Kapitel 25 - Ist er den Sturm wert?


Wochen der Trennung und ein Leben unter ständiger Beobachtung bringen Ryan langsam an ihre Grenzen. Zwar finden sie und Arvid trotz der Entfernung immer wieder zueinander und sprechen endlich die drei Worte aus, die längst zwischen ihnen stehen, doch der Alltag im September fühlt sich für Ryan zunehmend fremd an. Als schließlich alles aus ihr herausbricht, stellt Tasja ihr eine einzige entscheidende Frage: Ist Arvid all das wirklich wert? Für Ryan gibt es darauf längst nur eine Antwort.


Arvid ist bereits seit drei quälend langen Wochen unterwegs, hetzt von einer Arena zur nächsten, hetzt von Interview zu Soundcheck und findet kaum Zeit zum Durchatmen. Die spärlichen Momente mit Ryan sind zu seinem kostbarsten Anker geworden.

Ryan liegt langgestreckt auf ihrem Bett, das Smartphone an ihren angewinkelten Knien aufgestellt, während Arvids Gesicht das Display füllt.

Er fährt sich erschöpft durch die Haare und lässt sich in die Kissen des Hotelbetts sinken. Dunkle Schatten liegen unter seinen Augen, seine Stimme klingt heiser vom Singen und von den endlosen Verpflichtungen des Tour-Alltags. Doch in der Sekunde, in der er ihr Gesicht sieht, fällt die Härte von seinen Zügen ab.

»Ich wünschte, du wärst hier«, murmelt er mit rauem Ton. Ihre Haare fallen ungebändigt über die Schultern, sie trägt ein ausgewaschenes Shirt – und für ihn gibt es in diesem Moment keinen schöneren Anblick.

Ryan stößt einen leisen Seufzer aus. »Ich auch. Es fühlt sich so verdammt falsch an, dich nur durch eine Glasscheibe zu sehen.«

Arvid verzieht bitter die Lippen. »Ich komme mit dem gesamten Zirkus klar – dem Schlafmangel, den getakteten Tagen, den ewigen Phrasen vor Kameras. Aber dass du nicht an meiner Seite bist, frisst mich auf.«

Ryan lächelt wehmütig. »Immerhin wissen wir jetzt beide, worauf wir uns eingelassen haben.«

»Ja«, schnaubt er trocken. »Auf jedes miese Schundblatt, das sich auf dich stürzt und dich als mein nächstes Betthupferl abstempelt.«

»Lass sie schreiben, was sie wollen«, sagt Ryan mit fester Stimme. »Wichtig ist einzig und allein, was zwischen uns beiden ist.«

Arvids Blick wird weich, ein ehrliches, tiefes Lächeln zeichnet sich auf seinen Lippen ab. »Ich weiß. Und ich hoffe inständig, du zweifelst keine Sekunde daran, wie es in mir aussieht.«

Ryan schluckt gegen den Kloß in ihrem Hals an. Die Sehnsucht brennt wie Feuer. Sie hebt die Handfläche an die Kamera, als könne sie die Distanz überwinden; Arvid legt seine Finger spiegelverkehrt gegen das Glas.

Sein Atem geht ruhig, seine dunklen Augen fixieren sie mit einer Eindringlichkeit, die Ryan den Atem raubt. Er sucht nicht nach Worten – er spricht schlicht aus, was sein Herz längst weiß:

»Ich liebe dich, Ryan.«

Die Worte fallen leise, tragen jedoch das unumstößliche Gewicht eines Felsens. Ohne jedes Zögern. Ohne jede Bedingung.

Ryans Herz setzt einen Schlag aus. Eine Welle heißer Rührung durchfährt sie, feuchte Tränen steigen in ihre Augen, doch sie wischt sie nicht fort. Die Erleichterung und das Glück sind überwältigend.

»Ich liebe dich auch, Arvid.«

Eine bedeutungsvolle Stille senkt sich über das Gespräch – geladen mit einer Nähe, die über hunderte von Kilometern hinweg greifbar ist. Arvid streicht mit der Fingerkuppe über das Display, als würde er ihre Wange berühren.

»Sag es noch einmal«, flüstert er heiser.

Ryan lächelt durch den Tränenschleier, ihre Stimme vollkommen weich: »Ich liebe dich, Arvid.«

Er rückt dichter an die Linse heran, die Sehnsucht brennt unverhohlen in seinem Blick. »Ich würde dich jetzt so gern küssen. Deinen Duft einatmen. Dich einfach festhalten.«

Ryan erkennt die Zerrissenheit in seinem Gesicht. Sie spürt genau, wie sehr er damit hadert, sie in diesem medialen Sturm allein zurückgelassen zu haben. Um ihn aus dem Gedankenstrudel zu reißen, schleicht sich ein feines, freches Funkeln in ihre Augen.

