Kapitel 9 - Reisende soll man nicht aufhalten


Zwischen Kaffee, Musik und überraschenden Gemeinsamkeiten vergeht die Nacht schneller, als Ryan und Arvid lieb ist. Doch während die Nähe zwischen ihnen wächst, weiß Arvid längst, dass sein Leben keinen Platz für ein einfaches Kennenlernen lässt. Als der Morgen anbricht, trennen sich ihre Wege - scheinbar endgültig. Nur ihre Gedanken halten sich nicht an diesen Abschied.


Arvid sieht sie neugierig an, ein herausforderndes Funkeln in den dunklen Augen. »Boyband-Fan?«, fragt er neckend, während er die Tasse an die Lippen setzt.

Ryan schnaubt belustigt und schüttelt den Kopf. »Nein, ganz sicher nicht. Ich bin da auf kein Genre festgelegt. Wenn mich ein Song packt, ist mir völlig egal, aus welcher Ecke er kommt.« Sie zuckt die Schultern und nimmt einen Schluck. »Hauptsache, der Text hat Sinn und Substanz.«

Ihr Blick trifft seinen, offen und ehrlich. Arvid gefällt ihre Antwort.

Er lehnt sich ein Stück vor. »Gute Texte …«, wiederholt er nachdenklich und nickt langsam. »Darauf achte ich auch. Vor allem bei den ruhigeren, langsamen Nummern.«

»Genau!«, pflichtet Ryan ihm eifrig bei. »Man muss sich darin wiederfinden können. Wenn mich ein Lied emotional nicht erreicht, ist es für mich wertlos.«

Arvid lehnt sich zurück, ein anerkennendes Lächeln auf den Lippen. Er mag ihre Haltung zur Musik. Vielleicht haben sie doch mehr gemeinsam, als der erste Eindruck vermuten ließ.

Er leert seine Tasse und stellt sie auf das Holz. Als er Ryan betrachtet, schleicht sich eine nüchterne Erkenntnis ein: Das hier wird ein einmaliges Treffen bleiben. Müssen.

Kurz keimt der Gedanke auf, nach ihrer Nummer zu fragen, doch er verwirft ihn sogleich wieder. Es hätte schlicht keine Zukunft. Egal, wie sehr sie ihn fasziniert – welche Frau tut sich dieses Leben freiwillig an? Ständig auf Achse, nie wirklich greifbar, dauerhaft umgeben von Lärm, Fans und Erwartungsdruck.

Ryan entgeht seine plötzliche Abwesenheit nicht. »Woran denkst du gerade?«

Arvid blinzelt, sieht sie an und setzt ein knappes Lächeln auf. »An nichts Wichtiges«, winkt er ab und schielt auf die Uhr. Er seufzt leise. »Ich sollte dich jetzt schlafen lassen. Meinen Kaffee hatte ich ja.«

Ryan schmunzelt und verschränkt die Arme vor der Brust. »Kaffee macht allerdings hellwach – wusstest du das etwa nicht?«

Arvid lacht leise auf. »Doch, klar. Ich inhaliere das Zeug regelrecht, um auf den Beinen zu bleiben. Cola und Energy-Drinks erfüllen aber denselben Zweck.«

Ryan verzieht prompt das Gesicht. »Bah, das schmeckt doch total künstlich. Erinnert mich immer an dieses chemische Eis aus meiner Kindheit.«

Arvid sieht sie schmunzelnd an. Er weiß haargenau, was jetzt kommt.

Und genau in diesem Moment sagt sie: »Blauer Engel. Kennst du das?«

Arvid lacht befreit auf. »Das habe ich erst gestern gegessen! Habe ich als Kind geliebt.«

Ryan hebt überrascht die Brauen.

»Gerade weil es so künstlich schmeckt«, fügt er grinsend hinzu.

Ryan schüttelt lachend den Kopf. »Ich mochte es eigentlich nur wegen der knalligen Farbe.«

Einen Augenblick lang sehen sie sich an, gelöst und amüsiert – ehe das gemeinsame Lachen langsam im Raum verklingt.

Arvid erhebt sich träge. Es ist Zeit.

