Kapitel 35 - So verdammt echt


Mitten in der Nacht steht Arvid plötzlich vor Ryans Tür – weil vier freie Tage für ihn nur eines bedeuten: zurück zu ihr. Gemeinsam verbringen sie einen überraschend normalen Nachmittag im September, wo selbst ein gefeierter Rockstar kurzerhand zum Tischabwischen verdonnert wird. Zwischen Freunden, Gelächter und vertrautem Chaos erlebt Arvid etwas, das ihm sein Leben im Rampenlicht längst genommen hat. Und langsam begreift er, dass Ryan ihm nicht nur Liebe schenkt, sondern auch den Weg zurück zu sich selbst zeigt.


Arvid steht vor Ryans Haustür, die Hände tief in den abgewetzten Taschen seiner Lederjacke vergraben. Die Straße liegt in tiefer Stille, nur vereinzelte Laternen schneiden mit mattem Licht durch das nächtliche Dunkel. 4:40 Uhr morgens. Eigentlich eine absurde Zeit, doch jeder einzelne Kilometer der stundenlangen Fahrt zählte nur für diesen Augenblick.

Er drückt die Klingel. Stille. Er setzt noch einmal nach. Kurz darauf dringen leise, schlurfende Schritte an sein Ohr. Das Schloss klickt, die Tür öffnet sich zögernd einen Spalt – und gibt den Blick auf Ryan frei. Ihr Haar ist wild zerzaust, die Augen noch schwer vom Schlaf, und sie trägt nichts als ein weites Shirt, das knapp über ihren Oberschenkeln endet. Im ersten Moment blinzelt sie irritiert, doch als sie ihn erkennt, weichen ihre Züge schlagartiger Fassungslosigkeit.

»Arvid?«, krächzt sie mit rauer Stimme. »Ist etwas passiert?«

Ein warmes Grinsen bricht sich Bahn. »Alles bestens.«

Sie runzelt verwirrt die Stirn. »Was machst du dann mitten in der Nacht hier?«

Er tritt über die Schwelle und fixiert sie mit diesem brennenden, unnachgiebigen Blick, vor dem ihre Abwehr jedes Mal kapituliert. »Ich habe es schlichtweg nicht mehr ohne dich ausgehalten.«

Ryan starrt ihn an, als begreife ihr Verstand nur langsam, dass er kein Traum ist. Dann zieht sie die Tür ganz auf. Kaum fällt das Holz ins Schloss, greift Arvid nach ihr, reißt sie an sich und presst sie fest gegen seinen Brustkorb. Er vergräbt das Gesicht in ihrem Nacken und saugt ihren vertrauten Duft ein wie den ersten Atemzug nach langem Tauchen.

»Was tust du wirklich hier?«, murmelt sie leise an seinem Hals, während ihre Hände sich in seine Jacke krallen.

»Ich musste dich sehen«, raunt er gegen ihre Schläfe. Alles andere – der Tourstress, die Gerüchte, die endlosen Meilen – verblasst zu bedeutungslosen Schatten.

Ryan greift nach seinen Fingern und zieht ihn schweigend mit sich ins Schlafzimmer. Das fahle Mondlicht sickert durch den Stoff der Vorhänge und taucht die Umrisse in ein kühles, silbernes Schimmern. Ohne ein weiteres Wort streifen sie ihre Kleidung ab und lassen Jacke, Shirt und Hosen achtlos auf das Parkett gleiten.

Unter der Decke finden ihre Körper mit traumwandlerischer Sicherheit zueinander. Arvid schlingt den Arm fest um ihre Taille, zieht sie an seine nackte Brust und verhakt seine Beine mit den ihren. Seine rauen Fingerkuppen wandern langsam die Kurve ihrer Wirbelsäule entlang, während Ryan die Lider schließt und das dumpfe Pochen seines Herzens unter ihrer Handfläche spürt.

»Ich begreife es immer noch nicht ganz … du bist einfach hier«, wispert sie.

Arvid schmunzelt an ihrer Stirn und drückt ihr einen zärtlichen Kuss auf die Schläfe. »Ich hatte keine Wahl. Der Entzug hat mich fertiggemacht.«

Ihre Finger zeichnen die Konturen seiner Brustmuskeln nach. »Ich habe dich so unfassbar vermisst, Arvid.«

»Und ich dich erst«, flüstert er heiser und lässt seine Hand durch ihre weichen Strähnen gleiten.

