Kapitel 26 - Dann weißt du, was zu tun ist
Der öffentliche Druck und die Trennung von Arvid haben Ryan stärker zugesetzt, als sie wahrhaben wollte. Ein ehrliches Gespräch mit Malu und eine unerwartete Versöhnung mit David geben ihr endlich ein Stück ihres alten Lebens zurück. Doch als aufdringliche Fans sie auch im September mit Vorurteilen konfrontieren, wird klar, dass sie sich an ihre neue Realität erst gewöhnen muss. Eines weiß Ryan inzwischen jedoch ganz sicher: Statt weiter auf Arvid zu warten, will sie selbst den nächsten Schritt machen.
Ryan steht vor Malus Haustür und zögert einen Moment, ehe sie den Klingelknopf drückt. Sie blickt über die Schulter zu Steve, der wie gewohnt am schwarzen Wagen lehnt und ihr kurz beruhigend zunickt. Fast unmerklich hat sie sich an seine stumme Präsenz gewöhnt.
Die Tür schwingt auf. Malu blinzelt überrascht, ehe sich ein warmes Lächeln auf ihren Zügen ausbreitet. »Ryan! Komm rein.« Sie tritt beiseite und gibt den Weg frei.
Ryan betritt die Wohnung und lässt den Blick durch die vertrauten Räume schweifen. Malu wohnt ähnlich wie sie – hell, aufgeräumt, skandinavisch schlicht. Sie folgt ihrer besten Freundin in die gemütliche Küche, wo bereits das leise Blubbern der Kaffeemaschine zu hören ist.
»Ich habe frischen Kaffee aufgesetzt. Du nimmst doch einen?«, fragt Malu, während sie zielsicher zwei Becher aus dem Oberschrank nimmt. Sie kennt die Antwort ohnehin; Ryan nickt stumm.
Malu entgeht die bedrückte Stille nicht. Sie stellt die dampfenden Tassen auf den Tisch, setzt sich gegenüber auf die Holzbank und mustert Ryan mit forschendem Blick.
»Also, spuck’s aus: Was ist wirklich los?«, fragt sie geradeheraus.
Ryan rührt mechanisch im schwarzen Kaffee, obwohl sie keinen Krümel Zucker hineingegeben hat. Die Worte liegen schwer wie Steine auf ihrer Zunge.
»Ich weiß auch nicht … Es fühlt sich momentan einfach alles falsch an«, gesteht sie leise. »Mein ganzer Alltag steht kopf, seit Arvid und ich zusammen sind. Ich wusste, dass es kein Spaziergang wird. Aber dass es mich derart erdrückt, hätte ich im Leben nicht gedacht.«
Malu nickt mitfühlend und lehnt sich zurück. »Ryan, das ist doch völlig verständlich. Du bist von null auf hundert im Rampenlicht gelandet und wirst auf Schritt und Tritt belagert. Jeder zerreißt sich das Maul. Das ist ein gewaltiger Schock für dein gesamtes Leben.«
Ryan starrt in das dunkle Heißgetränk. »Aber das ist es nicht allein. Ich spüre, wie sich zwischen uns allen ein Keil bildet. David mit seinen Sprüchen, du, Saschas Schweigen … Ich fühle mich unter euch plötzlich wie eine Fremde.«
Malu seufzt leise. »Du bist keine Fremde, Ryan. Du bist immer noch dieselbe. Aber deine Welt hat sich schlagartig vergrößert – und das verunsichert uns natürlich auch. Ich gebe zu, Davids Theater ist anstrengend, aber das ist seine hilflose Art, mit der Sache umzugehen. Und ich?« Sie zuckt sacht die Schultern. »Ich will schlicht nicht zusehen, wie du dich selbst verlierst. Wenn Arvid dich glücklich macht, halte ich dir bedingungslos den Rücken frei. Aber im Moment sehe ich nur, wie fertig du bist.«
Ryan schluckt mühsam gegen die Tränen an. »Ich vermisse ihn so furchtbar. Und wenn ich daran denke, wie lange die Tour noch dauert, schnürt es mir die Kehle zu. Ich weiß nicht, wie ich diese Distanz durchstehen soll.«
Malu greift über den Tisch nach ihrer Hand und drückt sie fest. »Dann fahr zu ihm, Ryan. Nimm dir ein paar Tage, pack deine Sachen und setz dich in den Flieger. Finde für dich selbst heraus, ob du diesen Zirkus an seiner Seite aushältst – und ob er diesen ganzen Preis wert ist.«
Ryan hebt den Kopf, ihr Blick wird mit einem Schlag klar und fest. »Er ist jeden einzelnen Cent davon wert.«
Ein sanftes Lächeln stiehlt sich auf Malus Lippen. »Siehst du. Dann weißt du doch genau, was zu tun ist.«
Sie nimmt einen Schluck Kaffee und winkt gelassen ab. »Und mach dir bloß keine Gedanken um das September. Wir kriegen den Laden problemlos geschaukelt, und die neue Aushilfe reißt sich förmlich um die Extrastunden.«
»Das beruhigt mich wirklich«, murmelt Ryan und schließt beide Hände um die wärmende Tasse. Sie atmet tief durch und zwingt sich zu einem Themenwechsel. »Aber genug von meinem Chaos. Wie sieht’s bei dir aus? Wir haben gefühlt eine Ewigkeit nicht mehr normal gequatscht.«
Malu lacht leise. »Alles beim Alten. Reichlich Trubel, aber nichts Dramatisches – abgesehen davon, dass du mich in den letzten Wochen sträflich vernachlässigt hast.« Sie zwinkert frech, um der Bemerkung jede Schärfe zu nehmen.
