Kapitel 34 - Einen Song nur für Ryan
Zurück im September genießt Ryan die vertraute Normalität und das Wiedersehen mit ihren Freunden – auch wenn Arvid ihr bereits schmerzlich fehlt. Hunderte Kilometer entfernt geht es ihm nicht anders, und ein Telefonat wird zur kleinen Brücke zwischen ihren Welten. Als ein unerwartet abgesagter Gig Arvid plötzlich vier freie Tage beschert, steht sein Entschluss sofort fest: Er will zurück zu Ryan. Doch einfach vor ihrer Tür aufzutauchen wäre viel zu gewöhnlich – und so nimmt eine Überraschung Gestalt an, mit der sie niemals rechnen dürfte.
Malu lässt die Fingerspitzen über die noch raue Lehne eines der neuen Holzstühle gleiten und lässt ihren Blick über den frisch hergerichteten Außenbereich schweifen. Zwischen den Backsteinmauern spannen sich filigrane Lichterketten, üppige Kübelpflanzen setzen warme Akzente, und am Kopfende fügt sich das kleine Holzpodest perfekt ein – bereit für laue Sommernächte mit intimer Akustik-Musik.
Sascha steht mit verschränkten Armen neben ihr und nickt anerkennend. »Kann sich wirklich sehen lassen. Wir haben verdammt gute Arbeit geleistet.«
Malu lächelt und sieht zu Tasja hinüber. »Absolut. Ich kann es kaum erwarten, bis die ersten Gäste hier draußen sitzen.«
Tasja nickt zufrieden. »Das wird großartig. Ich sehe uns schon nach Feierabend mit einem Glas Wein die Füße hochlegen.«
Mitten in die andächtige Ruhe platzt die schwere Hintertür auf, und David stürmt mit dramatischem Schwung heraus. Er reißt die Arme in die Luft, als beträte er die Arena seines Lebens. »Meine Damen und Herren! Ich präsentiere euch die gewaltigste Bühne, die dieser Stadt je geschenkt wurde – maßgeschneidert für mein unbändiges Talent!«
Malu rollt seufzend mit den Augen, Tasja prustet leise los, und Sascha quittiert den Auftritt mit einem amüsierten Kopfschütteln.
Mit großen, theatralischen Schritten stolziert David auf das Podest zu, verharrt auf der ersten Stufe und deutet mit weit ausholender Geste in den Nachthimmel. »Hier, genau an diesem geschichtsträchtigen Ort, werden Emotionen explodieren. Unvergessliche Nächte! Und vor allem: Die Massen werden endlich den wahren Star des September anbeten.«
Malu stemmt die Hände in die Hüften und zieht eine Braue nach oben. »Und ab welchem Moment genau ist dir die Illusion zu Kopf gestiegen, dass dieses Podest dein Privateigentum ist?«
David presst sich mit leidendem Blick die Hand aufs Herz. »Malu! Das schneidet tief! Natürlich teile ich mein Genie großzügig mit der Welt. Aber einer muss schließlich als strahlendes Vorbild vorangehen!«
Mit einem schwungvollen Satz entert er das Holzpodest, greift nach einem imaginären Mikrofonständer und schmettert mit bebender Inbrunst eine herzzerreißende Musical-Ballade in den Innenhof.
Tasja stützt sich lachend an einer Tischkante ab. »Er ist einfach unheilbar.«
»Immerhin hält das Fundament«, kommentiert Sascha trocken.
David singt sich derweil in absolute Ekstase. Er wirft den Kopf in den Nacken, reißt die Arme theatralisch zur Seite und verfehlt dabei nur um Haaresbreite die frisch gespannte Lichterkette. Angestachelt von den Blicken der anderen setzt er noch einen drauf: Er sinkt pathetisch auf die Knie und streckt die Hände flehend gen Himmel.
