern auf die Tischplatte. »Dann muss die Nummer eben sitzen. Keine Fehlinvestition.«

»Genau das ist der Punkt«, nickt Sascha.

Ryan greift nach dem Stift und blättert auf eine leere Seite. »Bevor wir rechnen, halten wir fest, was wir überhaupt brauchen. Punkt eins: Tische und Stühle.«

»Licht«, ergänzt David. »Irgendwas Gemütliches. Lichterketten zum Beispiel.«

»Ein richtiger Grill«, fügt Sascha hinzu. »Einer, der was aushält und nicht nach zwei Wochen abraucht.«

Ryan kritzelt fleißig mit. »Eine kleine Außenbar? Damit wir nicht wegen jedem Bier nach drinnen rennen müssen.«

Sascha hebt anerkennend eine Braue. »Nicht schlecht.«

David grinst. »Und ein DJ-Pult.«

Ryan verdreht die Augen. »David …«

Er hebt abwehrend die Hände. »Scherz! Aber Musik brauchen wir trotzdem.«

»Kommt auf die Liste«, murmelt Ryan. Sie tippt mit dem Stift nachdenklich aufs Papier, ehe ihr etwas einfällt. »Warte mal … wir brauchen draußen Strom.«

Sascha runzelt die Stirn. »Stimmt. Ohne Strom kein Licht, keine Musik, keine Kühlung für die Bar.«

Ryan seufzt. »Das heißt, ein Elektriker muss her. Und wenn wir den Hof wirklich nutzen wollen, müssen wir pflastern. Sonst haben wir im Sommer eine Staubwüste und bei Regen eine Schlammschlacht.«

David lehnt sich vor, sein Blick hellt sich auf. »Alte Pflastersteine! Die passen perfekt zur Altstadt. Die kriegt man bestimmt irgendwo günstig – oder geschenkt, wenn Straßen aufgerissen werden.«

»Gute Idee«, nickt Sascha.

Ryan notiert es sofort. »Was noch?«

Malu bringt frischen Kaffee und schaltet sich ein: »Sonnenschirme oder ein Sonnensegel. Sonst grillen wir im Hochsommer nicht nur das Fleisch, sondern auch die Gäste.«

Ryan lacht und schreibt mit.

»Heizstrahler für kühlere Abende?«, schlägt Sascha vor.

»Und Pflanzen!«, wedelt David mit den Händen. »Irgendetwas Grünes, damit es nicht aussieht wie ein Hinterhof-Parkplatz.«

»Große Pflanzkübel«, überlegt Malu. »Das macht sofort was her.«

Die Ideen sprudeln weiter: Malu schlägt eine Feuerschale für die Abendstunden vor, David bringt sommerliche Whiskey-Cocktails ins Spiel, und Ryan ergänzt gemütliche Kissen, Windlichter sowie Decken.

Nach ein paar Minuten tippt Ryan mit dem Stift auf den Block und betrachtet das Ergebnis:

  • Möbel & Komfort: Tische, Stühle, Kissen, Sonnenschirme/Überdachung, Decken & Heizstrahler

  • Atmosphäre & Deko: Pflanzenkübel, Lichterketten, Windlichter, Feuerschale, rustikale Schilder & Kreidetafel

  • Infrastruktur: Stromanschluss (Elektriker), Boden pflastern

  • Gastro & Konzept: Kleine Außenbar, großer Grill, Sommer-Cocktails & Event-Musik

Sie sieht in die Runde. »Das ist ein richtiger Plan. Fehlt nur noch die Kehrseite: das Budget.«

Sascha atmet tief durch. »Dann lasst uns mal rechnen.«