Kapitel 8 - Kaffee um zwei


Während das September endlich wieder voller Leben steckt, treibt Arvid die nächtliche Unruhe durch die Altstadt – und ausgerechnet zurück zu Ryan. Ein zufälliges Wiedersehen wird zu einem gemeinsamen Heimweg und schließlich zu Kaffee in ihrer Wohnung. Zwischen Neckereien, vorsichtigen Einblicken und wachsender Anziehung lernen sie sich zum ersten Mal wirklich kennen. Nur eine entscheidende Kleinigkeit verschweigt Arvid ihr noch.


Zur achten Abendstunde füllt sich das September zusehends.

Ryan lehnt kurz an der Bar und lässt den Blick zufrieden durch den Gastraum wandern. Auch Malu und Sascha entspannen sich spürbar.

David ist in seinem Element. Eine Gruppe Bekannter hat sich angekündigt, und er bewirtet sie mit gewohnter Hingabe. Immer wieder dringt lautes Lachen von seinem Tisch herüber.

Besonders strahlt er jedoch wegen eines ganz bestimmten Gastes: Tim.

Tim meidet Kneipen eigentlich – umso mehr bedeutet es David, dass er heute hier sitzt. Die beiden sind seit fünf Jahren ein Paar. Kennengelernt haben sie sich durch Zufall auf dem Weihnachtsmarkt. Damals war Tim noch vergeben, doch Davids Hartnäckigkeit hatte sich am Ende ausgezahlt. Ein Blick auf die beiden genügt: Sie sind nach wie vor über beide Ohren glücklich.

Ryan zieht den Block aus der Kellnerbörse und steuert den nächsten Tisch an. Mit ihrer gewohnt warmen Art nimmt sie Bestellungen auf, wechselt ein paar Worte und bringt die Drinks routiniert ans Ziel.

Sascha nickt ihr von der Zapfanlage aus zufrieden zu. »Wie in alten Zeiten«, murmelt er.

Ryan hält kurz inne und lächelt. »Fühlt sich verdammt gut an.«

In diesem Moment öffnet sich die Tür, und der Pianist betritt den Pub. Sascha geht ihm direkt entgegen und begrüßt ihn mit einem festen Händedruck.

»Gut, dass du da bist. Wir warten schon«, lächelt Sascha.

Der Mann – Mitte vierzig, dunkle Locken, charmante Ausstrahlung – stellt sich kurz vor: »Rob.«

Sascha kennt ihn aus einer Facebook-Gruppe für irische Auswanderer. Als die Suche nach Live-Musik anstand, hatte Rob sofort zugesagt.

Sascha deutet zum Instrument. »Da drüben. Fühl dich wie zu Hause.«

Rob setzt sich auf den Hocker, lässt die Finger probeweise über das Holz gleiten und nickt zufrieden. »Klingt gut.«

Dann legt er los.

Rhythmische, sanfte Klänge erfüllen den Raum. Die nostalgischen irischen Melodien hüllen das September sofort in eine magische Atmosphäre. Die Gespräche an den Tischen verstummen; neugierig drehen sich die ersten Gäste um.

Ryan hält mit dem Tablett auf der Hand inne. Das funktioniert, denkt sie erfreut.

Rob versinkt vollständig in seinem Spiel. Die Töne fließen mühelos, Gäste wippen im Takt oder lauschen mit geschlossenen Augen. Plötzlich zieht er das Tempo an, die Akkorde werden kraftvoller. Und dann setzt seine raue, warme Stimme ein – mit den traditionellen Zeilen des irischen Klassikers Danny Boy:

»Oh Danny boy, the pipes, the pipes are calling From glen to glen, and down the mountain side. The summer's gone and all the roses falling, It's you, it's you must go and I must bide.«

Sascha erstarrt hinter dem Tresen. Er hebt den Kopf, lauscht – und erkennt das Lied augenblicklich.

Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Ohne lange nachzudenken, stimmt er mit ein. Seine Stimme ist tiefer als die von Rob, rauer, aber voller ehrlicher Wärme:

»But come ye back when summer's in the meadow, Or when the valley's hushed and white with snow, And I'll be here in sunshine or in shadow, Oh Danny boy, oh Danny boy, I love you so.«

Die Atmosphäre im September wandelt sich spürbar. Eine beinahe ehrfürchtige Stille legt sich über den Raum. Die Gäste hängen an jeder Note.

