Kapitel 33 - Es muss einen Mittelweg geben
Zurück in ihrem alten Alltag wird Ryan von der Frage eingeholt, wie eine gemeinsame Zukunft mit Arvid überhaupt aussehen kann. Ein ehrliches Gespräch mit ihrer Mutter hilft ihr schließlich zu erkennen, was sie wirklich will – und dass Liebe nicht zwangsläufig bedeuten muss, alles andere aufzugeben. Zur selben Zeit kämpft Arvid mit ganz ähnlichen Gedanken. Die Trennung von Ryan trifft ihn so hart, dass er gegenüber Finjan erstmals ausspricht, wie weit er für ein gemeinsames Leben mit ihr gehen würde.
Ryan öffnet ihren Koffer und beginnt mechanisch, die Kleidung in den Schrank zu räumen. Jedes Stück Stoff, das sie berührt, atmet noch die Erinnerung an die letzten Tage – an Arvids vertrauten Duft, an seine rauen Hände auf ihrer Haut und an das Gefühl absoluter Geborgenheit in seinen Armen. Doch hier, in den vertrauten vier Wänden ihrer Wohnung, fühlt sich die Welt plötzlich fremd und zersplittert an.
Ihre Gedanken drehen sich im Kreis. Wie soll diese Zukunft aussehen? Sie und Arvid – zwei Welten, die aufeinanderprallen und sich irgendwie zusammenfügen müssen. Kann sie diesen Spagat aushalten? Will sie ihn überhaupt? Und was wird aus dem September? Der Pub ist ihr Fundament, ihr Anker, ihre Familie. Sie kann das alles nicht einfach über Bord werfen. Oder doch?
Mit einem schweren Seufzen lehnt sie die Stirn gegen die kühle Schranktür. Die Ungewissheit erdrückt sie. Sie braucht ein Ventil. Jemanden, der ihr den Kopf geraderückt.
Steve wäre zur Stelle, doch er ist der Falsche für dieses Gespräch. Er würde ihr nur nach dem Mund reden. Sie spürt seine Zuneigung – diese leise, unausgesprochene Spannung zwischen ihnen, die keiner von beiden je anrühren würde, weil Arvid jeden Zentimeter ihres Herzens besetzt. Steve würde sie mit sanften Floskeln beruhigen, ihr versichern, dass sich alles fügen wird.
Aber beschwichtigende Worte nützen ihr nichts. Sie braucht eine schonungslose Wahrheit – eine Perspektive, die wehtut, aber den Schleier vor ihren Augen endlich zerreißt.
Ryan schließt die Schranktür, atmet einmal tief durch und entsperrt ihr Handy. Sie weiß genau, wer ihr jetzt die nötige Klarheit schenken kann.
»Ryan, mein Schatz!«
Der vertraute, warme Klang in der Stimme ihrer Mutter schnürt ihr augenblicklich die Kehle zu. Ryan presst die Lippen aufeinander, doch gegen das plötzliche Brennen hinter ihren Lidern hat sie keine Chance. Die ersten Tränen bahnen sich stumm ihren Weg.
»Mama …«, bringt sie mühsam hervor. Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit seit ihrem letzten Telefonat, obwohl erst wenige Wochen vergangen sind. Doch diese Wochen auf Tour – zwischen dröhnenden Bässen, flüchtigen Hotelzimmern und der ständigen Jagd nach Privatsphäre – haben ihr Zeitgefühl vollkommen verschoben.
»Ist alles in Ordnung bei dir, Liebes?«, hakt ihre Mutter sofort mit feinem Gespür nach.
Ryan schluckt den Kloß im Hals hinunter. »Ja, alles gut. Wie geht es dir, Mama? Wie kommst du mit dem ganzen Trubel um mich zurecht?«
Am anderen Ende der Leitung folgt ein kurzes, nachdenkliches Schweigen, ehe ihre Mutter leise seufzt. »Ganz gut soweit. Es ist … bizarr, mein eigenes Kind plötzlich auf den Titelseiten der Klatschblätter oder in den Promi-News zu sehen.«
Ryan nickt mechanisch. »Glaub mir, für mich ist es nicht weniger surreal.« Sie fährt sich fahrig durch die Haare. »Ich wusste, dass Arvids Welt andere Regeln hat. Aber dieses Ausmaß überrollt mich einfach völlig.«
»Hast du mit ihm darüber geredet?«
»Natürlich. Aber was soll er tun? Das ist nun mal sein Job, sein Leben. Ich habe mich ganz bewusst darauf eingelassen.«
»Ryan, hör mir zu«, wird der Ton ihrer Mutter sanft, aber unmissverständlich. »Nur weil du die Konsequenzen geahnt hast, bedeutet das nicht, dass du alles klaglos ertragen musst.«
Ryan schließt die Augen. Ihre Mutter liest sie nach wie vor wie ein offenes Buch.