»Dann tu es doch«, schmunzelt sie und beugt sich näher an die Kamera.

Arvid hebt amüsiert eine Braue. »Ach ja?«

Ryan zieht verspielt am weiten Ausschnitt ihres Shirts und lässt den Stoff ein Stück tiefer gleiten. »Die beiden hier vermissen dich nämlich genauso.«

Arvid lacht dunkel auf, schüttelt den Kopf und fährt sich geschlagen durchs Haar. »Tja … ich sie auch. Aber das würde ich natürlich niemals öffentlich zugeben.«

Das gemeinsame Lachen bricht die Schwere. Ihre Stimmen sinken zu einem intimen Raunen herab, während die Hotelwände und das heimische Zimmer vollkommen in den Hintergrund treten.

»Ich würde dich an die Wand drücken«, raunt Arvid mit vibrierender Stimme. »Meine Hände unter dein Shirt schieben und jeden Zentimeter deines Körpers fordern.«

Ryan schließt die Augen, ihr Atem stockt. »Ich würde meine Nägel in deinen Rücken graben und dich nicht mehr loslassen …«

Wort für Wort weben sie ein Netz aus Hitze und Verlangen, bis das kalte Display verblasst und nur noch die unbändige Gewissheit bleibt, dass kein Raum und keine Zeit sie jemals wieder trennen können.

 

Seit nunmehr fast vier Wochen wird Ryan Tag für Tag von Arvids Leibwächter zum Pub gefahren. Arvid hatte mit unerbittlicher Sturheit darauf bestanden, und gegen seinen Beschützerinstinkt war schlicht kein Ankommen gewesen. Er will sie in Sicherheit wissen – und ohne professionelle Abschirmung ist daran derzeit nicht zu denken.

Ryan fühlt sich wie in einer billigen Daily Soap gefangen. Die Paparazzi lauern im toten Winkel vor ihrer Haustür, lungern an jeder Straßenecke und belagern das September. Unablässig blitzen Linsen auf, reißerische Fragen prasseln auf sie ein, als wäre sie über Nacht zur weltweiten Berühmtheit mutiert – bloß weil sie ihr Herz an Arvid verloren hat.

Die Klatschpresse zerreißt sich das Maul. Wer ist sie? Woher kommt sie? Weil sich in ihrer Vergangenheit weder Skandale noch prominente Liebschaften finden lassen, warten die Fotografen wie die Geier auf den kleinsten Fehltritt. Sie hoffen auf ein verheultes Gesicht, einen Streit oder ein Treffen mit einem anderen Mann. Doch Ryan bietet ihnen keine Angriffsfläche. Sie zieht den Kopf ein, verrichtet stur ihr Tagwerk – und spürt doch mit jedem Atemzug, wie ihr das alte, unbeschwerte Leben entgleitet.

Der Pub platzt seit Wochen aus allen Nähten. Wirtschaftlich ein Segen, doch die Gründe dafür hinterlassen einen bitteren Geschmack. Sascha musste bereits zusätzliche Aushilfen anheuern, um den Ansturm zu bewältigen. Die meisten neuen Gesichter kommen jedoch weder für das Essen noch für die irische Gemütlichkeit. Sie kommen wegen Ryan. In der voyeuristischen Hoffnung, einen Blick auf die Frau an Arvids Seite zu erhaschen – oder darauf, dass der Frontmann plötzlich selbst durch die Schwingtür tritt.

David steht am Eingang, als Ryan den Laden betritt. Mit einer übertrieben schwungvollen Geste stößt er die Tür auf und vollführt eine theatralische Verbeugung.

»Die Hoheit beehrt uns mit ihrer Anwesenheit!«, posaunt er durch den Schankraum.

Ryan bleibt stehen, zieht eine Braue hoch und verschränkt die Arme vor der Brust. »Ich bin immer noch dieselbe Ryan, die sich hier genauso die Finger schmutzig macht wie ihr alle«, kontert sie kühl, schneidet ihm den Weg ab und eilt nach hinten, um ihre Tasche zu verstauen.

Malu beobachtet den Abgang mit schwerem Herzen und wendet sich mit gerunzelter Stirn an David. »Kannst du deine dämlichen Spitzen nicht einfach mal stecken lassen? Sie hat es weiß Gott schwer genug. Wochenlang von ihrem Freund getrennt, auf Schritt und Tritt belagert – glaubst du ernsthaft, sie hat sich um diesen Zirkus gerissen?«

David zuckt ungerührt mit den Schultern. »Was hat sie denn bitte erwartet, als sie sich mit einem Rockstar eingelassen hat? Das war doch mit Ansage«, murmelt er trotzig und verzieht sich mit beleidigter Miene in Richtung Küche.

