Kapitel 6 - Träum weiter, Raubvogel


Ein unachtsamer Moment, ein heftiger Zusammenstoß – und plötzlich steht Ryan einem Fremden gegenüber, der ebenso arrogant wie hartnäckig ist. Zwischen bissigen Wortgefechten und unverhohlener Anziehung fliegen vom ersten Augenblick an die Funken. Ryan ahnt nicht, wen sie da gerade so entschieden abblitzen lässt. Doch als Arvid schließlich verschwindet, muss sie sich eingestehen, dass der selbstgefällige Fremde mehr Eindruck hinterlassen hat, als ihr lieb ist.


Ryan nutzt die Gunst der Stunde für ihre Pause. Der Pub hat sich geleert, der Mittagsansturm ist vorbei, und es herrscht eine angenehme Ruhe.

Sie holt ihre Tasche aus der Garderobe, winkt den anderen kurz zu und tritt ins Freie. Die Frühlingsluft tut gut. Ryan schlendert entspannt durch die ruhigen Altstadtgassen, wo nur vereinzelt Autos über das Kopfsteinpflaster rollen.

Unterwegs fischt sie ihr Smartphone aus der Tasche und überfliegt die Nachrichten. Eine neue Bilddatei von ihrer Mutter: Die Katze fläzt sich auf den Rücken gedreht auf der Fensterbank und lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen.

Ryan muss schmunzeln und tippt im Gehen eine schnelle Antwort – doch genau in diesem Moment knallt es.

Ein harter Aufprall lässt sie zurückstolpern.

Ihr Kopf schnellt hoch, die Stirn augenblicklich in Falten gelegt. Ryan setzt bereits zum Meckern an – doch das Wort bleibt ihr im Hals stecken, als sie direkt in zwei tiefe, braune Augen blickt.

Für einen Herzschlag ist sie völlig aus dem Konzept gebracht. Sie räuspert sich, sammelt ihre Fassung und mustert das Gesicht, das zu diesen Augen gehört.

»Hast du keine Augen im Kopf?«, faucht sie los – obwohl sie genau weiß, dass sie selbst aufs Display gestarrt hat.

Der Typ ihr gegenüber grinst schief, völlig unbeeindruckt von ihrem Ausbruch. »Offenbar sind wir schon zwei, was?«, entgegnet er mit tiefer, ruhiger Stimme. »Du bist in mich reingerauscht. Passt eben, wenn man nur Augen für dieses Scheißding hat.«

Ryan verengt die Augen und wirft einen Blick auf ihr Smartphone, ehe ihr Gesicht noch mehr versteinert. »Wenn du mich hast kommen sehen, hättest du auch einfach ausweichen können«, kontert sie schulterzuckend.

Sie will an ihm vorbeiziehen und die Sache abhaken, doch er tritt ihr gezielt in den Weg.

Erst jetzt sieht sie ihn sich genauer an: Dunkles, mittellanges Haar, das ihm leicht in die Stirn fällt. Unfassbar braune Augen mit einem Blick, der direkt unter die Haut geht. Dazu ein gepflegter Dreitagebart, der die markanten Gesichtszüge betont, und ein von Natur aus leicht gebräunter Teint. Das schlichte schwarze Shirt sitzt genau so eng, dass der athletisch-definierte Körper darunter perfekt zur Geltung kommt. Ein Kerl, der sich seiner Wirkung verdammt bewusst ist.

Und genau das nervt Ryan jetzt schon.

Auch er lässt seinen Blick wandern: Ihre strahlend blauen Augen, die ihn mit einer Mischung aus Genervtheit und Widerstand anfunkeln. Das auberginenfarbene Haar, das einen dramatischen Kontrast zu ihrer hellen Haut bildet, und eine schlanke, feminine Silhouette. Eine absolute Schönheit – das muss er sich selbst zugestehen.

Bevor er etwas sagen kann, macht Ryan einen Ausfallschritt zur Seite. »Ich verschwende meine Pause nicht mit diesem Kinderkram«, sagt sie kühl und zieht weiter.

Arvid denkt nicht daran, sie einfach ziehen zu lassen. »Dann komme ich eben mit«, erwidert er gelassen und heftet sich an ihre Fersen. Ihm ist längst klar, dass sie keinen blassen Schimmer hat, wer er ist. Keine kreischende Fan-Reaktion, kein Getue. Genau das gefällt ihm.

