Kapitel 14 - Der echte Arvid
Ryans geheimnisvoller Fremder ist plötzlich keiner mehr: Arvid legt die Karten auf den Tisch und stellt ihre noch junge Verbindung damit gehörig auf den Kopf. Zwischen Zweifeln, einer komplizierten Realität und der Frage, ob ihre völlig unterschiedlichen Leben überhaupt zusammenpassen können, muss Ryan entscheiden, ob sie dieses Risiko eingehen will. Ihre Antwort fällt schließlich ganz ohne große Worte – und verändert alles zwischen ihnen.
Ryan nimmt ihr Glas und tränkt ihre Lippen, während sie Arvid ungläubig mustert. Ihr Blick verengt sich. Sie hält das Ganze für einen reichlich schlechten Scherz. Doch … warum sollte er sie so offensichtlich anlügen? Das wäre schließlich eine Sache von zwei Klicks.
Arvid liest ihr Misstrauen mühelos ab. Wortlos zieht er sein Smartphone aus der Tasche, tippt ein paar Mal auf das Display und dreht ihr den Bildschirm entgegen. »Hier, überzeug dich selbst.«
Ryan nimmt das Handy entgegen. Das Video zeigt eine Szene in einem klapprigen Tourbus. Die Kamera wackelt, die Stimmung ist gelöst. Arvid sitzt neben einem blonden Typen, der konzentriert eine Bierflasche auf seiner Stirn balanciert. Neben ihnen zupft ein Gitarrist einen rasanten Rhythmus auf der Akustikgitarre, während der Drummer mit seinen Sticks auf einer Plastikkiste den Takt angibt.
»Ey, Arvid, hau mal ’nen Text raus!«, ruft eine Stimme aus dem Hintergrund.
Arvid grinst breit in die Linse, lehnt sich zurück und improvisiert schmunzelnd:
»Wir sind auf Tour und ziemlich müde, doch Finjan hält sich fit mit Gemüse. Constantin hat wieder ’nen Kater, doch er schwört, es lag nur am Wasser.«
Die gesamte Truppe grölt los. Selbst der geplagte Constantin hebt protestierend die Arme. »Du verdammter Lügner!«, ruft er gespielt beleidigt.
Ryan muss unwillkürlich über das Chaos im Bus schmunzeln, doch im nächsten Moment verdüstert sich ihre Miene wieder. Sie runzelt die Stirn und stößt ein bitteres Lachen aus.
»Echt jetzt? Du bist ein gefeierter Rockstar – und ich habe absolut nichts geschnallt? Wie bescheuert ist das denn bitte?«
Die Erkenntnis kratzt spürbar an ihrem Stolz. Sie kommt sich mit einem Mal verdammt naiv vor.
Arvid spürt augenblicklich, wie unangenehm ihr die Situation ist. Er beugt sich leicht vor und sieht sie ruhig an. »Weißt du, Ryan … genau das macht dich für mich so besonders. Du hast mich kennengelernt, ohne den ganzen Zirkus drumherum. Ohne das Image vom Kerl auf der Bühne oder irgendwelche Tour-Interviews im Kopf. Ich konnte bei dir seit Ewigkeiten einfach wieder nur ich selbst sein.«
Ryan fährt sich durch die Haare, schüttelt den Kopf und steht auf. Unruhig läuft sie ein paar Schritte durch das Wohnzimmer.
»Ein gefeierter Rockstar … auf meiner Couch?«, murmelt sie ungläubig und sieht zu ihm.
Arvid lächelt milde und hebt beschwichtigend die Hände. »Ich bin immer noch exakt derselbe Typ, der mit dir durch die Stadt gelaufen ist und Kaffee getrunken hat.«
Ryan atmet tief durch. Sie weiß schlicht nicht, was sie davon halten soll. Sie tritt ans Fenster und blickt in die Dunkelheit hinaus. Die Straßenlaternen tauchen die Altstadt in warmes Licht, in der Ferne zeichnen sich die Silhouetten der Dächer ab. Ein vertrauter, beruhigender Anblick – im krassen Gegensatz zum Chaos in ihrem Kopf.
Arvid bewegt sich leise, tritt neben sie und sieht ebenfalls hinaus. Einen Moment lang schweigen beide. Dann legt er sanft eine Hand auf ihre Schulter.
»Soll ich gehen?«, fragt er leise. Seine Stimme klingt vorsichtig, beinahe rücksichtsvoll. »Damit du erst mal klare Gedanken fassen kannst?«
Ryan dreht den Kopf und mustert sein Profil. »Es ist gerade einfach ein gewaltiger Schock«, gibt sie ehrlich zu.
