Kapitel 24 - Die Tür fällt ins Schloss


Nach zehn intensiven Tagen müssen Ryan und Arvid sich voneinander verabschieden – und die Trennung fällt beiden schwerer als erwartet. Doch Ryan bleibt kaum Zeit, ihre Sehnsucht zu verarbeiten: Die Presse kennt inzwischen ihre Identität und verfolgt sie bis vor die Tür des September. Während ihre Freunde schützend an ihre Seite rücken, wird ihr schmerzhaft bewusst, dass sich ihr bisher so normales Leben unwiderruflich verändert hat. Und ausgerechnet jetzt ist Arvid meilenweit entfernt.


Arvid zieht den Reißverschluss seiner Reisetasche zu, während Ryan stumm im Türrahmen des Schlafzimmers lehnt. Ihr Herz ist schwer wie Blei, ein brennender Kloß sitzt fest in ihrer Kehle. Es ist so weit – der Moment des Abschieds lässt sich nicht länger hinauszögern.

Zehn Tage. Verflogen wie im Zeitraffer. Zehn Tage voller ungestörter Nähe, vertrauter Gespräche und einer Intimität, die jede Faser ihres Seins erfasst hat. Zehn Tage, in denen alles so vollkommen, so mühelos und richtig war.

Ryan beißt sich auf die Unterlippe, kämpft verzweifelt gegen das Brennen hinter den Lidern an. Sie will ihm diesen Gang nicht noch schwerer machen. Arvid steht ohnehin unter Dauerbeschuss: Die Boulevardmedien wühlen erbarmungslos im Schlamm, kramen uralte Tour-Geschichten hervor und bieten selbst ernannten Ex-Geliebten eine Bühne, die sich für fünfzehn Minuten Ruhm ins Rampenlicht drängen.

Arvid entgeht nicht, wie sehr dieses Geier-Getue an ihren Nerven zerrt – und doch hat sie die Fassade für ihn aufrechterhalten. Sie glaubt an ihn, an sie beide, an das unerschütterliche Band zwischen ihnen.

Er atmet schwer aus, hebt den Kopf und fängt ihren Blick ein. Für einen Wimpernschlag scheint der Atem der Welt zu stocken.

Ohne ein Wort lässt er die Tasche stehen, überbrückt die wenigen Schritte und zieht sie an sich. Er spürt ihr stummes Zittern, sieht den vergeblichen Kampf gegen die Tränen – und schließt die Arme so fest um ihren zierlichen Körper, als könne er sie mit bloßer Willenskraft vor der Trennung bewahren. Er vergräbt das Gesicht an ihrem Hals, saugt ihren Duft und ihre Wärme auf, die ihm längst wichtiger geworden sind als jeder Applaus der Welt.

Dann dringt die feuchte Wärme durch den Stoff seines T-Shirts. Ryan hat den Kampf verloren. Und in diesem Moment brechen auch seine eigenen Dämme.

Seine Finger streichen durch ihr Haar, seine Kehle schnürt sich zu. Vielleicht ist es nach menschlichem Ermessen zu früh, um es laut auszusprechen – doch jede Faser seines Körpers weiß es mit absoluter Klarheit: Er liebt diese Frau. Und es wird nie wieder eine andere für ihn geben.

»Ich werde dich so verdammt schrecklich vermissen«, flüstert er heiser an ihrem Ohr.

Ein ersticktes Schluchzen bricht aus Ryans Brust, ihr ganzer Körper bebt in seinen Armen. Arvid presst sie noch enger an sich. Eine einzelne, heiße Träne bahnt sich ihren Weg über seine Wange. Er verabscheut den Gedanken, sie jetzt allein zurückzulassen, wo der mediale Sturm erst so richtig aufzieht. Doch er klammert sich an die Gewissheit, dass kein Ozean und keine Tour-Distanz jemals zwischen sie treten können.

Draußen zerreißt das dumpfe Hupen der Limousine die Stille des Flurs. Ein Weckruf, der ihn gnadenlos in die Realität zurückreißt.

Arvid hebt den Kopf. In ihren feuchten blauen Augen spiegeln sich Schmerz, Verlangen und die nackte Angst, die einen befällt, wenn man das Kostbarste seines Lebens vorerst loslassen muss.