Ryan stoppt abrupt, wirbelt herum und lacht trocken auf. »Sag mal, was wird das hier?«

Er hebt eine Braue. »Ich begleite dich. Für einen Kaffee wirst du ja wohl Zeit haben.« Seine Stimme ist ruhig, duldet aber eigentlich keinen Widerspruch.

Ryan funkelt ihn an. »Nein, habe ich nicht. Es ist nur eine kurze Mittagspause und ich habe Besorgungen zu machen.«

Er legt einen Zahn zu, tritt vor sie und läuft rückwärts weiter, um sie nicht aus den Augen zu verlieren.

»Verrätst du mir wenigstens deinen Namen?«, fragt er mit einem amüsierten Grinsen.

Ryan muss sich beherrschen, nicht zu schmunzeln. Sie verzieht den Mund, blickt demonstrativ zur Seite und zuckt die Schultern. »Warum sollte ich?«

»Weil ich ihn wissen will«, erwidert er mit gewohnter Selbstverständlichkeit.

Ryan atmet leise durch. »Ryan«, gibt sie schließlich nach.

Er nickt anerkennend. »Selten. Und verdammt schön.«

Ryan zieht einen Mundwinkel hoch. »Und deiner?«

Er zögert kurz, amüsiert über die Tatsache, dass sie wirklich keine blasse Ahnung hat. Dann schmunzelt er. »Arvid.«

»Nie gehört. Hat das eine Bedeutung?«

Arvids Lächeln wird breiter. »Altnordisch. Bedeutet so viel wie Adler im Wald oder Hüter des Waldes.«

Ryan lacht leise auf und schüttelt den Kopf. »Passt ja …«

»Warum?«, grinst er.

Sie kneift die Augen leicht zusammen. »Weil du dich wie ein Raubvogel verhältst. Aufmerksam, lauernd – und du lässt nicht locker.«

Arvid lässt das schiefe Grinsen aufblitzen. »Tja. Vielleicht bin ich das. Und vielleicht bist du meine Beute.«

»Träum weiter, Raubvogel«, schnaubt Ryan und geht an ihm vorbei.

Arvid stößt ein tiefes, kehliges Lachen aus, das kurz zwischen den alten Häuserfronten widerhallt. Sein Blick bleibt fest auf ihr verankert – neugierig und fordernd.

»Ryan …«, kostet er ihren Namen auf der Zunge ab. »Klingt kühl. Unnahbar. Wie jemand, der eine Mauer hochzieht.«

Ryan schmunzelt. »Tja, falsch gedacht.«

Er hebt interessiert eine Braue. »Ach ja? Und was bedeutet dein Name wirklich?«

Sie sieht ihn von der Seite an. »Kommt aus dem Gälischen. Bedeutet kleiner König.«

Arvid mustert sie amüsiert. »Kleiner König?«

»Genau.«

Er beugt sich im Gehen leicht zu ihr, die braunen Augen blitzen herausfordernd. »Und, kleine Königin – regierst du dein Reich mit harter Hand?«

Ryan verschränkt die Arme vor der Brust und sieht ihn direkt an. »Kommt ganz darauf an, wer sich hineinwagt.«

Arvid lacht amüsiert. »Na, dann hoffe ich, dass ich nicht gleich verbannt werde.«

»Noch nicht«, raunt Ryan geheimnisvoll und zieht weiter. »Aber du bist nah dran.«

In der Innenstadt herrscht das gewohnte Nachmittagsleben. Menschen schlendern an den Schaufenstern vorbei, Motorengeräusche mischen sich unter die ruhigen Akkorde eines Straßenmusikers.

Ryan bleibt stehen und wendet sich zu Arvid. »So. Ich muss zur Bank. Da brauchst du mich definitiv nicht begleiten.«

Er verschränkt die Arme vor der Brust, die Augen blitzen herausfordernd. »Warum nicht? Vielleicht will ich aber.«

Ryan schnaubt. »Warum sollte ich beim Geldabheben Gesellschaft brauchen?«

»Reine Höflichkeit«, zuckt er mit den Schultern.

»Nein, danke. Ich bin groß genug, um das alleine hinzubekommen.«

Arvids Blick verengt sich. Abweisungen gehören nicht zu seiner Welt – weder von Frauen noch sonst wem. Normalerweise kriegt er, was er will.