»Mama, ich liebe ihn«, flüstert sie, und die Worte vibrieren vor unerschütterlicher Gewissheit. »Ich habe noch nie für einen Menschen so empfunden. Wenn Arvid bei mir ist, existiert dieses ganze Chaos nicht mehr. Ich bin bei ihm einfach … zu Hause.«
Ein langer Atemzug verhallt in der Leitung, ehe sich ein leises, liebevolles Lächeln in die Stimme ihrer Mutter schleicht. »Siehst du? Da hast du deine Antwort doch längst.«
Ryan hält den Atem an.
»Frag dich einzig und allein: Was macht dich glücklich?«, fährt ihre Mutter behutsam fort. »Blende für einen Moment mich aus, deine Freunde, sogar das September. Hier geht es nur um dein Leben.«
Die Antwort liegt schon lange tief in ihrer Brust vergraben. Sie hat nur den Mut gebraucht, sie laut auszusprechen.
Ryan öffnet die Augen. Die drückende Schwere der letzten Tage fällt mit einem Schlag von ihren Schultern ab – kein Zögern mehr, keine nagende Angst vor der Zukunft.
»Ich will Arvid, Mama. Für immer.«
»Dann geh zu ihm und werde glücklich, Ryan«, antwortet ihre Mutter mit tiefer Wärme. »Du hast nur dieses eine Leben. Wenn dein Herz bei Arvid schlägt, dann geh diesen Weg – ohne Reue.«
Eine befreiende Leichtigkeit durchströmt ihren Körper. Ryan wischt sich die feuchten Spuren von den Wangen und lächelt zum ersten Mal seit Tagen wieder aus tiefster Seele.
»Danke, Mama.«
»Weißt du, Ryan«, fährt ihre Mutter mit sanfter Eindringlichkeit fort, »wenn die Leute im September wirklich deine Freunde sind, werden sie dein Glück verstehen. Du lässt sie doch nicht im Stich – du bist bloß nicht mehr an jedem einzelnen Abend greifbar. Es gibt fast immer einen Mittelweg. Mach dir keine Vorwürfe. Sie werden sich an die Veränderung gewöhnen, genau wie du.«
Ryan nickt stumm. Mit jedem beruhigenden Satz löst sich ein weiterer Knoten in ihrer Brust. Ihre Mutter trifft den Nagel auf den Kopf: Sie muss sich nicht zwischen zwei Fronten zerreiben lassen – sie kann ihr eigenes Gleichgewicht schaffen.
»Ich schlafe eine Nacht darüber und treffe dann meine Entscheidung«, sagt sie leise, doch der Unterton ihrer Stimme klingt wieder fest und entschlossen.
»Das ist mein Mädchen«, erwidert ihre Mutter mit spürbarem Stolz.
Ryan lässt sich tiefer in die Kissen sinken und atmet erleichtert durch. »Aber genug von meinem Chaos. Wie sieht es bei dir aus? Was hast du die letzten Wochen getrieben?«
»Oh, Liebes … ich fürchte, ich bin zu deiner inoffiziellen Fanclub-Präsidentin mutiert«, gesteht ihre Mutter mit einem warmen Lachen. »Ich hebe jeden Schnipsel über dich und Arvid auf. Magazine, Online-Berichte … Ich habe mir sogar das große Interview ausgedruckt, in dem er nach dem Festival über dich geredet hat!«
Ryan schlägt die Hand vor die Stirn und kichert leise. »Du machst mir Angst, Mama. Du bist ja fast schlimmer als die Fotografen vor meiner Tür.«
»Unsinn! Du bist meine Tochter – natürlich verfolge ich jeden Schritt mit klopfendem Herzen.«
Ein amüsiertes Grinsen stiehlt sich auf Ryans Lippen. Die Vorstellung, wie ihre Mutter akribisch Zeitungsartikel über sie und ihren Rockstar archiviert, hat etwas unendlich Rührendes.