Malu gibt schließlich lachend nach und spendet amüsierten Beifall. »Na schön, David. Höchstwertung für den dramatischen Körpereinsatz.«
David federt auf die Beine, vollführt eine tiefe, ausladende Verbeugung und strahlt über das ganze Gesicht. »Ich danke meinem fantastischen Publikum! Die Premiere kann kommen!«
Sascha grinst schief. »Hoffen wir mal, dass die zahlenden Gäste das morgen genauso wohlwollend aufnehmen.«
Im Halbschatten der offenen Flügeltür bleibt Ryan stehen und beobachtet das vertraute Chaos. Ein warmes Lächeln stiehlt sich auf ihre Lippen. Zu sehen, wie David mit wilden Pirouetten über das Holz fegt, vertreibt den letzten Rest der Tour-Müdigkeit aus ihren Knochen.
Als er gerade zur nächsten dramatischen Pose ansetzt, hallt Tasjas trockene Stimme über das Pflaster:
»Ich habe schon Kartoffelsäcke gesehen, die eleganter gefallen sind!«
Ryan lacht leise und betrachtet die vertraute Truppe. Sascha steht mit verschränkten Armen daneben – scheinbar unberührt von Davids Theaterdonner. Doch Ryan kennt ihn in- und auswendig: Er liebt diese Augenblicke genauso wie der Rest der Truppe. Die gemeinsame Plackerei, das unerschütterliche Zusammengehörigkeitsgefühl, das laute Lachen – genau das macht die Seele des September aus.
Ein wohliger Seufzer entfährt ihr. Es fühlt sich unendlich gut an, wieder hier zu sein.
Gerade als David zur monumentalen Schlusspose ansetzen will, bleibt sein Blick an der Tür hängen. Er erstarrt mitten in der Bewegung, reißt die Augen auf – und hechtet mit fliegenden Schritten von den Bühnenbrettern direkt auf sie zu.
»Ryyyyyan!«
Ehe sie ausweichen kann, packt er sie an der Taille, hebt sie schwungvoll vom Boden und wirbelt sie wie im Rausch im Kreis herum.
»Endlich bist du zurück! Ich war dem Untergang geweiht! Ich habe gelitten, gewimmert, ich stand kurz davor, herzzerreißende Balladen über deinen Verlust zu dichten!«
Ryan ringt lachend nach Luft und klopft ihm gegen die Schulter. »David, du gottverdammte Dramaqueen! Lass mich doch erst mal richtig ankommen!«
»Niemals wieder lasse ich dich gehen!«, deklamiert er mit Inbrunst, setzt sie aber schließlich doch auf den Pflastersteinen ab und funkelt sie gespielt vorwurfsvoll an. »Und wo bitteschön hast du unseren Rockstar gelassen? Hat der Kerl dich etwa einfach so ziehen lassen?«
Ryan schmunzelt mit warmen Wangen. »Arvid hat Verpflichtungen. Die Tour geht weiter.«
David presst die Hand auf sein Hemd und schnaubt pathetisch. »Wie kann man so ein Juwel nur aus den Händen geben? Ich an seiner Stelle hätte dich mit Handschellen an den Tourbus gekettet!«
Tasja schüttelt lachend den Kopf, während Malu schwungvoll in die Hände klatscht. »Komm schon, Ryan, setz dich zu uns und pack aus – bevor David sich hier noch vollends um Kopf und Kragen redet!«
Ryan atmet tief die vertraute Pub-Luft ein, und ihr Lächeln strahlt pure Erleichterung aus. Sie ist wieder zu Hause.
Wenig später sitzt sie im Schneidersitz auf einer der neuen Holzbänke, ein Glas in den Händen, umringt von ihren Freunden. Ihre Augen glänzen voller Leben, als sie die Erlebnisse der letzten Tage Revue passieren lässt.
»Ich habe keinen einzigen Gig verpasst«, schwärmt sie mit leiser, vibrierender Stimme. »Die Art, wie er die Bühne beherrscht, ist einfach nicht von dieser Welt. Ein einziges Zeichen, ein Blick von ihm – und tausende Menschen drehen komplett durch.« Sie lacht heiser auf und schüttelt ungläubig den Kopf. »Ich wusste, wie gut er ist. Aber ihn dort oben live zu erleben … das haut dich schlichtweg um.«
David fläzt sich grinsend in seinen Stuhl und verschränkt die Arme. »Hört, hört! Wenn das mal nicht nach einer frisch bekehrten Hardrock-Braut klingt. Ich wette mein Monatsgehalt, dass du nächsten Monat in Lederkluft und mit Nietenarmbändern hinter dem Tresen stehst.«
Ryan schnaubt amüsiert. »In deinen kühnsten Träumen, David.«
»Abwarten, Prinzessin, abwarten«, frotzelt er siegesgewiss und zwinkert ihr zu.