Arvid nickt. »Absolut verständlich. Wenn du Zeit brauchst …«
Ryan dreht sich ganz zu ihm herum. Seine Hand ruht immer noch warm auf ihrer Schulter, seine dunklen Augen halten ihren Blick stand.
In ihrem Kopf rasen die Fragen. Sie hatte mit vielem gerechnet – aber sicher nicht damit, dass plötzlich ein weltbekannter Frontmann in ihrem Wohnzimmer steht.
»Wie soll das denn überhaupt funktionieren?«, bricht es schließlich aus ihr heraus. »Du bist pausenlos auf Achse und ich bin fest hier verwurzelt. Ich mag ja nicht mal Rockmusik!«
Arvid hebt amüsiert eine Braue. »Metal.«
Ryan lacht leise auf und schüttelt den Kopf. »Die erst recht nicht.«
Arvid zuckt die Schultern und schmunzelt. »Musst du auch gar nicht. Du müsstest in dem Fall nur mich mögen. Und zwar den echten Arvid – den Typen, der gerade vor dir steht.«
Ryan sieht ihn lange an. Sein Blick ist vollkommen aufrichtig. Er lässt die unnahbare Rockstar-Fassade fallen und macht sich verletzlich. Das beeindruckt sie tiefer, als sie zugeben möchte.
Obwohl ihr der Kopf raucht, steht eine Sache felsenfest: Sie will ihn jetzt nicht einfach zur Tür hinausgehen lassen.
Ryan atmet schwer aus und lehnt ihre Stirn gegen seine Brust. Arvids Arme schließen sich sofort um sie und halten sie fest.
Er weiß nicht, welche Worte jetzt die richtigen wären. Er weiß nur, dass er sie um keinen Preis verlieren will.
Ryan geht es nicht anders. Gerade erst hat sie zugelassen, sich in ihn zu verlieben, und schon türmt sich die Realität wie eine Mauer zwischen ihnen auf.
»Wie stellen wir das an?«, murmelt sie an seine Brust geschmiegt und genießt die Wärme, die er ausstrahlt. »Das wird verdammt kompliziert … Darfst du überhaupt eine Freundin haben? Oder ruiniert das dein Image?«
Arvid bettet sein Kinn sanft auf ihrem Kopf und schnaubt leise. »Das werde ich mir von niemandem verbieten lassen«, sagt er mit fester Stimme. »Das Management baut ziemlichen Druck auf, aber mein Privatleben bestimme ich immer noch selbst.«
Ryan schließt die Augen und lauscht seinem Herzschlag unter ihrer Wange. Ein ruhiger, verlässlicher Rhythmus.
»Und wenn sie es dir doch untersagen?«
Arvid stößt ein trockenes Lachen aus. »Dann haben die Herrschaften schlicht Pech gehabt.«
Ryan kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Vielleicht wird es kompliziert, vielleicht wird es verdammt schwer – aber in diesem Moment zählt nur eins: Sie sind zusammen.
Sie hebt langsam den Kopf. Ihre Hände gleiten an seine Seiten, die Finger spüren die Wärme seines Körpers durch den dünnen Stoff des Shirts. Ihre Blicke verhakten sich ineinander, suchend und tastend.
»Ich bin heute einfach zu müde, um das alles weiter zu sezieren«, raunt sie leise. »Aber eine Sache weiß ich ganz sicher.«
Arvids Augen funkeln neugierig. Er wartet stumm ab.
»Ich will wissen, wo das mit uns hinführt.«
Ein hohes Maß an Anspannung weicht schlagartig aus seinem Körper. Seine Schultern entspannen sich, und ein weiches, vollkommen ehrliches Lächeln legt sich auf seine Lippen.
»Genau darauf habe ich gehofft«, murmelt er.
Ryan erwidert den Blick, und für einen Augenblick versinken sie ineinander. Arvids Hände wandern über ihren Rücken, ziehen sie sanft, aber bestimmt näher heran. Ihre Körper schmiegen sich aneinander.
Sein warmes Ausatmen streift ihre Lippen. Ihr Puls schlägt schneller. Sie schließt die Augen – und dann berühren sich ihre Lippen zum ersten Mal.
Es ist ein vorsichtiger, erkundender Kuss. Ein wohliges Kribbeln schießt durch Ryans Adern, während sich ihre Finger im Stoff seines Shirts festkrallen.