Behutsam wischt er mit dem Daumen über ihre Wangen, ehe er ihr Gesicht in beide Hände nimmt und ihre Lippen einfängt. Der Kuss ist kein simples Lebewohl – er ist ein unumstößliches Gelübde. Verzweifelt, hungrig und voller aufgestauter Emotionen brennen sich ihre Münder ineinander, als wollten sie die Leere der kommenden Wochen im Voraus verbrennen.

Ryans Finger krallen sich tief in sein Shirt, um ihn noch für Sekundenbruchteile hierzuhalten.

Schließlich löst er sich schwer atmend von ihr und presst seine Stirn an ihre. »Ich komme so schnell zurück, wie es nur geht«, flüstert er gegen ihren Mund.

Ryan schluckt die Tränen hinunter. »Ich werde auf dich warten. Versprochen.«

Ein letzter, brennender Blick – dann greift er seine Tasche und tritt hinaus.

Die schwere Wohnungstür fällt mit einem dumpfen, endgültigen Klicken ins Schloss. Das Geräusch hallt durch die verwaisten Räume wie ein Schuss.

Ryan starrt auf die leere Stelle im Flur. Ihre Knie geben nach, die Beine versagen den Dienst. Sie sinkt auf das kalte Holz, stützt sich vornüber ab und bricht in hemmungsloses Weinen aus.

Zu der tiefen Sehnsucht gesellt sich eine lähmende Furcht: Was, wenn Arvid irgendwann entscheidet, dass sie ohne ihn und sein chaotisches Star-Dasein besser dran wäre? Nicht aus mangelnden Gefühlen, sondern aus dem quälenden Drang heraus, sie vor dem Medienrummel zu retten.

Der bloße Gedanke nimmt ihr die Luft zum Atmen. Sie zieht die Knie an die Brust, schlingt die Arme fest um ihre Beine und lauscht der drückenden Stille einer Wohnung, die sich ohne ihn plötzlich wie eine tote Hülle anfühlt.

Kilometer entfernt lehnt Arvid die Stirn an das kühle Fenster des Wagens. Die Lichter der abendlichen Stadt ziehen als verschwommene Streifen an ihm vorbei, doch in seinen Gedanken existiert einzig ihr Gesicht.

Ein nagendes Schuldgefühl schnürt ihm die Brust ab. Er hat sie im Auge des Sturms zurückgelassen – genau in dem Moment, in dem sie einander am dringendsten gebraucht hätten.

Zum ersten Mal in seiner Karriere blitzt der Gedanke auf, alles hinzuschmeißen. Den ganzen verdammten Musiker-Zirkus, die ewigen Reisen, den Hype. Wofür das Ganze eigentlich noch? Applaus und Geld füllen die Leere längst nicht mehr aus. Wenn die Lichter auf der Bühne erlöschen, bleibt sonst nur die kalte Öde eines Lebens aus dem Koffer.

Bis Ryan kam.

Sie hat ihm gezeigt, wie sich ein echtes, ungekünsteltes Leben anfühlt. Durch ihre Bodenständigkeit, ihr unbeschwertes Lachen und diesen einen Blick, der ihn als verletzlichen Menschen sieht und nicht als Produkt auf einem Hochglanz-Cover.

Sie hat ihm in zehn Tagen mehr Halt geschenkt als all die flüchtigen Bekanntschaften der letzten Jahre zusammen.

Arvid schließt die Augen, atmet zittrig durch und ballt die Fäuste. Er hat keine Ahnung, wie er die kommenden Wochen ohne sie überstehen soll – doch er weiß, dass er für ihre gemeinsame Zukunft jedes Hindernis niederreißen wird.

Ryan atmet tief durch und zwingt sich auf die Beine. Ihr Herz hämmert noch schwer, doch sie weigert sich, den restlichen Tag im Schmerz zu ertrinken. Sie muss raus – unter vertraute Menschen, die sie auf andere Gedanken bringen.

Vor dem Spiegel wischt sie über ihre geröteten Lider. Als sie nach der Bürste greifen will, fällt ihr Blick auf den Flakon seines Aftershaves. Mit zitternden Fingern nimmt sie das Glas, schraubt den Verschluss ab und atmet den herben, vertrauten Duft ein. Für einen Herzschlag spürt sie Arvid wieder greifbar nah an ihrer Seite – und prompt bahnen sich neue Tränen ihren Weg über ihre Wangen.