Tasja prustet los. »Solange du nicht anfängst, im Duett mit ihm ins Mikro zu kreischen, soll es mir recht sein.«
»Keine Sorge«, erwidert Ryan mit einem schallenden Lachen. »Dafür müsste ich erst mal einen einzigen geraden Ton treffen.«
Sascha stemmt sich von der Bank hoch und klopft sich mit beiden Händen den feinen Staub von den Jeans. Sein Tonfall duldet kein Trödeln mehr: »Genug gequatscht, Leute. Ran an die Gläser.«
Mit einem satten Klacken dreht er den Schlüssel im Schloss und stößt die schweren Eingangstüren weit auf. David und Malu schnappen sich die letzten Holzstühle, wuchten sie schwungvoll auf das Pflaster und rücken sie akkurat an die Tische. Tasja zupft mit geübtem Griff die letzte Tischdecke glatt, tritt einen Schritt zurück und mustert die fertige Kulisse mit einem zufriedenen Lächeln.
Die warmen Lichterketten werfen bereits ein bernsteinfarbenes Glühen über die Dielen, die Sommerluft riecht nach frischem Holz und herben Kräutern.
Ryan tritt vor den Eingang und blickt prüfend die Straße hinunter. Der Gehweg liegt ruhig in der Abendsonne. Keine lauernden Gestalten mit langen Teleobjektiven. Keine aufdringlichen Rufe. Kein Blitzlichtgewitter, das ihr die Sicht raubt.
Ein befreiender Atemzug füllt ihre Lungen. Die drückende Anspannung der letzten Tage fällt endgültig von ihr ab.
»Nicht ein einziger Aasgeier in Sicht«, murmelt Malu leise, beinahe ungläubig, und stellt sich dicht neben sie.
»Ich sag’s ja: ein absolut genialer Tag«, setzt David mit breitem Grinsen nach und verschränkt die Arme vor der Brust.
Ryan verschränkt ebenfalls die Finger, lehnt die Schulter an das alte Mauerwerk des Türrahmens und spürt das vertraute, warme Pochen in ihrer Brust. Das September ist bereit – und sie ist es auch.
»Dann lasst ihn uns verdammt noch mal genießen.«
Das schrille Hämmern seines Klingeltons reißt Arvid unsanft aus dem Schlaf. Mit geschlossenen Lidern tastet er blind über die Matratze, fischt das Smartphone vom Nachttisch und wischt über das Display.
»Hey du …«, murmelt er mit heiserer, schlaftrunkener Stimme in die Muschel.
Ein schallendes Lachen dröhnt ihm entgegen. »Hey du! Hast du etwa immer noch gepennt, Alter?«
Arvid stöhnt auf, verzieht das Gesicht und presst die Handballen auf die Stirn. »Ich dachte, du wärst Ryan. Und ja, verdammt, ich habe geschlafen. Wie spät ist es überhaupt?«
»Knapp fünfzehn Uhr«, meldet Finjan gut gelaunt.
»Was?! Bin ich schon wieder zu spät?« Arvid schält sich mit einem Ruck in eine sitzende Position und greift sich an die Schläfe. »Gütiger Himmel, mein Schädel explodiert gleich … Was zum Teufel habe ich gestern eigentlich alles in mich reingeschüttet?«
»Nur Bier. Sieben Halbe oder so«, amüsiert sich Finjan köstlich.
»Kein Wunder, dass da drin eine Abrissbirne wütet.« Er streicht sich mit fahrigen Fingern über die Augenbrauen.