Ryan schmunzelt schuldbewusst. »Ich weiß, tut mir leid. Es ist einfach alles über mir zusammengebrochen.«
»Schon vergessen«, winkt Malu großzügig ab. »Aber bevor du zu deinem Rockstar abhaust, schuldest du mir einen waschechten Mädelsabend. Nur wir zwei: Pizza, eine verboten gute Flasche Wein und die schlechtesten Schnulzen, die das Streaming-Portal hergibt.«
Ein echtes, befreites Lachen entfährt Ryan. »Das klingt absolut perfekt. Genau das brauche ich jetzt.«
Malu hebt feierlich ihren Becher. »Abgemacht?«
Ryan stößt mit ihrer Tasse an, das Porzellan klirrt leise. »Abgemacht.«
Sascha lehnt sich mit verschränkten Armen gegen den Tresen und mustert David, der gerade Gläser poliert – oder besser gesagt: sie mit dem Tuch beinahe zerschmettert. Er zögert kurz, ehe er den Tonfall ansetzt, der keinen Widerspruch duldet.
»David, wir zwei müssen mal Tacheles reden.«
David hebt eine Braue, ohne von seinem Glas aufzusehen. »Oh, wunderbar. Jetzt kommst du auch noch um die Ecke. Ich dachte, mein tägliches Kontingent an Moralpredigten wäre längst erschöpft.«
Sascha ignoriert die Schärfe und bleibt die Ruhe selbst. »Es geht um Ryan. Deine permanenten Spitzen. Das ganze Theater wegen Arvid … Du musst das jetzt endlich mal auf sich beruhen lassen.«
David schnaubt abfällig und knallt das Glas energisch auf die Theke. »Aha! Und schon bin ich wieder der Bösewicht vom Dienst, oder was?«
Sascha schüttelt langsam den Kopf. »Darum geht es überhaupt nicht. Es geht darum, dass Ryan unter dem ganzen Zirkus leidet – deutlich mehr, als sie nach außen zeigt. Glaubst du ernsthaft, sie hat sich das ausgesucht? Dass Fotografen sie belagern und sie keinen Schritt mehr ohne Aufpasser machen kann?«
David weicht seinem Blick aus, das Kinn trotzig vorgeschoben. »Ich verstehe bloß nicht, warum sie uns so lange im Dunkeln gelassen hat. Wir sind schließlich ihre engsten Freunde!«
»Vielleicht, weil sie deine theatralische Art nur zu gut kennt?«, hält Sascha trocken dagegen. »Weil sie erst für sich selbst herausfinden musste, was da passiert? Man sucht sich verdammt noch mal nicht aus, in wen man sich verliebt, David.«
David rollt mit den Augen. »Ich sage ja nichts gegen ihre Schmetterlinge im Bauch! Aber ihr hätte klar sein müssen, welche Lawine sie damit lostritt!«
Sascha stößt ein leises Lachen aus. »Mach dich nicht lächerlich. Glaubst du wirklich, Liebe funktioniert nach Kosten-Nutzen-Rechnung? Man stolpert da rein, Mann. Ohne Plan, ohne Logik.«
David öffnet den Mund, klappt ihn wieder zu und verzieht säuerlich das Gesicht. »Na großartig. Dann bin ich eben das uneinsichtige Arschloch.«
Sascha zieht einen Mundwinkel hoch. »Nicht ganz. Du bist einfach nur ein verflucht sturer Dickkopf.«
Ein widerwilliges Grinsen stiehlt sich auf Davids Lippen. »Irgendwer muss diesen Job schließlich übernehmen.«
In diesem Moment schwingt die Pubtür auf. Ryan und Malu treten lachend herein. Die gelöste Fröhlichkeit in Ryans Stimme lässt Sascha aufhorchen – so unbeschwert hat sie seit Wochen nicht mehr geklungen.
