Kapitel 13 - Du kennst jetzt drei von uns


Nach Tagen voller Telefonate ist die Vorfreude auf ein Wiedersehen kaum noch zu leugnen. Während Ryan zwischen Hoffnung und ersten Zweifeln schwankt, nutzt Arvid seine freien Tage für eine Entscheidung: Er will zu ihr – und diesmal ohne Geheimnisse. Als er überraschend vor ihrer Tür steht, folgt auf die Freude jedoch ein Geständnis, das Ryan mit allem verbindet, womit sie niemals gerechnet hätte.


Ryan öffnet die Tür zum September und spürt sofort die geschäftige Energie im Raum.

Heute ist der Tag.

Arvid kommt.

Doch dieses kleine Geheimnis behält sie vorerst für sich.

Die letzten zwei Tage haben sie jede freie Minute miteinander telefoniert. Es hatte harmlos begonnen – belanglose Anekdoten aus dem Alltag, Witzchen, gegenseitiges Aufziehen. Doch mit jedem Anruf wurden die Gespräche vertrauter, tiefgründiger.

Sie kann es schlicht nicht mehr leugnen: Sie mag ihn verdammt sehr.

Je mehr sie von ihm erfährt, desto stärker wird dieses Gefühl. Und sie spürt intuitiv, dass es ihm nicht anders geht.

Ryan schüttelt die Gedanken ab und lenkt ihren Blick auf das rege Treiben. Am Tresen steht Sascha, tief in ein Fachgespräch mit einem der Elektriker vertieft. Die Kabel für den Hinterhof werden verlegt – ein riesiger Schritt nach vorn, auch wenn der Außenbereich noch einer Baustelle gleicht.

»Morgen!«, ruft Ryan gut gelaunt in den Schankraum.

Sascha hebt knapp die Hand zur Begrüßung. Malu und David sind nirgends zu sehen.

»Wo stecken die zwei?«, fragt sie und stützt sich am Holz ab.

»Auf der Jagd nach gebrauchten Pflastersteinen«, brummt Sascha. »Hoffen wir inständig, dass sie kein rosa Zeug anschleppen.«

Ryan lacht herzhaft. »David würde das glatt bringen, nur um dich zur Weißglut zu treiben.«

»Ich bringe ihn eigenhändig um«, murmelt Sascha trocken und nimmt einen Schluck Kaffee.

Ryan schmunzelt, doch ihre Gedanken driften unwillkürlich wieder ab. Ob er sich schon auf den Weg gemacht hat? Ob er genauso nervös ist wie ich?

Sie hat keine Ahnung, wie dieser Tag verlaufen wird – aber eines weiß sie sicher: Heute liegt etwas völlig Neues in der Luft.

Auch die Gäste bekommen ihre gelöste Stimmung ab. Ryan strahlt heute eine Leichtigkeit aus, lacht mehr als sonst und verwickelt selbst die stursten Stammgäste in kleine Plaudereien. Ihre gute Laune wirkt ansteckend.

Sascha poliert hinter dem Tresen bedächtig ein Glas und beobachtet sie mit einem feinen, wissenden Grinsen. Er ist schließlich nicht blind.

Die ist über beide Ohren verliebt.

Sascha sieht es an der Art, wie sie sich durch den Raum bewegt – leichtfüßiger als sonst, fast schwebend. Er hört es an ihrer Stimme – wärmer, weicher, voller lebendiger Energie.

Er schüttelt amüsiert den Kopf und zapft zwei frische Bier, während Ryan mit ihrem Tablett in der Küche verschwindet.

Tasja hat die Teller mit dem dampfenden Eintopf fertig angerichtet und reicht sie ihr wortlos, aber mit einem vielsagenden Blick.

»Was?«, fragt Ryan grinsend.

Tasja schnaubt leise. »Gar nichts.«

Ryan nimmt die Teller, balanciert sie gekonnt auf dem Tablett, ergänzt die passenden Getränke und schlendert zurück in den Schankraum.

Sascha beobachtet sie dabei, wie sie an den Tisch tritt, das Essen elegant serviert und sich mit einem gewinnenden Lächeln verabschiedet.

Ja, ganz eindeutig.

Er liegt goldrichtig – und verdammt noch mal, er ist brennend neugierig, wer es geschafft hat, Ryans gewohnte Gelassenheit so wunderbar ins Wanken zu bringen.