Selbst Ryan hält beim Bestellungsaufnehmen inne und blickt erstaunt zur Bar. Sie hat Sascha noch nie singen hören.

Malu sieht ihn genauso überrascht an und raunt leise: »Wow.«

Rob und Sascha beenden die Strophe in perfekter Harmonie. Als der letzte Klavierton sanft verklingt, verharren die Anwesenden für einen Sekundenbruchteil in stiller Faszination.

Dann bricht der Applaus los – laut, begeistert, von Herzen.

Sascha schüttelt lachend den Kopf, während Rob ihm dankend zunickt. »Du hättest Musiker werden sollen, Mann!«

Sascha zuckt die Schultern. »Tja … vielleicht im nächsten Leben.«

Der Abend zieht sich voller Leben in die Länge. Rob hat seine zwei Stunden längst überschritten, doch anstatt aufzuhören, spielt er einfach weiter. Die Musik reißt alle mit – und nach jedem Stück fließen die Bestellungen.

Das September pulsiert vor Energie, genau so wie in alten Zeiten. Ryan, Sascha und das Team blicken in zufriedene Gesichter. Heute Abend haben sie es geschafft.

 

Am anderen Ende der Stadt wälzt sich Arvid ruhelos von einer Seite auf die andere. Er zieht die Decke über den Kopf, schlägt sie wieder zurück, dreht sich auf den Bauch, dann auf den Rücken.

Nichts. Der Schlaf verweigert sich.

Genervt stößt er einen Fluch aus und setzt sich auf. Scheiß drauf.

Er schwingt die Beine aus dem Bett, schlüpft in die Jeans und greift nach seiner Jacke. Ohne lang nachzudenken, verlässt er das Hotelzimmer – diesmal ohne Security im Schlepptau.

Draußen schlägt ihm die kühle Nachtluft entgegen. Er zieht die Kapuze tief ins Gesicht und schlendert ziellos durch die Straßen. Seine Gedanken kreisen im Leerlauf: Fragmente von der Tour, Erinnerungen, unbeantwortete Fragen.

Vielleicht sollte er sich einfach in irgendeine Bar setzen. Oder weitergehen, bis die Müdigkeit ihn einholt.

Schließlich biegt er in die ihm vertraute Allee ein, die direkt in die Altstadt führt. Seine Schritte hallen leise auf dem Kopfsteinpflaster. Die Stadt liegt im Dämmern; nur vereinzelt rollt noch ein Wagen vorbei, während Straßenlaternen ein warmes, fahles Licht auf die alten Häuserfronten werfen.

Als er die Stelle erreicht, an der er mit Ryan zusammengeprallt ist, verlangsamt er den Schritt. Unwillkürlich huscht ein schmales Lächeln über seine Lippen.

Sofort hat er wieder diese leuchtend blauen Augen vor sich – die schroffe Mischung aus Widerstand und Faszination, die ihn seit Nachmittag nicht mehr loslässt.

Vielleicht wohnt sie gleich hier um die Ecke, schießt es ihm durch den Kopf.

Ein Blick aufs Zifferblatt holt ihn in die Realität zurück. Kurz nach zwei Uhr nachts. Die Chance, sie jetzt noch auf der Straße anzutreffen, geht gegen Null.

Er atmet tief durch, schiebt die Hände tiefer in die Taschen und geht weiter.

Nach ein paar Minuten bemerkt er in der Ferne eine kleine Traube von Menschen. Sie lachen, unterhalten sich ausgelassen – offensichtlich noch mitten im Feiermodus.

Ein paar Schritte weiter begegnet ihm eine zweite Gruppe, genauso gelöst und laut.

Er bleibt stehen und beobachtet das Geschehen. Wo kommen die alle her? Arvid drosselt sein Tempo, während sich die Gestalten in die umliegenden Gassen zerstreuen.

Hier war heute Abend ordentlich was los. Und er ist neugierig genug, der Sache auf den Grund zu gehen.

Gedämpfte Stimmen hallen durch die Nacht. Arvid nähert sich bedacht und bezieht mit etwas Abstand Position.

Vor ihm schwingt eine schwere Kneipentür auf. Nach und nach treten die letzten Gäste ins Freie. Frauen verabschieden sich lachend, ehe sie in verschiedene Richtungen verschwinden. Dann folgen zwei weitere Frauen und drei Männer, die sich noch für ein paar Worte vor dem Eingang sammeln.