»Tja, ich habe dir gestern an der Bar mehrfach geraten, einen Gang runterzuschalten. Aber auf mich hört ja grundsätzlich keiner.«
Arvid schnaubt gereizt und schwingt die Beine über die Bettkante. »Ja, ja … spar dir die Lehrstunde, Klugscheißer.« Das grelle Nachmittagslicht, das durch die Ritzen der Vorhänge bricht, brennt wie Säure in seinen Augen. Mühsam richtet er sich auf. Jeder Pulsschlag hämmert unbarmherzig gegen seine Stirnwand.
»Wollte nur sichergehen, dass du noch unter den Lebenden weilst«, frotzelt Finjan weiter. »Der Shuttle fährt erst in zwei Stunden vor, du kannst die Panik also wieder einpacken.«
Arvid gähnt herzhaft und kratzt sich im strubbeligen Nacken. »Ein Glück. Ich brauche dringend kochendes Wasser über dem Kopf und danach eine Kanne Kaffee. Schwarz. Literweise.«
»Zieh das durch. Und melde dich bei Ryan – die wundert sich bestimmt schon, warum von ihrem Rockstar den ganzen Tag kein Lebenszeichen kommt.«
Arvids Blick wandert unwillkürlich auf das glatte Glas seines Displays. Kein ungelesener Chat. Keine verpassten Anrufe. Ein dumpfer, kalter Stich fährt ihm durch die Magengrube. Normalerweise hinterlässt sie ihm immer schon am Vormittag ein paar Zeilen.
»Ja … mache ich gleich«, murmelt er leise und knetet sich die verspannten Muskeln am Hals.
Finjans feine Antennen schlagen sofort an. »Alter, fang jetzt bloß nicht wieder an, Gespenster zu sehen. Die Bude wird voll sein, sie hat schlichtweg alle Hände voll zu tun.«
Arvid stößt die verbrauchte Luft aus. »Ja … vermutlich.«
»Eben. Also reiß dich zusammen, kipp ordentlich Wasser nach, sonst kippst du uns heute Abend auf den Bühnenbrettern um.«
»Schon kapiert, Mama«, grummelt Arvid und drückt ihn ohne Umschweife weg.
Mit einem tiefen Seufzen öffnet er den Chat und tippt mit schwerfälligen Daumen eine knappe Nachricht:
Hey du. Sorry, hab komplett verpennt. Wie geht’s dir?
Er wirft das Smartphone auf das zerwühlte Laken und schleppt sich mit trägen Schritten ins Bad.
Das kühle Wasser prasselt auf seinen Nacken, wäscht den dumpfen Druck der Nacht von seiner Stirn und spült die dröhnende Schwere aus seinen Gliedern. Normalerweise lässt er sich Zeit, verliert sich unter dem heißen Strahl, doch heute treibt ihn eine innere Unruhe an. Er dreht den Hahn zu, rubbelt sich mit einem Handtuch trocken und bindet es sich locker um die Hüften.
Zurück im Zimmer fällt sein Blick sofort auf das Display. Keine Antwort. Das Schweigen nagt an ihm, bis er nicht mehr abwarten will. Er greift nach dem Telefon und wählt ihre Nummer.
Nach etlichen Freizeichen klickt die Leitung.
»Hey«, haucht sie mit dieser unverkennbaren, samtigen Wärme in der Stimme.
Arvid stützt sich mit einer Hand auf die Kommode, während sich die Anspannung schlagartig in Luft auflöst. Ein ehrliches Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen. »Hey du. Alles in Ordnung bei dir?«
»Ja«, antwortet Ryan, und er hört das Strahlen zwischen ihren Worten. »Ich stehe mitten im Schankraum. Die ersten Tische füllen sich schon, und ich musste den dreien erst mal brühwarm von den letzten Tagen berichten.«
Arvid zieht schmunzelnd eine Braue hoch und lässt sich auf die Bettkante sinken. »Hast du ihnen auch erzählt, dass wir das Bett im Grunde nur für den Zimmerservice verlassen haben?«
Ryan kichert leise in den Hörer. »Ganz sicher nicht! Was sollen die denn von uns denken?«
»Soll ich dir die Details noch mal in Erinnerung rufen?«, raunt er mit wachsendem Grinsen und fährt sich durch die feuchten Spitzen seiner Haare.