Draußen weicht die Dämmerung dem tiefen Blau der Nacht. Die letzten goldenen Reflexe verlöschen an den Wänden ihrer Wohnung, und eine friedliche Stille zieht durch den Raum.
»Ich hab dich lieb, Mama«, sagt Ryan leise, während die Erschöpfung der vergangenen Tage wohlig schwer auf ihre Lider drückt.
»Ich dich auch, mein Schatz«, antwortet ihre Mutter voller Wärme. Noch ein kurzes, tiefes Einatmen – als würde sie die mütterliche Sorge für diesen Moment tapfer herunterschlucken –, dann klickt die Leitung und verstummt.
Ryan verharrt noch einen Augenblick mit dem Smartphone in der Hand. Das sanfte Licht des Displays spiegelt sich in ihren Augen, während die Anspannung der vergangenen Stunden allmählich aus ihren Gliedern weicht. Sie öffnet ihren Chatverlauf mit Arvid und tippt mit ruhigen Fingern eine kurze Nachricht:
Ich liebe dich. Schlaf gut, Rockstar.
Mit einem leisen Klick sendet sie die Zeilen ab, legt das Telefon auf den Nachttisch und schlüpft unter die Bettdecke. Die endlose Autofahrt, das Gefühlschaos der letzten Tage und vor allem Arvids brennender, schmerzvoller Blick beim Abschied haben Spuren hinterlassen.
Sie zieht die Decke bis zum Kinn, atmet tief die vertraute Zimmerluft ein und schließt die Lider. Die drückende Schwere weicht einer wohligen Müdigkeit.
Morgen beginnt ein neuer Tag – und zum ersten Mal seit Wochen wird sie ohne Zweifel und mit vollkommener Klarheit aufwachen.
Arvid und Finjan betreten die Hotellobby, die um diese späte Stunde nur noch spärlich beleuchtet ist. Ihre schweren Schritte hallen auf dem glänzenden Marmor wider. Beiden steckt die rohe Energie der Show noch in den Knochen, das Konzertfieber brennt in den Adern, doch die Euphorie verfliegt mit jedem Meter, den sie sich von der Halle entfernen. Die Realität hat sie längst wieder eingeholt.
Finjan wirft Arvid einen prüfenden Seitenblick zu, während sie auf die Aufzüge zusteuern. »Heute lässt du mich nicht abblitzen. Wir trinken ein Bier zusammen.«
Arvid schnaubt und schüttelt den Kopf. »Als ob du jemals Bier anrühren würdest.«
Finjan grinst schief und klopft ihm mit festem Griff auf die Schulter. »Wenn es deiner Grabesstimmung hilft, trinke ich heute sogar zwei.«
»Gegen meine Laune kommt kein Bier der Welt an«, murmelt Arvid düster.
Finjans Lächeln erlischt, sein Blick wird ernst und verständnisvoll. »Ryan?«
Arvid atmet schwer aus und nickt knapp. »Ja. Kein Streit, nichts dergleichen … aber diese Distanz bringt mich um. Sie sitzt hunderte Kilometer weit weg, und ich hänge hier fest. Es fühlt sich einfach grundfalsch an.«
Finjan schweigt kurz und drückt die Ruftaste des Lifts. »Umso mehr ein Grund. Wenn die Welt schon Kopf steht, dann ertragen wir das wenigstens an der Bar.«
Arvid zieht skeptisch eine Braue nach oben, doch um seine Mundwinkel zuckt es matt. »Na schön. Aber du ziehst deine zwei Gläser durch.«
»Abgemacht«, erwidert Finjan, als die Türen mit einem leisen Summen aufgleiten.
Die Hotelbar im ersten Stock empfängt sie mit warmem, gedämpftem Licht. Sanfter, melancholischer Jazz plätschert leise im Hintergrund und fängt das Gemurmel der wenigen verbliebenen Nachtschwärmer auf. Sie steuern zielstrebig eine schummrige Sitzecke im hinteren Bereich an – weit genug abseits, um neugierigen Blicken zu entgehen.