Arvid beobachtet das Treiben schweigend. Doch als die Tür ein letztes Mal aufschwingt, weiten sich seine Augen.

Ryan.

Er blinzelt kurz, um sicherzugehen, dass ihm sein Kopf keinen Streich spielt. Augenblicklich schleicht sich ein schiefes Grinsen auf seine Lippen.

Er will bereits losmarschieren, auf sie zu – stoppt dann aber mitten in der Bewegung.

Keine gute Idee.

Er zwingt sich zur Ruhe, bleibt im Schatten der gegenüberliegenden Häuserwand stehen und sieht weiter zu.

Ryan zieht die Tür ins Schloss und dreht den Schlüssel im Zylinder um.

Hier arbeitet sie also … oder gehört ihr der Schuppen etwa?

Die Gruppe vor der Tür löst sich auf. Schließlich bleibt nur noch Ryan mit einer anderen Frau zurück. Sie wechseln noch ein paar Worte, ehe sich auch ihre Wege trennen.

Jetzt oder nie.

Arvid setzt sich lautlos in Bewegung. Mit ruhigen, bedachten Schritten folgt er ihr durch die dämmrigen Gassen. Er hält Abstand, um sie nicht zu erschrecken, hält die Fährte wie ein Jäger. Die Neugier hat endgültig die Regie übernommen.

Ryan spürt es sofort. Dieses feine Kribbeln im Nacken, das warnende Gefühl, beobachtet zu werden.

Instinktiv blickt sie über die Schulter – und schaut direkt in ein vertrautes Gesicht.

Arvid.

Er ist bereits auf gleicher Höhe. Der plötzliche Blickkontakt trifft sie wie ein Stromstoß tief im Magen – ein überraschend wohliger Impuls, den sie augenblicklich niederkämpft.

Ryan stoppt abrupt, verschränkt die Arme und bemüht sich redlich, die plötzliche Freude über das Wiedersehen hinter einer kühlen Fassade zu verbergen.

»Verfolgst du mich etwa?«, fragt sie mit gespielt genervtem Unterton.

Arvid wiegt spöttisch den Kopf. »Hm … nein. Purer Zufall. Um die Uhrzeit rechnet man schließlich nicht mehr mit Gesellschaft, oder?«

Ryan zieht eine Braue hoch. »Ich schon. Ich habe nun mal nicht das Privileg, den ganzen Abend auf der Couch zu fläzen und vor Mitternacht im Bett zu liegen.«

Arvid schmunzelt. Ihm geht es nach den Shows kaum anders. »Ja, du bist wirklich hart getroffen«, grinst er. »Aber erwarte bloß kein Mitleid von mir.«

Ryan schnaubt trocken. »Keine Sorge. Von dir würde ich sowieso nichts annehmen.«

Für einen Herzschlag herrscht Stille.

Nur Blicke, die sich ineinander verfangen. Und Ryan hasst es, wie sehr sie diesen Moment genießt.

Sie hasst es, dass er sie so aus dem Konzept bringt. Dass er etwas in ihr anstößt, das sie eigentlich unter Verschluss halten will.

Arvid geht es nicht anders. Und auch er findet das gelinde gesagt unpassend.

Sein Blick wandert zurück zum Laden. »In der Kneipe arbeitest du also? Oder gehört das Teil dir?«

Ryan schnaubt. »Sag das bloß nicht meinem Chef, sonst bringt er dich um. Das ist ein irischer Pub, keine Kneipe. Und ja, ich kellnere da.«

Arvid mustert die rustikale Fassade. »Ein Pub also. Klingt gut. Viel gemütlicher als die typischen Absturzbuden.«

»Genau.« Ryan atmet durch und schüttelt den Kopf. »Ich sollte jetzt aber wirklich los. Es war ein langer Tag.«

Arvid blickt sie an, die Mundwinkel zucken herausfordernd. »Keine Lust auf einen Kaffee oder so? Irgendwas hat um die Uhrzeit sicher noch offen.«

Ryan presst die Lippen aufeinander. Eigentlich will sie ja … doch eine innere Warnleuchte schlägt an.

Sie sucht nach einer Ausrede, aber Arvid hebt bereits grinsend die Hand. »Spar’s dir. Ich dulde keine Ausreden.«

Ryan überlegt fieberhaft, wie sie sich entziehen kann – doch ihr fällt nichts ein. Und wenn sie ehrlich ist, will sie ihn gar nicht wegschicken.