Malu atmet hörbar aus und schüttelt den Kopf. Als sie zu Sascha blickt, hebt der Pub-Besitzer nur stumm und ratlos die Schultern.

Ryan durcheilt den Gastraum mit gesenktem Blick, getrieben von dem Wunsch, sich einfach in Luft aufzulösen. Auf dem Weg in den Garten wirft sie einen flüchtigen Gruß in die Küche, wo Tasja am Schneidebrett steht.

Tasja hebt die Hand, doch ihr entgeht der Schatten auf Ryans Gesicht nicht. Sie legt das Küchenmesser beiseite, mustert David kurz mit finsterem Blick und folgt Ryan mit zügigen Schritten nach draußen.

Der Hinterhof hat sich in den vergangenen Wochen komplett gewandelt. Das Terrakotta-Pflaster liegt sauber verlegt im Boden, der Raum wirkt warm und einladend. Ryan kniet mit einer kleinen Handschaufel im feuchten Beet, um die ersten Stauden zu pflanzen. Doch ihre Bewegungen sind mechanisch, ihr Blick starr und leer.

Tasja tritt leise an sie heran und legt ihr behutsam eine Hand auf die Schulter. »Ryan?«

Diese eine sanfte Berührung bringt das Fass zum Überlaufen.

Ryan lässt die Schaufel fallen, springt auf und wirft sich weinend an Tasjas Brust. Ihre Finger krallen sich hilfesuchend in die Schürze der Köchin. »So … so wollte ich das alles niemals«, schluchzt sie mit zitternder Stimme hervor.

Tasja schlingt die Arme fest um sie und wiegt sie sachte. »Ich weiß, Liebes. Ich weiß.«

Ryan vergräbt das Gesicht an ihrem Hals, der bittere Schmerz der letzten Wochen bricht ungefiltert hervor. »Und das Schlimmste ist … ich vermisse ihn so unerträglich.«

Tasja nickt stumm gegen ihr Haar. »Es ist verdammt hart«, murmelt sie mit ruhiger Bestimmtheit. »Aber du musst dir selbst die eine ehrliche Frage stellen: Ist Arvid diesen ganzen Sturm wert?«

Ein erneutes Schluchzen schüttelt Ryans Körper. Die Antwort stand für sie nie infrage. Natürlich ist er es. Sie liebt ihn mit jeder Faser ihres Herzens.

Tasja hält sie einfach fest, spendet wortlosen Trost und gibt ihr den Raum, den Tränen freien Lauf zu lassen. Erst als Ryans Atmung allmählich wieder flacher wird, streicht sie ihr sanft über den Rücken.

»Nimm dir frei, Ryan. Fahr zu ihm. Pack deine Sachen und setz dich in den nächsten Flieger«, sagt Tasja leise, aber mit Nachdruck. »Wir halten den Laden hier problemlos am Laufen. Du musst hier raus, weg von diesen Geiern vor der Tür, bis sich die Wogen etwas geglättet haben.«

Der Gedanke trifft Ryan wie ein Stromstoß. Die Sehnsucht, einfach zu ihm zu flüchten, seine Arme um sich zu spüren und seine vertraute Stimme zu hören, brennt schmerzhaft in ihrer Brust. Doch sofort regt sich der Zweifel: Wie würde Arvid reagieren? Er versucht krampfhaft, sie aus dem Rampenlicht herauszuhalten, um sie vor den Schattenseiten seines Ruhms zu schützen. Doch wie soll eine Beziehung funktionieren, wenn einer von beiden im Versteck verharrt? Man kann sich nicht sein ganzes Leben lang unsichtbar machen.

Langsam löst sich Ryan aus der Umarmung, atmet zittrig durch und wischt sich die nassen Wangen trocken. »Ich habe das Gefühl, um mich herum bricht alles weg«, flüstert sie heiser. »Davids ständige Sticheleien, Malus verunsicherte Blicke, Saschas Schweigen … Niemand redet mehr normal mit mir.«

Tasja mustert sie mit mütterlicher Wärme. »Sie wissen schlicht nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Sie haben Angst, dich an diese fremde Glitzerwelt zu verlieren. Und David … David kommt einfach nicht darauf klar, dass dein Leben plötzlich so viel größer ist als seins.«

Ryan schnaubt leise, richtet den Blick zum wolkenverhangenen Himmel und ballt die Hände. »Aber ich bin doch immer noch dieselbe.«

Tasja drückt ihr fest die Schulter und lächelt aufmunternd. »Dann zeig es ihnen. Und vor allem: Kämpf um das, was dich glücklich macht.«