Als die Gäste in Ruhe zu essen beginnen, nutzt Ryan die Gunst der Stunde und lehnt sich an die Bar. Sie atmet tief durch und genießt den Augenblick.

Sascha hebt eine Augenbraue und mustert sie von der Seite. »Du hast heute unverschämt gute Laune«, bemerkt er beiläufig, während er ein paar Flaschen in die Kühlung sortiert.

Ryan zieht eine absolut unschuldige Miene. »Ich?«

Sascha schnaubt amüsiert, stellt die Flaschen ordentlich an ihren Platz und richtet sich auf. »Siehst du hier etwa sonst noch jemanden mit einem ununterbrochenen Dauergrinsen herumspazieren?«

Ryan erwidert den Blick, legt grinsend einen Finger auf die Lippen und deutet stumme Verschwiegenheit an.

Sascha zieht gespielt überrascht die Brauen hoch. Theatralisch tut er so, als würde er einen unsichtbaren Schlüssel an ihrem Mund umdrehen und ihn mit schwungvoller Handbewegung weit hinter sich werfen.

Ryan lacht leise auf. »Danke«, sagt sie mit gespielt ernster Miene.

»Du weißt aber hoffentlich, dass mich das nicht im Geringsten daran hindert, mir meinen Teil zu denken«, entgegnet Sascha schmunzelnd.

Ryan schüttelt den Kopf und nimmt sich ein Glas Wasser. Soll er sich nur seinen Teil denken – verraten wird sie ihm trotzdem keinen einzigen Satz.

Arvid summt leise vor sich hin, während er seine Reisetasche packt. Immer wieder stimmt er ein Lied an, bricht ab, summt weiter. Seine Laune ist heute verdächtig gut – und das liegt keineswegs nur an den bevorstehenden freien Tagen.

Ryan.

Allein der Gedanke an sie sorgt dafür, dass sich seine Mundwinkel wie von selbst nach oben ziehen.

Er faltet das letzte Shirt, wirft es in die Tasche und zieht den Reißverschluss zu. Doch bevor er die Stadt verlässt, gibt es noch eine wichtige Sache zu erledigen. Er atmet tief durch, steckt das Smartphone in die Hosentasche und macht sich auf den Weg zu Finjans Zimmer.

Die letzten Tage waren merkwürdig ohne ihn. Keine dämlichen Sprüche, kein gemeinsames Lachen – und für Arvid hat sich dieser Zustand verdammt falsch angefühlt.

Er klopft kurz an die Tür.

Einen Moment bleibt es still, dann ertönt Finjans Stimme: »Ja?«

Arvid zögert nicht, drückt die Klinke nach unten und tritt ein. Finjan sitzt auf der Bettkante, das Handy in der Hand. Als er Arvid erblickt, hebt er nur eine Augenbraue und wartet stumm ab.

Arvid lehnt sich gegen den Türrahmen, fährt sich durchs Haar und seufzt leise. »Ich war ein verdammtes Arschloch.«

Finjan schnaubt müde. »Das kann man wohl laut sagen.«

Arvid nickt schuldbewusst. »Ich hätte nicht zuschlagen dürfen. Scheißegal, wie genervt ich war.«

Finjan legt das Handy weg und verschränkt die Arme vor der Brust. »Du hast dich benommen wie ein verwöhntes Kleinkind.«

»Ich weiß.« Arvid sieht ihn direkt an. »Ich verstehe völlig, dass du sauer bist. Aber du bist mein bester Freund, Mann. Ich will nicht, dass diese Scheiße zwischen uns steht.«

Finjan mustert ihn ausgiebig, ehe sich seine Schultern lockern. Er seufzt. »Ich war auch nicht gerade fair. Ich hätte dich mit dem Thema nicht so aufziehen sollen.«

Arvid schmunzelt schwach. »Nein, hättest du wirklich nicht.«

Finjan verdreht die Augen, doch ein feines Grinsen stiehlt sich auf sein Gesicht.

»Also … alles wieder gut?«, fragt Arvid.

Finjan steht auf, tritt auf ihn zu und zieht ihn kurzerhand in eine feste Umarmung. Ein kräftiger Klaps auf den Rücken – und die Sache ist abgehakt.