Ihr Blick streift die dunklen Gassen. Hier hat längst nichts mehr auf. Es bleibt nur eine Option.

»Ich wohne nicht weit von hier. Wir könnten …« Sie stockt. Die Augen weiten sich. Hat sie das gerade wirklich laut gesagt?! Spinnst du eigentlich?

Sie räuspert sich krampfhaft, um das Gesagte aus der Welt zu schaffen, aber es ist zu spät.

Arvids Mundwinkel wandern genüsslich nach oben. »Na, dafür, dass du mich eben noch loswerden wolltest, gehst du jetzt aber ganz schön aufs Ganze«, neckt er sie.

Ryan schnaubt abwehrend. »Willst du nun Kaffee oder nicht?«, fragt sie, verschränkt die Arme und marschiert los.

Arvid heftet sich sofort an ihre Fersen. »Wenn du mich so charmant bittest – wie könnte ich da Nein sagen?«

»Bilde dir bloß nichts ein«, warnt sie ihn mit gespieltem Ernst.

Arvid lacht leise. »Zu spät.«

Sie gehen nebeneinander her. Schweigen.

Keiner von beiden würde es zugeben, aber sie genießen die Stille. Keine schreienden Fans, kein Trubel – nur das Echo ihrer Schritte auf dem Kopfsteinpflaster in der kühlen Nachtluft.

Arvid weiß, dass morgen der Alltag zurückschlägt. Er wird ihr sagen müssen, wer er ist – falls sie es nicht ohnehin weiß und das Spiel einfach mitspielt.

»Hier rein«, reißt Ryan ihn aus den Gedanken und deutet in eine Querstraße.

Er folgt ihr und betrachtet die gepflegten Häuserfronten. »Nette Gegend. Schön ruhig.«

»Ja, ist es. Nur der Heimweg ist nachts manchmal etwas unheimlich.«

Arvids braune Augen funkeln amüsiert. »Bist du etwa ein kleiner Schisser?«

»Warum erzähle ich dir das überhaupt …«, verdreht Ryan die Augen.

»Weil du froh bist, dass ich dich begleite«, lacht Arvid tief und ehrlich.

»Warum bereue ich es jetzt schon, dich eingeladen zu haben?«

»Tust du gar nicht«, grinst er breit. »Du liebst meine Gesellschaft. Gib’s ruhig zu.«

Ryan schüttelt den Kopf. Er raubt ihr die Nerven. Und genau das gefällt ihr.

Sie erreichen einen modernen Wohnblock, der als stilvoller Kontrast mitten im historischen Altstadtviertel steht.

»Sehr schick«, kommentiert Arvid, als er ihr durch die Eingangstür folgt.

»Ja, ich wohne gerne hier. Hat etwas gedauert, bis ich nach meiner …« Sie bricht abrupt ab. Das geht ihn gar nichts an.

Arvid hebt eine Braue. »Nach deiner was?«

Ryan seufzt, steckt den Schlüssel ins Schloss und dreht ihn um. »Nach meiner Trennung«, gibt sie knapp zurück und verdreht die Augen, um das Thema dichtzumachen.

Arvid nickt nur gelassen.

Sie lässt ihn vor. Sein Blick streift den schlichten Flur und die helle, aufgeräumte Küche mit Balkonzugang.

»Klein, aber mein«, schmunzelt Ryan, während sie sich an ihm vorbeischlängelt und die Kaffeemaschine startet.

»Gefällt mir.«

Arvid geht ins angrenzende Wohnzimmer – weiße Möbel, ein gut gefülltes Bücherregal, grüne Pflanzen. Gemütlich und stilvoll. Er tritt an die Fensterfront mit Blick über die beleuchteten Dächer der Altstadt.

»Toller Ausblick«, murmelt er.

Ryan betritt das Zimmer mit zwei dampfenden Tassen und stellt sie auf den Couchtisch.

»Und du? Wie wohnst du so?«, fragt sie und mustert ihn neugierig.

Hier ist deine lektorierte Fassung für die nächtliche Küchen- und Couch-Szene. Ich habe die Dialoge im gewohnt knackigen Schlagabtausch geschärft, unnötige Gedankendopplungen gestrafft und Arvids Geheimnis sowie Ryans süffisantes Kontern perfekt auf den Punkt gebracht.