Sie schluckt den Kloß hinunter, stellt den Flakon behutsam auf den Nachttisch – ein greifbares Versprechen, dass all das keine bloße Illusion war – und bringt ihre Haare in Ordnung. Ein Hauch Make-up verdeckt die Spuren des Abschieds. Sie schlüpft in Jeans, Shirt und Schuhe, schnappt sich ihre Tasche und zieht die Wohnungstür hinter sich ins Schloss.

Draußen schlägt sie den gewohnten Weg ein, doch kurz vor der Einmündung zum Pub bricht das Unheil über sie herein.

Ein greller Blitz zuckt durch ihr Blickfeld, gefolgt von metallischem Klicken.

»Ryan! Schau mal her!« »Bist du Arvids neue Flamme?« »Wie gehst du mit den Gerüchten über seine Ex-Freundinnen um?«

Ryan erstarrt. Drei Fotografen stürmen aus dem Schatten der Hauswand auf sie zu, die Objektive schamlos auf ihr Gesicht gerichtet. Das Adrenalin schießt ihr wie Eiswasser durch die Adern. Panik schnürt ihr die Kehle zu – sie fühlt sich wie ein gehetztes Wild im Scheinwerferlicht.

Scheiße! Sie haben sie gefunden.

Ruckartig wirbelt sie herum, reißt die Kapuze ihrer Jacke tief ins Gesicht und beschleunigt ihre Schritte. Ihre Hände zittern unkontrolliert. Der rettende Eingang des Pubs liegt nur noch wenige Meter entfernt, doch die Meute klebt an ihren Fersen, feuert im Sekundentakt Auslöser ab und wirft ihr provokante Fragen an den Kopf.

Mit einem letzten Satz erreicht sie die Tür, reißt sie auf und wirft sie mit ganzer Kraft hinter sich ins Schloss. Keuchend presst sie den Rücken gegen das Holz.

Malu und David erstarren hinter der Bar.

»Ryan?«, Malu tritt sofort vor. »Was ist passiert?!«

Ryan schließt die brennenden Augen und ringt nach Fassung. »Die Presse … Sie wissen, wer ich bin.«

Kaum begreift David die Tragweite, stürzt er nach vorn, packt sie am Arm und zieht sie rasch aus dem Sichtfeld der Scheibe. »Heilige Mutter Gottes! Du bist berühmt!«, ruft er, späht vorsichtig durch das Glas und starrt auf die Fotografen, die draußen wie Geier auf der Lauer liegen. »Das ist der absolute Wahnsinn! Du bist jetzt offiziell ein VIP!«

»David!«, fährt Malu ihn scharf an. »Hör auf mit diesem Schwachsinn! Siehst du nicht, wie fertig sie ist?«

Sascha tritt ans Fenster, schiebt die Brauen finster zusammen und schüttelt den Kopf. »Fünf Mann. Die belagern den ganzen Gehweg. Was für ein Zirkus.«

»Ich kann nicht mal mehr ungestört über die Straße gehen«, murmelt Ryan fahrig und vergräbt die Hände im Gesicht. »Was mache ich denn jetzt?«

Malu legt ihr fest die Hand auf die Schulter. »Erst mal tief durchatmen. Wir finden eine Lösung, damit die dir nicht weiter auf die Pelle rücken.«

»Ich nehme nachher einfach den Hinterausgang«, schlägt Ryan zittrig vor.

Sascha schnaubt trocken. »Glaubst du wirklich, die sind so blöd? Du bist jetzt auf ihrem Radar. Die kriegen raus, wo du wohnst, wo du einkaufst, wo du arbeitest …«

Ryan presst die Zähne aufeinander. Genau diese beklemmende Enge hatte sie befürchtet.

David versucht krampfhaft, dem Drama etwas Positives abzugewinnen. »Aber hey – vielleicht bringt uns das massenhaft neue Gäste, die hoffen, die Frau an Arvids Seite zu sehen!«

»David!«, schallt es unisono von Ryan, Malu und Sascha durch den Schankraum.

Er hebt beschwichtigend die Hände. »Schon gut! Ich halte die Klappe! Aber aufregend ist es trotzdem …«

Ryan lässt die Schultern sinken. »Ich will keine Schlagzeilen. Ich will verdammt noch mal einfach nur mein normales Leben zurück.«

»Und genau darum kümmern wir uns«, sagt Malu mit unumstößlicher Festigkeit und zieht sie in eine Umarmung. »Wir stehen das gemeinsam mit dir durch. Was auch immer kommt.«

Ryan nickt schwach an ihrer Schulter. Der Halt ihrer Freunde tut gut, doch der bittere Nachgeschmack bleibt: Die Tür zu ihrer alten, unbeschwerten Welt ist für immer zugefallen.