»Gleich fünf Uhr«, stellt er mit einem Blick aufs Zifferblatt fest. »Ein bisschen Schlaf sollte ich mir wohl noch gönnen.«

Ryan nickt, doch im selben Moment steigt ein unerwartetes Gefühl in ihr auf: Enttäuschung. Die plötzliche Verunsicherung schiebt sie rasch beiseite, stellt die Tassen ab und steht ebenfalls auf.

»Tja, wie sagt man so schön?«, meint sie schulterzuckend mit einem schmalen Lächeln. »Reisende soll man nicht aufhalten.«

Arvid atmet tief durch. Wenn du wüsstest.

»Leider wahr«, sagt er, greift nach seiner Jacke auf der Couchlehne und steuert die Tür an.

Ryan folgt ihm und zieht das Holz auf. Arvid wendet sich im Flur noch einmal um; seine dunklen Augen ruhen intensiv auf ihr.

»Danke für den Abend. Das hat echt gutgetan«, sagt er vollkommen ehrlich.

Ryan lehnt sich gegen den Türrahmen und schenkt ihm ein ungefiltertes Lächeln. »Fand ich auch.«

Arvid hebt knapp die Hand. »Bis dann.«

Damit dreht er sich ab und nimmt die Treppe nach unten. Ryan bleibt stehen und sieht ihm nach, bis das Klacken seiner Sohlen verhallt und er im Erdgeschoss verschwindet.

Ihr Magen zieht sich schmerzhaft zusammen. Warum fühlt sich das bloß wie ein Abschied für immer an?

Sie presst die Lippen aufeinander, tritt zurück in die Wohnung und zieht die Tür ins Schloss. Mechanisch räumt sie die Tassen ab und bringt sie in die Küche.

Arvids Becher hält sie ein paar Sekunden länger in der Hand, als nötig wäre. Dann stellt sie ihn leise ins Waschbecken und atmet tief aus.

 

Finjan stürmt ohne Vorwarnung ins Zimmer. »Alter, hast du’s an den Ohren?! Wir warten auf dich! Wo hast du dein scheiß Handy?!«

Arvid blinzelt, blendfertig vor Müdigkeit. Finjan stopft bereits Arvids Klamotten achtlos in den Koffer.

»Was?«, murmelt er völlig verschlafen und fährt sich über das Gesicht.

»Der Nightliner rollt in zehn Minuten!« Finjan wirft ihm eine eiskalte Dose Energy-Drink zu. »Für Kaffee ist keine Zeit mehr.«

Arvid fängt die Dose im Reflex, setzt sich stöhnend auf und greift nach seiner Jeans. Er schlüpft hinein, zieht das Shirt über den Kopf und funkelt Finjan an. »Pinkeln darf ich aber noch, oder?«, brummt er und verschwindet im Bad.

»Check einfach öfter deine Nachrichten!«, ruft Finjan ihm hinterher. »Ist ja nicht das erste Mal. Bist du wieder mit irgendeiner Rothaarigen versumpft?«

Arvids Züge versteinern. Ein harter Ruck geht durch seinen Kiefer. Er reißt die Tür auf und faucht: »Halt die Fresse. Das geht dich einen Scheißdreck an!«

Finjan hebt abwehrend die Hände und grinst schief. Er kennt Arvid lange genug, um zu wissen, dass er nur so reagiert, wenn ein Nerv getroffen wurde. Also schiebt er es auf Kater und Morgenmuffeligkeit.

Schweigend durchqueren sie wenig später die Lobby und treten auf die Straße. Als die kühle Morgenluft Arvid entgegenschlägt, wandern die Gedanken sofort ab.

Ryan.

Ihr Lachen, ihre blauen Augen – alles drängt ungefragt an die Oberfläche. Genervt von sich selbst packt er seinen Rucksack fester, marschiert zum Bus und pfeffert ihn in die Ladeluke.

Die Tür knallt ins Schloss, als er einsteigt, ohne die Band auch nur eines Blickes zu würdigen.

Constantin, der im Sitz lümmelt, schüttelt genervt den Kopf. »Oh, der Herr hat wieder miese Laune?«

Arvid ignoriert ihn spitz.

Finjan klettert als Letzter hinein, lässt sich mit einem Seufzer auf den Nachbarsitz fallen und verkneift sich die Frage, die ihm auf der Zunge brennt.

Arvid zieht seine Sonnenbrille auf und schirmt sich ab. Das Signal ist unmissverständlich: Lasst mich einfach alle in Ruhe.