Kaum hat David ihre Stimme registriert, wirbelt er herum. Seine Trotzmaske fällt schlagartig in sich zusammen. Ohne eine Sekunde zu zögern, stürmt er quer durch den Schankraum und schließt Ryan in eine stürmische, feste Umarmung.
Ryan lacht überrascht auf, doch dann beugt sich David leicht zu ihr hinunter und murmelt leise an ihrem Ohr: »Es tut mir leid. Ich habe mich wie ein verdammtes Riesenarschloch aufgeführt.«
Ryan blinzelt erstaunt, ehe sich ein warmes, schalkhaftes Lächeln auf ihren Zügen ausbreitet. Sie erwidert den Druck seiner Arme. »Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung, Liebes …«
David schnaubt gespielt indigniert und rollt mit den Augen, um die Rührung zu überspielen, doch Sascha entgeht das ehrliche Lächeln auf seinen Lippen nicht. Der Bann ist gebrochen.
Der Nachmittag fließt in angenehm ruhigen Bahnen dahin. Der Gastraum ist mäßig gefüllt, die Atmosphäre entspannt. Ryan wirbelt routiniert zwischen den Tischen umher, nimmt Bons auf und serviert Pints. Dumme Sprüche von Gästen, die meinen, besonders originell zu sein, pariert sie mit gewohnt trockener Schärfe.
»Kriegen wir eigentlich VIP-Pässe, wenn dein Rockstar hier aufkreuzt?«, grinst ein Typ am Ecktisch.
Ryan stellt sein Bier ab, neigt den Kopf und erwidert eiskalt: »Klar. Direkt am Katzentisch für Leute, die sich für wahnsinnig witzig halten.«
Der Gast schrumpft merklich zusammen und starrt stumm in seinen Schaum.
David fängt ihren Blick mit einem breiten Grinsen auf. Seine alte Lockerheit ist zurück, er frotzelt und neckt sie wie eh und je – vermeidet es aber feinfühlig, Arvid ins Spiel zu bringen. Ryan registriert diese stille Rücksichtnahme dankbar. Endlich fühlt sich der Pub wieder wie ihr sicherer Hafen an.
Als ihr Smartphone in der Schürzentasche summt, genügt ein flüchtiger Blick aufs Display, um ihr Gesicht erstrahlen zu lassen. »Ich bin mal kurz hinten«, ruft sie den anderen zu und verschwindet im Büro.
»Hey du«, meldet sie sich mit klopfendem Herzen.
»Hey«, klingt Arvids tiefe Stimme durch den Hörer, rau vor Erschöpfung. »Gott, tut das gut, deine Stimme zu hören.«
Ryan lehnt sich an die Wand und lächelt. »Geht mir genauso. Wie sieht’s bei dir aus?«
Ein schwerer Seufzer antwortet ihr. »Ich bin völlig durch. Das Pensum frisst mich auf. Ein paar freie Tage am Stück wären der absolute Himmel.«
»Wird Zeit, dass du mal wieder Luft holst«, murmelt sie mitfühlend.
»Zeit für uns«, korrigiert er mit heiserem Nachdruck. »Ich brauche dich hier, Ryan. Ohne dich verliere ich langsam den Verstand.«
In diesem Sekundenbruchteil schmilzt der letzte Rest Zweifel in ihr dahin. Der Entschluss steht felsenfest: Sie wird zu ihm fliegen.
Hinter Arvid werden laute Stimmen laut. Ein genervtes Stöhnen dringt durch die Leitung. »Man hat hier nicht eine verdammte Sekunde für sich«, knurrt er.
Ryan lacht leise auf. »Soll ich sie alle für dich aus dem Weg räumen? Eine Kugel nach der anderen, und wir schauen zu, wie sie umkippen.«
Arvid kichert heiser. »Guter Plan. Am besten direkt in ein bodenloses Loch.«
»Und dann fliehen wir als neues Bonnie-und-Clyde-Duo.«
»Bloß nicht – die beiden sind am Ende draufgegangen. Ich will noch verdammt viel Zeit mit dir. Jahrzehnte.«
Im Hintergrund ruft jemand ungeduldig seinen Namen. Ryan verzieht die Lippen. »Sie zerren schon wieder an dir, hm?«
»Ich hasse diesen Zirkus«, knurrt er. »Hören wir uns später? Ich liebe dich.«
»Ich liebe dich auch. Pass auf dich auf.«
Mit einem Lächeln auf den Lippen kehrt Ryan in den Schankraum zurück und schenkt sich ein Glas Wasser ein. Doch der friedliche Moment währt nur Sekunden.
Die Eingangstür schwingt schwungvoll auf. Eine Gruppe junger Leute stolziert herein, lautes Gelächter im Schlepptau – bis ein Mädchen mit grellrotem Lippenstift abrupt stehen bleibt und mit dem Finger auf Ryan deutet.