Arvid lässt sich schwer in das tiefe Ledersofa fallen, während Finjan gegenüber Platz nimmt. Die Bestellung ist schnell aufgegeben: zwei Bier, wobei Finjan wie gewohnt bei der alkoholfreien Variante bleibt.
Kaum ist die Kellnerin außer Hörweite, beginnt Arvid mit den Fingerspitzen einen rastlosen, nervösen Takt auf das dunkle Holz des Tisches zu trommeln.
Finjan mustert ihn einen Moment lang durchdringend, dann beugt er sich über den Tisch. »Raus damit, Arvid.«
Arvid fährt sich frustriert durch das dunkle Haar. »Womit?«
»Stell dich nicht dumm. Du sitzt zwar hier, aber dein Kopf ist meilenweit entfernt.« Finjan hebt die Braue. »Ryan, richtig?«
Arvid atmet schwer aus und presst die Handballen gegen die Augen. »Ja. Ich ertrage diese verdammte Distanz einfach nicht mehr. Ich wusste, dass es hart wird, aber das hier …« Er lässt die Hände sinken, seine Stimme klingt rau. »Ohne sie fühlt sich alles falsch an. Als würde die Hälfte von mir fehlen.«
Finjan nickt langsam, sein Blick wird weicher. »Das nennt man wohl Liebe, mein Freund.«
»Ach, wirklich?«, murmelt Arvid mit bitterem Unterton.
»Und wie geht es weiter?«
Arvid hebt die Schultern. »Ich habe keine Ahnung. Ich kann unmöglich von ihr verlangen, dass sie ihr ganzes Leben für mich über Bord wirft. Aber der Gedanke, sie nicht um mich zu haben, macht mich wahnsinnig.«
Die Kellnerin stellt die Gläser ab. Arvid greift sofort danach und nimmt einen langen, tiefen Schluck, während Finjan sein Glas nur kurz anhebt.
»Dann hilft nur reden, Arvid. Ihr müsst eine Lösung finden, die euch beide nicht erdrückt.«
Arvid starrt auf den aufsteigenden Schaum in seinem Glas. »Ja. Ich hoffe bloß, dass es diese Lösung überhaupt gibt.« Er dreht das Glas langsam zwischen den Fingern, die Knöchel treten weiß hervor. Dann blickt er auf und sagt mit belegter Stimme: »Ich habe darüber nachgedacht, aus der Band auszusteigen.«
Finjan erstarrt mitten in der Bewegung. Das Glas bleibt wenige Zentimeter vor seinen Lippen hängen. Er starrt Arvid mit geweiteten Augen an. »Alter … sag mir bitte, dass das ein verdammt schlechter Witz ist.«
Arvid weicht seinem Blick nicht aus. »Mein voller Ernst.«
Finjan schüttelt fassungslos den Kopf. »Du bist der Frontmann, Arvid. Die Stimme, das Gesicht. Ohne dich existiert diese Band nicht.«
»Das behauptet ihr alle«, erwidert Arvid matt. »Aber vielleicht ist genau das der Fehler.«
Finjan knallt sein Glas auf das Holz und stützt die Unterarme auf den Tisch, sein Blick alarmiert. »Der Fehler? Willst du mir allen Ernstes weismachen, dass du nach all dem Blut, Schweiß und den Jahren auf der Straße einfach hinwerfen willst?«
Arvid fährt sich durch den Nacken und stößt die Luft aus. »Darum geht es doch gar nicht. Ich liebe die Musik – das weißt du besser als jeder andere. Aber seit Ryan da ist, hat sich das Fundament verschoben. Sie hat mir gezeigt, dass es eine Welt jenseits von kreischenden Rängen, Backstage-Chaos und Blitzlichtgewitter gibt. Ein echtes Leben. Und verdammt, Fin … genau dieses Leben will ich mit ihr.«
Finjan lehnt sich in das Lederpolster zurück, verschränkt die Arme vor der Brust und mustert Arvid mit nachdenklichem Blick. »Hast du mit Ryan schon darüber geredet?«
Arvid schüttelt den Kopf. »Noch nicht. Ich will ihr nicht das Gefühl geben, dass sie mir etwas schuldet oder mich verbiegt. Aber … ich weiß einfach nicht, ob ich diesen Zirkus auf Dauer noch aushalte.«
Finjan stößt die Luft aus und schüttelt fassungslos den Kopf. »Scheiße, Mann … das ist ein verdammt harter Brocken.«