»Sehr gerne – wenn wir ungestört wären.«
Arvid wirft einen Blick auf die geschlossene Zimmertür. »Ich bin mutterseelenallein.«
»Das bezweifle ich keine Sekunde«, lacht sie leise. »Aber ich stehe hier im vollen Pub.«
»Na und? Behauptest du eben, du musst dringend eine Kiste aus dem Lager holen.«
»Oh ja, genialer Plan«, kontert sie amüsiert. »Ich verschwinde im Keller und komme zehn Minuten später mit brennenden Wangen und zitternden Knien wieder hoch. David würde mich in der ersten Sekunde durchschauen.«
Arvid lacht heiser auf. »Dann sagst du ihm einfach, du hättest dich am Regal gestoßen.«
»Du bist absolut unmöglich.«
»Und du stehst drauf.«
»Schuldig im Sinne der Anklage«, gibt sie unumwunden zu.
Im Hintergrund klirren Gläser, doch für einen Augenblick blendet sie das Stimmengewirr komplett aus und lehnt sich mit dem Rücken gegen die polierte Holztheke. Sie würde alles dafür geben, jetzt bei ihm zu sein – ohne Tresen, ohne Publikum, ohne Hektik.
»Ich wünschte verdammt noch mal, du wärst hier«, murmelt Arvid, und der spielerische Ton weicht einer tiefen, ungeschminkten Sehnsucht.
Ryan schluckt schwer. Derselbe brennende Schmerz schnürt ihr die Kehle zu. »Ich auch«, flüstert sie.
Das Schweigen zwischen ihnen wiegt schwer, aufgeladen mit all den Dingen, die man über hunderte Kilometer hinweg nicht greifen kann.
»Ich nehme mir bald eine Auszeit«, bricht Arvid die Stille mit neuer Entschlossenheit. »Nur wir zwei. Irgendwohin, wo uns kein Mensch kennt. Weit weg von diesem ganzen Zirkus.«
Ein warmes Glühen breitet sich in Ryans Brust aus. »Das klingt nach dem besten Plan der Welt.«
»Steht der Deal?«
»Felsenfest.«
Arvid grinst wieder, die Schwere weicht aus seinen Zügen. »Perfekt. Bis dahin erstelle ich eine ausführliche Liste mit Dingen, die wir nachholen müssen … sobald die Tür hinter uns zufällt.«
»Ich habe keinen Zweifel daran, dass du sehr gründlich sein wirst«, lacht sie leise.
»Darauf kannst du Gift nehmen.«
Aus dem Hintergrund hallt plötzlich Davids theatralische Stimme durch die Leitung, der lauthals nach Nachschub für den Zapfhahn verlangt.
»Die Pflicht ruft«, seufzt Ryan bedauernd. »Ich muss wieder ran.«
»Schreib mir später nach der Schicht, ja?«
»Versprochen.«
»Ich liebe dich, Ryan.«
»Ich liebe dich auch, Rockstar.«
Das Gespräch endet mit einem leisen Klicken, doch das Lächeln bleibt auf ihren Gesichtern haften – eine kleine, unerschütterliche Brücke über die Distanz hinweg.
Arvid greift nach seiner Akustikgitarre, lehnt sich an das gepolsterte Kopfteil des Bettes und zupft gedankenverloren an den Saiten. Seit Tagen schwirrt ihm dieses Motiv durch den Kopf – rau an den Kanten, aber im Kern sanft, fast schon zerbrechlich. Seine Finger suchen die Griffe, variieren die Taktart und fügen gezielt neue Akkorde ein, bis aus den Bruchstücken ein fließender Rhythmus entsteht.
Ein leises Lächeln stiehlt sich auf seine Züge. Diese Melodie atmet Ryan. Sie klingt nach ihrem heiseren Lachen am späten Abend, nach dem Blick aus ihren dunklen Augen und nach der Art, wie sie sich an ihn schmiegt, als gäbe es keinen sichereren Ort auf der Welt.
Er schließt die Lider, lässt die Töne im Raum nachhallen. Der Track gehört ihr. Und er muss ihn schreiben – jetzt.
Das schrille Klingeln seines Handys zerreißt die Stimmung. Genervt legt Arvid das Instrument zur Seite und wirft einen Blick auf das Display. Liam.