Sie wechseln noch ein paar leise Worte, lassen die Hände wandern und teilen sanfte Küsse im Halbdunkel, bis die bleierne Erschöpfung die Oberhand gewinnt. Arvids Züge glätten sich, sein Atem geht tief und gleichmäßig, der feste Griff um ihre Hüfte lockert sich zu einer sanften Umarmung.

Ryan hebt für einen Herzschlag den Kopf, betrachtet sein friedliches Profil im fahlen Licht und spürt, wie eine tiefe, unerschütterliche Ruhe ihr Herz flutet.

Sie schmiegt sich noch ein Stück enger an seine vertraute Wärme, schließt die Augen und gleitet, geborgen an seiner Seite, hinüber in den Schlaf.

 

Tasja rührt mit gleichmäßigen Bewegungen das Dressing in einer Edelstahlschüssel an und seufzt leise. Um sie herum stapeln sich Schüsseln mit frischem Schnittgut und vorbereiteten Platten für die Terrasseneröffnung. »Eigentlich hätten wir Einlassbändchen ausgeben müssen. Dann hätten wir wenigstens einen Schimmer, welche Masse uns heute Abend überrollt.«

Sascha teilt mit geübtem Schnitt die Tomaten in hauchdünne Scheiben und wiegelt gelassen ab. »Wird schon im Rahmen bleiben. Das Akustik-Duo hat gestern kurzfristig abgesagt. Ohne Live-Musik rechne ich eher mit einem entspannten Auftakt.«

Tasja hält inne, mustert ihn von der Seite und zieht amüsiert eine Augenbraue nach oben. »Du hast David in deiner Gleichung vergessen. Der wittert eine freie Bühne aus zehn Kilometern Entfernung.«

Sascha stoppt das Messer auf dem Holzbrett und schnaubt trocken. »Du lieber Himmel … das kann ja heiter werden. Hoffentlich drosselt er sein Geltungsbedürfnis wenigstens ein bisschen.«

»Vergiss es«, schüttelt Tasja lachend den Kopf. »Er wird die Leute so lange mit seinem Ego penetrieren, bis sie aus reiner Verzweiflung klatschen.«

Sascha grinst schief. »Immerhin sparen wir uns die Gage. Und wer weiß – vielleicht schlägt der Abend doch noch höhere Wellen als gedacht.«

Im selben Moment fällt die schwere Eingangstür ins Schloss. David und Malu durchqueren den Gastraum und steuern direkt die Küche an, angelockt vom Klappern der Töpfe und dem Duft frischer Kräuter.

Kaum steht David im Türrahmen, reißt er mit theatralischem Schwung die Arme auf. »Guten Morgen, Fußvolk! Heute bricht eine neue Ära an! Der Tag der Tage!« Er klatscht lautstark in die Hände und blickt mit funkelnden Augen in die Runde.

Tasja schmunzelt über den Schüsselrand hinweg. »Deine Laune möchte ich morgens um elf mal haben.«

»Und wie! Heute gehört das September der Ewigkeit! Wir werden strahlen, die Massen werden jubeln, dieser Abend wird in die Annalen der Pub-Geschichte eingehen!«

Sascha hebt skeptisch die Braue. »Du führst dich auf, als hätten wir ein Festival auf die Beine gestellt. Wir haben nicht einmal Hintergrundmusik.«

David winkt gönnerhaft ab. »Pff, Musiker werden völlig überschätzt, wenn ihr das geballte Talent in Person vor euch habt!« Er vollführt eine schwungvolle Drehung auf dem Küchenlinoleum. »Ich übernehme das Ruder. Ich werde dieses Event eigenhändig veredeln!«

Malu prustet los und schüttelt fassungslos den Kopf. »Um Himmels willen, verschone uns. Das Ziel ist, dass die Gäste Getränke bestellen – nicht, dass sie panisch das Weite suchen.«

David presst die Hand aufs Herz und verzieht das Gesicht zu einer leidenden Fratze. »Unerhört! Eure Undankbarkeit bricht mir das Herz. Wartet es nur ab – heute Nacht schreibe ich Geschichte!«

Tasja wirft Sascha einen vielsagenden Blick zu. »Na bitte. Wir sind in den besten Händen.«

Sascha schüttelt schmunzelnd den Kopf. »Mir schwant Böses.«

Eine halbe Stunde später herrscht emsiges Treiben auf der Terrasse. Malu arrangiert sorgfältig frische Wiesenblumen in kleinen Vasen auf den Massivholztischen, während David mit akribischer, fast feierlicher Gründlichkeit jede einzelne Stuhlauflage millimetergenau ausrichtet.