»Mein derzeitiges Zuhause ist noch viel kleiner als deins«, sagt er, die dunklen Augen amüsiert auf sie gerichtet. »Ein Bett … und verdammt viel Chaos.«

Ryan lacht leise auf. »Genau das habe ich mir gedacht«, grinst sie und verschwindet in der Küche. Während sie die Milch aus dem Kühlschrank holt, ruft sie über die Schulter: »Dreckige Unterwäsche auf dem Boden, gebrauchte Kondome und all sowas, was?«

Arvid schnaubt. Ganz unrecht hat sie ja nicht … aber das wird er garantiert nicht zugeben. »Nicht ganz so wild«, lacht er. »Was hast du bitte für ein Bild von mir?«

»Reine Erfahrungswerte«, kontert sie mit unschuldigem Lächeln und stellt die Milch auf die Bar.

Arvid hebt eine Braue. »Du hast also Erfahrung mit Chaos-Typen?« Seine Stimme klingt beiläufig, doch er fixiert sie aufmerksam. »Ist dein Jetziger auch so einer?«

Ryan verzieht keine Miene. Willst du hören, dass da niemand ist?

»Sieht es hier etwa nach Chaos aus?«, entgegnet sie mit herausforderndem Funkeln und dreht ab, um die Tassen zu holen.

Arvid bleibt zurück und schmunzelt schief. Verdammt, sie macht es einem nicht leicht.

Er setzt sich auf die Couch, schiebt die Milch zur Seite – er trinkt schwarz – und lässt den Blick über eine kleine Bildergalerie an der Wand wandern.

Auf den ersten Fotos sieht er Ryan mit dem Pub-Team. Ein weiteres zeigt sie eng umschlungen mit einer vertrauten Freundin – eine tiefe Verbindung. Schließlich bleibt er an einem Porträt einer älteren Frau hängen. Dieselben leuchtend blauen Augen.

Ryan kommt mit dem Kaffee zurück und setzt sich zu ihm. »Meine Kollegen, Freunde … und meine Mutter«, erklärt sie beiläufig, als sie seinen Blick bemerkt.

»Man erkennt die Augen sofort«, nickt Arvid. »Genauso hübsch wie du.«

Ryan zieht nur leicht eine Braue hoch.

Arvid mustert die Wand weiter – diesmal gezielt. Kein Vater, kein Partner, kein Hinweis auf einen Mann in ihrem Leben. Sie scheint wirklich Single zu sein. Ein Gedanke, der ihm ausgesprochen gut gefällt.

Ryan nimmt ihre Tasse. »Und du?«, fragt sie beiläufig. »Familie, Geschwister?«

»Mutter und ein paar enge Freunde. Keine Geschwister.«

Kein Wort über seinen Vater. Ryan bemerkt die Parallele, hakt aber nicht nach. Sie nimmt einen Schluck Kaffee. »Und was machst du so mit deinen Freunden?«

Jetzt wäre der Moment. Er könnte sagen, dass er der Frontmann einer gefeierten Rockband ist. Dass Hallen wegen ihm beben. Doch irgendetwas hält ihn zurück. Sie begegnet ihm ohne Vorurteile, ohne das Klischee des selbstverliebten Rockstars. Nur ihm – Arvid.

»Das Übliche«, schmunzelt er. »Ein bisschen feiern, ein bisschen Musik, Blödsinn machen.«

»Ein bisschen Musik?«, hakt sie skeptisch nach. »Spielst du was?«

»Ein bisschen. Gitarre, Keyboard, Drums.«

»Du könntest deine eigene Band sein«, scherzt Ryan. »Fehlt nur noch der Sänger.«

Arvid blickt kurz in seine Tasse. »Singen kann ich auch.«

»Ach ja? Kinderlieder oder Charts rauf und runter?«

Er sieht sie direkt an. »Tatsächlich mag ich Rock. Ich singe in dieser Richtung.«

Ryan verzieht prompt das Gesicht und schüttelt den Kopf. »Ugh … mit Rockmusik kann ich ja absolut gar nichts anfangen.«

Arvid stößt ein trockenes Lachen aus. Warum überrascht mich das jetzt nicht? Kein Wunder, dass sie keine Ahnung hat, wer vor ihr sitzt.

»Geschmäcker sind verschieden«, lehnt er sich schmunzelnd zurück. Doch der Gedanke lässt ihn nicht los. Vielleicht ist genau das der Grund, warum sie ihm nicht mehr aus dem Kopf geht.