»Da ist sie ja!«, zischt sie in einer Lautstärke, die jeden Zweifel an ihren Absichten im Keim erstickt. »In echt sieht die ja noch viel gewöhnlicher aus.«
»Was findet Arvid bloß an der?«, höhnt ihre Begleiterin.
Ryan atmet tief ein und versucht, den Puls zu kontrollieren. Doch das Mädchen mit den roten Lippen tritt direkt an den Tresen, stemmt die Hände in die Seiten und mustert sie von oben herab. »Na? Fühlt man sich toll, wenn man sich als No-Name an einen Star ranschmeißt?«
Ryan fixiert sie mit kühlem Blick. »Entschuldige mal – wer genau bist du eigentlich?«
Sascha stößt im Hintergrund ein spöttisches Schnauben aus. Dem Fangirl schießt augenblicklich die Zornesröte ins Gesicht. »Du bist bloß eine billige Kellnerin, die glaubt, sie hätte den Jackpot geknackt, weil sie sich in sein Bett geschlichen hat!«
Ryans Finger verkrampfen sich um das Wasserglas. Die Wut schießt ihr siedend heiß in den Kopf. »Pass mal ganz genau auf, Schätzchen …«
»Ryan, lass gut sein!«, versucht David dazwischenzugehen.
Doch Ryan lässt sich nicht mehr bremsen. »Du hast nicht den leisesten Schimmer, wovon du redest. Aber klar – hysterische Möchtegern-Fans wie du können es einfach nicht ertragen, dass ihr Idol eine ganz normale, echte Frau will statt eine hohle Kulisse!«
»Echte Frau?!«, kreischt das Mädchen. »Du bist ein flüchtiger Tour-Zeitvertreib! Er serviert dich ab, genau wie alle anderen vor dir!«
»Ach ja? Willst du dich etwa als Nächstes bewerben?«, kontert Ryan schneidend.
Sascha packt sie warnend an der Schulter, doch David hat längst genug gesehen. Mit einem Satz schiebt er sich vor Ryan, baut sich in voller Größe vor den Gören auf und funkelt sie mit mörderischem Blick an.
»So, Ladys, die Show ist hiermit beendet!«, donnert Davids Stimme durch den Pub. »Entweder ihr bestellt jetzt anständig und haltet die Klappe – oder ihr bewegt eure Hintern auf der Stelle wieder durch diese Tür!«
Sascha tritt mit verschränkten Armen neben ihn, massiv und finster. Die Mädchen werfen Ryan noch einen letzten giftigen Blick zu, ehe sie unter dem Druck der beiden Männer kehrtmachen und den Pub verlassen.
Die Tür knallt zu. Ryan atmet zittrig aus, ihre Hände beben vor aufgestautem Adrenalin.
David legt ihr sanft den Arm um die Schultern. »Lass dir von solchen Neidern nicht den Tag ruinieren, hörst du?«
Ryan nickt stumm, doch das Gift der Worte brennt noch immer nach.
Der restliche Abend verläuft friedlich. Um halb zwei dreht David das Schild auf Geschlossen und verriegelt die Tür. »Endlich Feierabend«, stöhnt er und lässt die Schultern kreisen.
Tasja kommt aus der Küche, streift die Schürze ab und setzt sich an den Tresen. »In zwei Wochen eröffnen wir die Terrasse. Wir brauchen langsam einen handfesten Plan.«
Malu nickt eifrig. »Gute Musik auf jeden Fall. Eine entspannte Sommer-Playlist.«
»Ich übernehme das DJ-Pult!«, verkündet David mit leuchtenden Augen.
Ryan schmunzelt schwach. »Wenn wir wollen, dass die Gäste nicht schreiend weglaufen, sollten wir das noch mal diskutieren.«
»Empörend!«, schnaubt er lachend.
»Ich bereite Tapas und Fingerfood vor«, plant Tasja weiter. »Dazu leichte Sommerdrinks und hausgemachte Limonade.«
»Ein Willkommensgetränk aufs Haus wäre perfekt für die Stimmung«, ergänzt Ryan und wischt die Bar trocken.
David klatscht in die Hände. »Und ich halte die Eröffnungsrede! Ich bin schließlich für das Rampenlicht geboren!«
Sascha lächelt leise, tritt an Ryan heran und nickt ihr zu. »Das Fest wird dir guttun. Bringt dich auf andere Gedanken.«
Ryan sieht ihn an und schenkt ihm ein dankbares Lächeln. Sie weiß, wie recht er hat. »Na dann: Machen wir unser Wohnzimmer zum schönsten Fleck der Stadt.«
»Das war es doch schon immer«, erwidert Malu mit einem warmen Lächeln.