Gerade als er die Hände in die Hüften stemmt, um sein arrangiertes Meisterwerk zu begutachten, schneidet ein vertrauter, glockenheller Ruf durch den Gastraum.

»Hallo zusammen!«

Ryan steht strahlend im Türrahmen zur Terrasse. Direkt hinter ihr taucht Arvid auf – eine Hand lässig in der Lederjacke vergraben, die andere um ihre Taille gelegt, und ein verschmitztes, ausgeschlafenes Grinsen auf den Lippen.

»Hey Leute«, lässt er seine tiefe Stimme hören.

Malu lässt die letzten Blütenzweige in die Vase sinken und schenkt den beiden ein breites Lächeln. »Na, seht mal einer an – die internationale Prominenz beehrt uns mit ihrer Anwesenheit.«

David reißt augenblicklich die Arme in die Luft, das Gesicht zu einer Maske schierer Fassungslosigkeit verzogen. »Du lieber Himmel, ein Wunder ist geschehen! Ohne kreischende Teenager, ohne hysterisches Blitzlichtgewitter – ist dieser illegale Schleichweg überhaupt rechtens?!«

Ryan bricht in schallendes Gelächter aus. »Offenbar haben die Medien das Interesse an uns verloren.«

Arvid schmunzelt und zieht die Schultern hoch. »Oder die Geier vermuten mich schlichtweg noch im Hotelbett drei Städte weiter.«

Sascha tritt mit einem Stapel Servietten aus der Küche und mustert die beiden mit gerunzelter Stirn, doch seine Augen lachen. »Hätte im Leben nicht darauf gewettet, dass ihr unbemerkt durch die Fußgängerzone kommt.«

»Reine Taktik«, frotzelt Arvid und schenkt Ryan einen vielsagenden Seitenblick. »Wir agieren undercover.«

Tasja stützt sich an den Türrahmen, die Arme verschränkt, ein spöttisches Funkeln in den Augen. »Undercover oder nicht – wer hier atmet, packt gefälligst mit an. Die Terrasse eröffnet sich nicht von allein.«

Ryan schnaubt amüsiert durch die Nase. »Keine fünf Minuten im Raum und schon zur Zwangsarbeit verdonnert. Man liebt es einfach.«

Arvid streift seine Lederjacke ab, wirft sie lässig über die Lehne eines Barhockers und krempelt die Ärmel seines schwarzen Shirts hoch. »Ich stelle mich zur Verfügung. Befehlsausgabe, bitte.«

David klatscht entzückt in die Hände, als sei soeben das Christkind eingetroffen. »Ein Fest! Ein absolutes Fest!«

Mit gravitätischen Schritten baut er sich vor Arvid auf, stemmt die Hände in die Hüften und mustert ihn mit gespielt strengem Meisterblick. »Also gut, Rockstar. Vergiss Stadien und VIP-Lounges. Jetzt folgt deine wahre Reifeprüfung: der knallharte Alltag im Schankgewerbe.«

Arvid verschränkt amüsiert die Arme und hält seinem Blick stand. »Ich zittere schon. Was steht an?«

David holt weit aus und deutet auf die aufgereihten Tische. »Hier erstreckt sich dein Revier. Deine Mission: Tische abwischen. Standardmäßig mit reinem Körpereinsatz – oder, was dem Niveau dieses Hauses natürlich eher entspräche: mit musikalischer Begleitung. Ich verlange ein Erlebnis.«

Arvid lacht heiser auf. »Tische schrubben mit Akustik-Set? Das eröffnet völlig ungeahnte Geschäftsfelder.«

»Genau so!«, deklamiert David mit fliegenden Händen gen Himmel. »Ich sehe die Plakate vor mir: Metal Earth – The Cleaning Tour! Wir feudeln uns an die Spitze der Charts!«

Während Ryan sich kichernd die Hand vor den Mund hält, greift Arvid nach dem feuchten Tuch. Er schüttelt grinsend den Kopf, tritt an den ersten Holztisch – und stimmt ganz ohne Vorwarnung eine Melodie an.