Arvid greift nach seinem Glas, nimmt einen tiefen Schluck und setzt es mit einem dumpfen Klacken auf der dunklen Tischplatte ab. Seine Augen brennen vor schonungsloser Ernsthaftigkeit. »Ein Mensch wie Ryan begegnet dir nur ein einziges Mal im Leben, Fin. Ich werde diese Chance nicht für ein paar Zugaben wegwerfen.«
Finjan nickt langsam, die Skepsis in seinen Zügen weicht echtem Verständnis. »Ich verstehe dich, wirklich. Aber alles hinschmeißen? Die Band, die Musik? Das kann nicht die einzige Antwort sein. Es muss einen Mittelweg geben.«
Arvid zuckt matt mit den Schultern. »Vielleicht. Vielleicht auch nicht.«
Er mustert seinen Bandkollegen einen Moment lang schweigend, ehe ein schwaches Schmunzeln seine Mundwinkel hebt. »Du hast wohl noch nie jemanden so richtig vermisst, was?«
Finjan verharrt kurz, als taste er seine eigenen Erinnerungen ab. Dann greift er nach seinem alkoholfreien Bier und winkt locker ab. »Nicht auf diese Art. War wohl einfach noch keine dabei, für die es sich gelohnt hätte, den Verstand zu verlieren.«
Arvid schnaubt amüsiert. »Dann hast du keinen blassen Schimmer, wie dieser Entzug an den Nerven frisst.«
Finjan zieht eine Augenbraue hoch. »Mag sein. Oder ich habe schlichtweg Glück und spare mir das emotionale Schleudertrauma.«
»Warte es nur ab«, grinst Arvid schief. »Irgendwann erwischt es dich auch. Und dann bin ich derjenige, der dir an der Bar den Kopf wäscht.«
Er atmet tief durch, leert das Glas bis zur Hälfte und lässt die Schultern sinken. »Lass uns das Thema wechseln, sonst ersticke ich hier noch im eigenen Selbstmitleid.«
Finjans Grinsen wird breiter. »Sehr vernünftig. Wie wäre es zur Ablenkung mit der legendären Prag-Eskalation?«
Ein heiseres Lachen bricht aus Arvids Kehle. »Oh Gott, bloß nicht! Das war das reinste Desaster.«
»Desaster?«, protestiert Finjan mit gespielter Entrüstung und hebt die Hände. »Ich nenne das eine meisterhafte Kette unglücklicher, aber absolut genialer Zufälle!«
Arvid schüttelt fassungslos den Kopf. »Du meinst den Moment, als Damian im Vollsuff die falsche Bühne geentert hat, felsenfest davon überzeugt, wir hätten spontan die Setlist umgeworfen?«
Finjan prustet los. »Und wie er voller Inbrunst unseren Refrain ins Mikro geschmettert hat, während der Frontmann der Vorband ihn angestarrt hat, als käme er vom Mars!«
Arvid presst sich die Hand auf den Brustkorb, um den Lachanfall abzufangen. »Verdammt, ich konnte nicht mehr! Ich musste mich mit dem Rücken zum Publikum stellen, weil ich vor Lachen keine einzige Note mehr herausgebracht habe.«
»Und die Nebelmaschine erst …«, setzt Finjan mit funkelnden Augen nach.
Arvid schlägt die Hände vor das Gesicht. »Hör auf! Dieses verdammte Höllenteil hat die Bühne innerhalb von fünf Sekunden in eine weiße Wand verwandelt!«
»Und Jaron ist im Blindflug mit dem Gitarrenhals voraus voll in Damian reingerast!«
Arvid lacht aus vollem Herzen, der Schatten auf seinem Gemüt ist für den Augenblick wie weggewischt. Er hebt sein Glas in die Höhe. »Auf monumentale Pannen und Nächte, die man nie wieder vergisst.«
Finjan stößt schwungvoll mit ihm an. »Und darauf, dass uns nach solchen Aktionen überhaupt noch jemand auf eine Bühne lässt.«
Das leise Klirren ihrer Gläser besiegelt den Moment. Eingehüllt in alte Tour-Anekdoten, absurde Pannen und vertrautes Gelächter verliert die Nacht ihre Schwere – und für ein paar kostbare Stunden fühlt sich das Leben wieder vollkommen leicht an.