»Und? Wohin zieht es dich?«, erkundigt sich Finjan, als er sich wieder aufs Bett verfrachtet.

Arvid grinst, schnappt sich seine Tasche und greift nach der Türklinke. »Einfach ein paar Tage raus.«

Finjan schüttelt lachend den Kopf. »Ich will wahrscheinlich gar nicht genauer wissen, wohin und zu wem.«

Arvid zwinkert ihm zu. »Besser ist das.«

Er verlässt das Zimmer – und mit jedem Schritt durch den Flur fühlt er sich ein Stück leichter.

Das Taxi wartet bereits vor dem Hoteleingang. Der Motor schnurrt leise, während sich die bunten Neonlichter der Stadt auf der nassen Motorhaube spiegeln. Arvid öffnet die Tür, wirft die Tasche auf die Rückbank und lässt sich in das kühle Leder gleiten.

Der Fahrer, ein älterer Mann mit schütterem Haar und skeptischem Blick, dreht sich im Sitz zu ihm um. »Wohin soll die Reise gehen?«

Arvid nennt das Ziel.

Der Taxifahrer blinzelt überrascht und runzelt die Stirn. »Sicher?«

Arvid hebt eine Augenbraue. »Absolut.«

Der Mann reibt bezeichnend Daumen und Zeigefinger aneinander. »Das wird keine billige Angelegenheit, mein Freund.«

»Kein Problem. Fahren Sie einfach.«

Der Fahrer mustert ihn noch einen Moment im Rückspiegel, zuckt dann mit den Schultern und legt den Gang ein.

Arvid lehnt sich entspannt zurück, lässt den Kopf gegen die Stütze sinken und schließt die Augen. Er ist durch. Der Gig der letzten Nacht steckt ihm noch tief in den Knochen, genauso wie die kräfteraubenden Wochen der Tour. Doch jetzt gehören ein paar Tage ganz allein ihm. Ein paar Tage, um einfach nur Arvid zu sein.

Ein feines Lächeln huscht über seine Lippen, während das Taxi die Lichter der Großstadt hinter sich lässt und in die ruhige Nacht hineingleitet.

Die kühle Frühlingsnacht legt sich wie ein Schleier über die Stadt, als Malu und Ryan den Heimweg einschlagen. Ryan verschränkt die Arme vor der Brust, um die Kälte abzuhalten.

Malu schielt zu ihr rüber, stößt sie sanft mit der Schulter an und lächelt verschmitzt. »Also, jetzt mal raus mit der Sprache.«

Ryan blinzelt irritiert. »Was?«

»Was läuft da wirklich mit deinem geheimnisvollen Telefon-Boy? Und was ist so besonders an ihm, dass du nicht mal seinen Namen rausrückst?«

Ryan seufzt leise. »Es ist rein gar nichts mit ihm.«

»Ja, ganz sicher«, lacht Malu amüsiert.

»Ich will es schlicht langsam angehen lassen«, erklärt Ryan und blickt gedankenverloren auf das dunkle Kopfsteinpflaster. »Ich habe absolut keinen Nerv mehr für Enttäuschungen wie bei Eric.«

Malu nickt einfühlsam.

»Außerdem gibt es da Dinge, die mich stutzig machen. Er kann mir nicht konkret sagen, was er beruflich macht. Nur, dass er ständig unterwegs ist. Wäre er irgendein viel reisender Geschäftsmann, hätte er das doch einfach gesagt, oder?«

Malu überlegt kurz. »Schon … aber wer weiß, vielleicht hat er seine Gründe?«

»Das hab ich mir auch gedacht. Vielleicht darf er nicht drüber sprechen … aber komisch ist es trotzdem.«

Malu legt aufmunternd einen Arm um ihre Schulter. »Und sonst so?«

Ryans Mundwinkel zucken unwillkürlich nach oben. »Sonst … ja. Schon.«

Malu lacht herzlich. »Ich freue mich wirklich für dich.«

An der gewohnten Kreuzung trennen sich ihre Wege. »Gute Nacht, du Verliebte!«, neckt Malu und zieht sie in eine feste Umarmung.

»Gute Nacht, Malu.«

Auf den letzten Metern zieht Ryan ihr Smartphone aus der Tasche und überfliegt die Mitteilungen. Ein paar Nachrichten von Freunden, eine Notiz ihrer Mutter. Nichts Wichtiges. Kein Arvid.