Leise, rau, getragen von diesem tiefen, heiseren Timbre, das augenblicklich unter die Haut geht.

David erstarrt mitten in seiner nächsten Geste. Seine Arme sinken langsam herab, der Mund bleibt einen Spalt breit offen stehen. »Heilige Mutter Gottes …«, wispert er.

Arvids Stimme entfaltet im Raum ein unvergleichliches Volumen. Es ist kein beiläufiges Summen; er singt mit dieser entwaffnenden Ehrlichkeit, die jede Note wie ein Versprechen klingen lässt. Während das Tuch in kreisenden Bewegungen über die Maserung des Holzes gleitet, füllen sich die Zeilen mit purer Emotion.

Malu, Sascha und Tasja verstummen auf der Stelle und treten wie ferngesteuert aus der Küche an die Theke, gefangen von dem Klang.

»Ich will ein Kind von diesem Mann«, flüstert David mit feuchten Augen und presst die Handfläche flach auf sein Hemd. »Er könnte mir eine Klobürste verkaufen und ich würde dafür mein Erbe verpfänden.«

Ryan schmunzelt leise, doch ihr Herz schlägt ihr bis zum Hals. Selbst hier, in einem noch leeren Pub, barfuß im Geiste und mit einem Putzlappen in den Händen, strahlt Arvid diese rohe, magnetische Magie aus, der sich niemand entziehen kann.

Als Arvid die letzte Silbe verklingen lässt, bemerkt er die andächtige Stille im Schankraum. Er blickt auf, fängt ihre starren Blicke auf und zuckt mit einem diebischen Grinsen die Achseln. »Na? Bester Schankraum-Soundtrack aller Zeiten?«

David nickt mit heiligem Ernst. »Bester Tischabwisch-Virtuose der gesamten Hemisphäre.«

Gemeinsam bringen sie die letzten Handgriffe zu Ende. Malu platziert die kleinen Glaswindlichter mit den Teelichtern auf den Tischen, während David fluchend mit einem verknäulten Kabelstrang ringt. »Verdammtes Mistding! Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist: Diese Drähte verknoten sich aus reiner, persönlicher Bosheit gegen mich!«

Ryan lacht herzhaft auf, greift dazwischen und nimmt ihm das Gewirr aus den Händen. Mit ein paar routinierten Handgriffen löst sie die Schlingen und drückt ihm das saubere Kabel wieder in die Hand. »Bitte sehr, Dramaqueen.«

David schnaubt gespielt indigniert. »Ich übergehe diese Frechheit nur, weil du mein Leben gerettet hast. Aber merkt euch meine Worte: Irgendwann erwürgen mich diese Lichterketten im Schlaf.«

Arvid schmunzelt im Vorbeigehen und lässt den Blick über die Außenbar wandern. Sascha hat die Regale bereits lückenlos mit Spirituosen bestückt, die Gläser stehen in Reih und Glied, die Zapfhähne glänzen frisch poliert. »Respekt, Leute. Das sieht verdammt stark aus«, lobt er anerkennend.

Tasja tritt neben ihn, stemmt die Hände in die Hüften und lässt ihren Blick zufrieden über das Ensemble aus Holz, Backstein und warmen Farben gleiten. Ein tiefer Atemzug entfährt ihr. »Ich würde sagen: Punktlandung. Wir sind startklar.«

Für einen kurzen Moment halten alle inne. Das gedämpfte Glühen der Lichterketten taucht das Kopfsteinpflaster in goldenen Schimmer, die Kerzen werfen erste flackernde Schatten auf das dunkle Holz der Tische. Der Innenhof strahlt genau jene gemütliche, fast magische Pub-Atmosphäre aus, für die das September geliebt wird.