Er rollt mit den Augen und nimmt ab. »Ja?«
»Hör mir genau zu«, poltert Liam atemlos in die Muschel, als stünde er mitten auf einer Baustelle. »Der Gig heute Abend ist gestrichen. Irgendein fataler Schaden an den Hauptstromverteilern in der Arena. Die ganze Anlage ist tot, keine Ahnung, habe bei den Details nicht zugehört.«
Arvid schnaubt amüsiert. »Großartig. Und was schlagen wir mit der Zeit tot?«
Liam stößt ein entnervtes Seufzen aus. »Von mir aus zupf dir die Arschhaare einzeln mit der Pinzette raus! Was geht mich deine Freizeit an?«, blafft er gewohnt ungefiltert.
Arvid schüttelt grinsend den Kopf. »Schon gut, schon gut. Sehen wir uns also erst in vier Tagen wieder?«
»Mach bis dahin, was zur Hölle du willst – solange du pünktlich auf der Matte stehst«, knurrt der Tourmanager und bricht das Gespräch mit einem Klick ab.
Arvid starrt auf den dunklen Bildschirm. Vier Tage ungebundene Zeit. Der Entschluss formt sich in Sekundenbruchteilen: Er muss zu Ryan.
Er schwingt die Beine aus dem Bett, eilt zum Schreibtisch und schnappt sich einen karierten Notizblock samt Kugelschreiber. Im Schneidersitz lässt er sich wieder auf die Matratze fallen, klemmt die Gitarre unter den Arm und setzt erneut an.
Er spielt die Akkorde, summt die Linien mit und lauscht auf die Resonanz des Holzes. Worte blitzen auf. Manche klingen zu banal, zu kitschig, andere treffen den Nagel exakt auf den Kopf. Immer wieder bricht er ab, singt einzelne Phrasen laut heraus, kritzelt Zeilen auf das Papier, streicht Verse durch und feilt an Reimen, bis die erste Strophe unerschütterlich steht.
Während seine Augen über das beschriebene Blatt wandern, reift ein genialer Plan heran. Er will nicht einfach nur vor ihrer Haustür auftauchen. Er will die Neueröffnung der Terrasse kapern. Mitten in ihrem Revier, vor ihren Freunden, ohne Vorwarnung – nur sie, er und die Musik.
Das schiefe Grinsen auf seinen Lippen wird breiter. Er legt die Gitarre ab, entsperrt das Telefon und jagt eine knappe Nachricht in den Band-Gruppenchat: Sofort alle in mein Zimmer. Dringend.
Keine fünf Minuten später klopft es forsch an der Tür. Die Bandmitglieder strömen herein, verteilen sich im Raum – Damian lässt sich auf den Schreibtischstuhl fallen, Jaron belegt die Kofferablage, während Finjan mit verschränkten Armen an der Wand lehnt.
»Also, schieß los«, hakt Finjan nach. »Was gibt es so Wichtiges?«
Arvid stützt die Unterarme auf die Knie, die Augen funkeln vor Vorfreude. »Wir fahren nach Hause. Direkt zum Pub. Sie eröffnen morgen die Terrasse – und wir entern die kleine Holzbühne. Unangekündigt, rein akustisch, ohne Presse. Was meint ihr?«
Die Jungs wechseln vielsagende Blicke. Damian bricht als Erster das Schweigen und grinst breit. »Verdammt starke Aktion. Ich bin dabei.«
»Und das ist noch nicht alles«, setzt Arvid nach, hebt die Gitarre an und deutet auf den Notizblock. »Wir spielen keinen alten Kram. Wir schreiben die Nummer dafür heute gemeinsam fertig. Einen Song nur für Ryan.«
Der Funke springt auf der Stelle über. Für den Rest des Tages verwandelt sich das Hotelzimmer in ein improvisiertes Tonstudio: Akkorde werden hin- und hergeworfen, Harmonien getestet, Harmonika-Einsätze probiert und Textzeilen geschliffen. Bis spät in die Nacht arbeiten sie an jedem Ton – und weben Note für Note ein Stück, das ihr ganz allein gehört.