Sie seufzt enttäuscht. Warum geht dieser Kerl mir nicht aus dem Kopf? Was verschweigt er mir?

Gerade als sie den Hausschlüssel zückt, bleibt ihr Blick an einer Gestalt haften, die neben ihrer Eingangstür an der Wand lehnt. Die Arme locker verschränkt, eine Reisetasche zu seinen Füßen.

Ihr Herz setzt für einen Schlag aus.

Arvid.

Er erwidert ihren Blick – ruhig, ganz so, als hätte er nicht stundenlang im Kühlen auf sie gewartet.

Völlig überrumpelt geht Ryan auf ihn zu. Als sie vor ihm stehen bleibt, herrscht für einen Sekundenbruchteil eine geladene Stille. Keiner sagt ein Wort, bis Arvid den Abstand überbrückt und sie einfach fest in seine Arme zieht.

Ryan schließt die Augen, atmet den warmen, maskulinen Duft seines Aftershaves ein und spürt seinen kräftigen Herzschlag.

»Schön, dich zu sehen«, murmelt er leise in ihr Haar.

Ryan genießt die Wärme. Nach einem langen Moment löst er sich langsam, lässt seine Hand jedoch an ihrer Hüfte ruhen. Sein Blick wird ernst.

»Bevor das hier weitergeht«, beginnt er, »müssen wir reden. Es gibt einiges, das du wissen solltest. Ich dachte eigentlich, du hättest es längst geschnallt, aber anscheinend nicht.«

Ryan runzelt verwirrt die Stirn.

»Ich möchte, dass du eines weißt: Ich bin verdammt froh, wie wir uns kennengelernt haben. Weil du mich gesehen hast. Den echten Arvid – und nicht das, was andere in mir suchen.«

»Lass uns das drinnen besprechen«, sagt sie leise und öffnet die Haustür.

Schweigend betreten sie Ryans Wohnung. Während Arvid seine Tasche abstellt, zieht sie ihre Jacke aus und wirft ihm einen schiefen Blick zu. »Trinken? Ich habe allerdings nur Wasser und Limo da.«

»Wasser reicht vollkommen.«

Ryan holt eine Flasche nebst zwei Gläsern aus der Küche. Sie setzt sich auf die Couch, Arvid folgt ihr und schenkt beiden ein.

Ryan hebt eine Braue und versucht, die Anspannung wegzulächeln. »Na dann … hau mal deine dunklen Geheimnisse raus.«

Doch hinter der scherzhaften Fassade fängt ihr Kopf sofort an zu rasen. Was, wenn er Dreck am Stecken hat? Ein Ex-Knacki? Oder etwas noch Schlimmeres?

Arvid atmet tief durch. »Ich bin Musiker von Beruf. Deshalb bin ich pausenlos unterwegs.«

Ryans Lippen zucken amüsiert. »Straßenmusiker? Mit Klampfe und lustigen Hütchen?«

Arvid lacht leise. »So fängt man vermutlich an. Aber nein … ich bin da schon in einer etwas anderen Liga unterwegs.« Er blickt sie direkt an. »Sagt dir die Band Metal Earth was?«

Ryan überlegt. Der Name lässt es in ihrem Kopf dämmern. Die beiden Typen aus dem September, denen sie neulich die kreischenden Mädels vom Hals gehalten hatte …

»Ja, ich habe sogar schon zwei von denen getroffen«, dämmert es ihr. »Hab sie vor wütenden Fans gerettet.«

Arvid lehnt sich belustigt zurück. »Du rettest also hauptberuflich Musiker? Scheint deine echte Berufung zu sein.«

»Anscheinend«, grinst Ryan. »Aber was hast du mit denen zu schaffen? Kennst du die Jungs?«

Arvid nimmt einen Schluck Wasser und schmunzelt schwach. »Sagen wir so … du kennst jetzt drei von uns.«

Ryan zieht die Stirn kraus.

»Ich bin der Frontmann der Truppe.«

Totenstille im Raum. Ryan starrt ihn an, während das Gesagte langsam in ihrem Kopf ankommt.

»Du verarschst mich doch«, platzt es aus ihr heraus.

Arvids Lächeln schwindet. Sein Blick bleibt vollkommen ernst. »Nein. Kein Stück.«