Arvid vertieft den Kuss langsam, der Druck seiner Lippen wird fester, sein Griff an ihrer Taille intensiver. Der Kuss gewinnt an Leidenschaft, und sie überlässt sich ganz dem Gefühl. Sie spürt seinen Herzschlag gegen ihren Brustkorb und die Hitze, die sich mühelos ausbreitet.
Schließlich löst er sich millimeterweise von ihr. Ihre Stirnen bleiben aneinandergelehnt, der Atem geht stoßweise.
»Wow«, murmelt er mit einem feinen Grinsen.
Ryan schlägt die Augen auf. »Ja«, flüstert sie – in dem Wissen, dass sich gerade alles gedreht hat.
Arvid zieht sie sanft an sich, seine Finger malen beruhigende Kreise auf ihren Rücken.
»Ich sollte mir für die Nacht wohl ein Hotel suchen«, raunt er. »Damit du schlafen und einen klaren Kopf bekommen kannst.«
Ryan hebt das Kinn und sieht ihn entschlossen an. »Nein.«
Arvid hebt eine Braue. »Nein?«
»Du bleibst hier.«
Er verengt die Augen leicht, als wolle er sichergehen, dass sie nicht nur höflich ist. »Bist du dir da wirklich sicher?«
»Absolut sicher.«
Ein Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen. »Dann bleibe ich.«
Ryan schmunzelt kurz, doch dann schleicht sich eine nachdenkliche Falte auf ihre Stirn. »Machen Rockstars das nicht ohnehin dauernd so?«, stichelt sie mit feiner Ironie. »Nach jedem Gig eine andere Frau?«
Arvids Bewegung stockt für einen Sekundenbruchteil. Er atmet durch und sieht sie direkt an. »Ja«, sagt er ohne Umschweife. »Manche nutzen diesen Zirkus aus. Ich habe es früher auch getan.«
Ryan presst die Lippen zusammen. Irgendwie hatte sie genau diese Antwort befürchtet. Es wäre naiv gewesen, etwas anderes zu erwarten – und doch sticht die Ehrlichkeit kurz nach.
Arvid entgeht ihre Reaktion nicht. Er hebt die Hand und streicht ihr behutsam über die Wange.
»Aber das hier hat damit nicht das Geringste zu tun«, sagt er mit rauer, fester Stimme.
Ryan sieht zu ihm auf. »Nein?«
»Nein«, wiederholt er ohne Zögern. »Sonst stünde ich heute Nacht nicht vor deiner Tür.«
Ryan spürt, dass er es ernst meint. Sie atmet leise aus und lehnt die Stirn erneut gegen seine Brust. Vielleicht sollte sie aufhören, jedes Szenario im Kopf durchzuspielen. Vielleicht sollte sie dieses Gefühl einfach zulassen.
Arvid hält sie fest umschlungen – und für den Augenblick reicht das vollkommen aus.
Schließlich löst sich Ryan behutsam aus der Umarmung. Ihre Finger streifen im Zurückweichen sanft seinen Unterarm. Sie blickt zu ihm auf und schmunzelt leicht. »Ich hole dir Decke und Kissen, dann kannst du es dir auf der Couch gemütlich machen.«
Der Gedanke, ihn einfach mit ins Schlafzimmer zu nehmen und seine Nähe die ganze Nacht zu spüren, ist verdammt verlockend. Aber Ryan traut der Dynamik zwischen ihnen nicht – seine Anziehungskraft ist einfach viel zu stark.
Arvid nickt gelassen. Keinerlei Enttäuschung liegt in seinem Blick; er scheint ohnehin nichts anderes erwartet zu haben.
Ryan geht hinüber ins Schlafzimmer und fischt frische Wäsche aus dem Schrank. Zurück im Wohnzimmer wirft sie ihm Decke und Kissen mit einem feinen Lächeln auf das Sofa. »Schlaf gut, Arvid.«
Arvid beobachtet schmunzelnd, wie die Decke auf den Polstern landet, und sieht sie an. »Du auch, Ryan.«
Sie halten dem Blick des anderen noch einen Herzschlag lang stand, ehe Ryan sich umdreht und die Tür hinter sich ins Schloss zieht. Arvid sieht ihr nach, bis die Klinke ruht.
Dann setzt er sich langsam auf die Couch und lehnt den Kopf nach hinten. Sein Blick wandert wieder hinüber zum Fenster, hinaus in die stille Nacht. Er genießt die Ruhe – und lässt die Erinnerung an das Kribbeln ihres Kusses noch einmal leise durch seine Gedanken ziehen.