»Damit ist jetzt offiziell Pause verordnet!«, verkündet Tasja und klatscht auffordernd in die Hände. »Alle ab nach Hause, Duschen, Umziehen, und in zwei Stunden schlagen wir hier wieder auf.«

Arvid fährt sich durch den Nacken, seine Mundwinkel wandern nach oben. »War ein verdammt guter Nachmittag mit euch. Danke, dass ich mit anpacken durfte.«

David baut sich mit gravitätischer Miene vor ihm auf, klopft ihm mit festem Griff auf die Schulter und nickt mit heiligem Ernst. »Du hast das Zeug dazu, mein Bester. Falls die Rockstar-Karriere je den Bach runtergeht: Bei mir bist du als Chef-Kulturmanager des September jederzeit herzlich willkommen.«

Arvid bricht in raues Gelächter aus, während Ryan schmunzelnd den Kopf schüttelt und seine Hand nimmt. Unter gegenseitigen Zurufen und bester Laune leert sich der Hof – jeder bereit für den großen Abend, der vor ihnen liegt.

Ryan schmiegt sich noch ein Stück enger an Arvids Seite, während ihre Schritte ruhig über den Asphalt hallen. Die spätnachmittägliche Sonne wirft lange Schatten vor ihnen her. Sein schwerer Arm auf ihren Schultern spendet eine vertraute, unerschütterliche Wärme; ihre Finger bleiben fest ineinander verhakt. Ein paar Meter hinter ihnen halten Steve und sein Kollege stoisch Schritt – zwei lautlose Schatten im feinen Zwirn, wachsam, aber diskret. Längst hat das leise Knirschen ihrer Sohlen für Ryan den Schrecken verloren. Es ist schlicht der Preis für diese gemeinsamen Momente.

»Der Tag heute war Gold wert«, bricht Arvid die Stille und neigt den Kopf zu ihr. Ein seltenes, völlig unbeschwertes Lächeln liegt auf seinen Zügen. »So herrlich normal. So verdammt echt.«

Ryan schmunzelt und blickt zu ihm auf. »Ich habe es dir prophezeit. Du brauchst genau diese Erdung ab und zu. Einfach unter normalen Menschen sein, mit Freunden herumblödeln – ohne den Druck, eine perfekte Show abzuliefern, ohne lauernde Linsen und ohne tausend Augenpaare auf dir.«

Arvid nickt langsam, sein Blick wandert nachdenklich über die vertrauten Häuserzeilen. »Ich wusste gar nicht mehr, wie sehr mir das gefehlt hat. Die Konzerte, die Energie der Menge – das ist der absolute Wahnsinn, keine Frage. Aber dieses schlichte, ungefilterte Dasein …« Ein leiser Seufzer entweicht seiner Brust. »Es fühlt sich inzwischen an wie eine andere Galaxie. Der Nachmittag war wie ein Weckruf. Eine Erinnerung daran, wie sich das Leben anfühlen sollte.«

Ryan verstärkt den Druck ihrer Finger um seine Hand, ihre Stimme klingt sanft, aber voller Überzeugung. »Du sitzt am Steuer, Arvid. Du kannst dir diese Normalität zurückholen, wann immer du sie brauchst. Kein Mensch verlangt von dir, rund um die Uhr die Kunstfigur zu spielen.«

Arvid lacht heiser auf, in dem Klang schwingt eine Spur Zynismus mit. »Bis auf Liam. Und einen Kalender, der bis ins übernächste Jahr lückenlos vollgepackt ist.«

»Liam wird lernen müssen, Grenzen zu akzeptieren«, erwidert Ryan mit feinem Nachdruck und schüttelt leicht den Kopf. »Du bist schließlich nicht nur der Frontmann von Metal Earth, den man auf Knopfdruck auf die Bühne schiebt. Du bist Arvid. Der Kerl, der mit David über absurde Witze lacht, der barfuß Tische feudelt und der die Menschen mit einem einzigen Ton tief im Inneren trifft.«

Arvid verlangsamt seine Schritte und bleibt schließlich mitten auf dem Gehweg stehen. Er dreht sie behutsam zu sich herum, bettet ihr Gesicht für einen Herzschlag in seine Hände und drückt einen tiefen, zärtlichen Kuss auf ihre Stirn.

»Und du bist die einzige Frau auf dieser Welt, die mich wieder zu mir selbst zurückholt, wenn ich mich in diesem ganzen Wahnsinn verliere.«

Ryan hebt den Blick, ihre Augen funkeln vor Zuneigung, während sie die Arme um seine Taille schlingt. »Irgendeiner muss den Job ja schließlich übernehmen, Rockstar.«