Die schwere Eingangstür des Pubs schwingt auf. Ein hochgewachsener, breitschultriger Mann tritt ein, lässt den Blick durch den Raum wandern und bleibt sofort an Ryan hängen. David registriert den Neuankömmling als Erster. Seine Augen funkeln interessiert, während er die stattliche Gestalt von oben bis unten mustert und mit wiegendem Schritt auf ihn zugeht.

»Kann ich dir weiterhelfen?«, hakt er mit unverhohlener Neugier nach.

Der Mann schüttelt nur stumm den Kopf, ignoriert Davids Annäherungsversuch vollkommen und behält Ryan im Auge.

Ryan nimmt gerade einen Schluck Wasser und blickt überrascht über die Schulter. »Steve?«, entfährt es ihr ungläubig. Ein winziger Funke Hoffnung flammt in ihr auf – sie starrt an ihm vorbei zur Tür und wartet darauf, dass Arvid jeden Moment hinter ihm auftaucht. Doch die Tür bleibt zu. Sie presst enttäuscht die Lippen zusammen und fixiert den Leibwächter.

Steve fängt ihren Blick auf und nickt knapp. Seine Miene bleibt gewohnt professionell, doch in seinen ruhigen Zügen liegt etwas Deeskalierendes. »Alles in Ordnung bei Ihnen?«

»Alles in Ordnung«, erwidert Ryan, obwohl ihre zittrige Stimme das Gegenteil verrät.

Steve mustert sie kurz und nickt erneut. »Ich wollte nur sichergehen. Arvid hat mich geschickt.«

Bei seinen Worten krampft sich Ryans Magen zusammen. Eine bittere Erkenntnis: Arvid sorgt sich um sie, aber er ist bereits meilenweit entfernt auf dem Weg zum nächsten Termin. Er wird heute nicht mehr durch diese Tür kommen.

David stützt die Ellenbogen auf die Theke und betrachtet Steve mit unverhohlenem Wohlwollen. »Du bist also der berüchtigte Leibwächter? Nicht schlecht. Und? Sollst du sie evakuieren oder nur die Lage peilen?«

Steve lässt sich von Davids forschem Ton nicht aus der Ruhe bringen. »Ich stelle sicher, dass sie nicht bedrängt wird.«

Malu wechselt einen vielsagenden Blick mit Ryan, schüttelt leise den Kopf und dreht sich auf ihrem Hocker. »Völlig surreal, was für ein Zirkus hier veranstaltet wird.«

»Wem sagst du das«, murmelt Ryan und stößt einen schweren Seufzer aus.

Steve lässt den Blick noch einmal routiniert über den Schankraum gleiten und wendet sich wieder an sie. »Wenn drinnen etwas ist, geben Sie ein Zeichen. Ich halte draußen die Stellung.«

Ryan nickt stumm. Steve dreht sich auf dem Absatz um und verlässt den Pub mit gemessenen Schritten.

Kaum fällt die Tür ins Schloss, beugt sich David mit einem schiefen Grinsen zu Ryan herüber. »Ganz ehrlich: Ich könnte mich daran gewöhnen, dass wir hier jetzt zur VIP-Zone gehören. Und der Bodyguard ist optisch definitiv auch nicht von schlechten Eltern.«

Ryan schnaubt trocken und vergräbt das Gesicht in den Händen.

Malu schenkt ihr ein leises Lachen, doch ihr forschender Blick bleibt ernst. »Alles okay bei dir?«, fragt sie sanft.

Ryan nimmt noch einen Schluck Wasser und starrt auf den feuchten Rand ihres Glases. »Ich habe für eine Sekunde echt geglaubt, Arvid käme hinter ihm her.«

Malu legt ihr tröstend die Hand auf den Arm. »Die Tage bis zum nächsten Wiedersehen vergehen schneller, als du denkst.«

Ryan seufzt leise und dreht das Glas zwischen ihren Fingern. Sie hofft es inständig – denn das Echo seiner Abwesenheit tut jetzt schon verdammt weh.