Doch Ryan spielt sein Spiel nicht mit.

»Na gut.« Er mustert sie noch für einen Sekundenbruchteil, ehe er genervt den Kopf schüttelt. »Wie du willst.«

Kühl und ohne ein weiteres Wort dreht er ab.

Ryan sieht ihm kurz hinterher. Tja, du wirst dich wohl daran gewöhnen müssen, dass nicht jeder nach deiner Pfeife tanzt.

Ohne den Vorfall weiter an sich heranzulassen, steuert sie die Filiale an – allein, genau wie geplant.

Arvid marschiert währenddessen mit den Händen in den Jeansbügeln tiefer in die Fußgängerzone. Der Kiefer ist fest angespannt, die Laune im Keller. Dass sie keinen blassen Schimmer hat, wer er ist, wurmt sein Ego deutlich mehr, als er sich eingestehen will.

Mit einigem Abstand folgt ihm sein Leibwächter – ein schrankgroßer Schatten, den Arvid im Alltag kaum noch wahrnimmt.

Als Ryan die Bank verlässt und die Scheine in der Börse verstaut, atmet sie durch. Ihr Blick wandert automatisch zu der Ecke, an der sie ihn stehen gelassen hat.

Leer. Er ist weg.

Sie blinzelt, überrascht über den leisen Stich der Enttäuschung. Was zur Hölle?

Ryan schüttelt den Kopf, als könnte sie das Gefühl einfach abschütteln. Was interessiert es sie, ob dieser Kerl noch da steht oder nicht?

Auf dem Rückweg durch die Altstadt schlägt der Duft von frischem Gebäck aus einer Bäckerei an ihre Nase. Sie holt sich eine Zimtschnecke – der süße, würzige Geschmack tut jetzt genau richtig.

Als sie das September betritt, schallt ihr bereits Davids aufgeregte Stimme entgegen.

»Ey, ihr habt keine Ahnung, was für eine krasse Show die abliefern! Feuer, Licht, Nebel – das ist eine verdammte Inszenierung!«

Ryan verdreht die Augen. Dass er sich aber auch immer so reinsteigern muss. Bis vorhin wusste niemand, dass David überhaupt auf Metal steht.

»Ich sag’s euch, das ist Next-Level-Zeug!«, redet David ohne Punkt und Komma weiter. »Und Arvid hat eine Bühnenpräsenz, das ist nicht normal! Ich sag euch …«

Malu stöhnt genervt. »Ich komme ja schon mit! Bevor du mir noch das zweite Ohr abkaust.«

Ryan bringt ihre Tasche nach hinten, lehnt sich an die Bar und sieht zu Sascha, der trocken rüberlinst. »Was hat er denn?«

»Lass ihn«, schnaubt Ryan amüsiert. »Heute ist er in seinem Element.«

Der Nachmittag zieht sich zäh dahin. Zu ruhig. Die wenigen Mittagsgäste verabschieden sich nach und nach. Wenn der Abend genauso verläuft, sind sie völlig überbesetzt.

Ryan stützt das Kinn in die Hand und starrt ins Leere. Eigentlich sollte sie über Rettungsstrategien für den Pub brüten. Doch ihre Gedanken biegen stur ab.

Arvid.

Obwohl sie es nicht wahrhaben will: Er hat Eindruck hinterlassen. Es wurmt sie. Er war arrogant, überheblich – genau das Schema Mann, um das sie einen Bogen macht. Und doch …

Ein sanfter Druck auf ihrer Schulter holt sie zurück. »Alles in Ordnung?«, fragt Tasja ruhig.

Ryan blinzelt, kurz ertappt. »Ja, alles gut. Nur wieder verdammt ruhig heute.«

Tasja klopft ihr aufmunternd auf die Schulter. »Wird schon wieder.«

Ryan atmet durch und zwingt sich zur Räson. Bloß nicht wegen irgendeines Kerls den Kopf verlieren.

Der Abend bringt keine Wende. Malu und David haben sich frühzeitig zum Konzert verabschiedet, und nun haben auch die letzten Gäste den Laden verlassen. Stille legt sich über den Gastraum.

Ryan leert ihren Kaffeebecher. Ihr Blick wandert zum alten Klavier in der Ecke. Ihr Großvater hat es ihr als Kind beigebracht; hin und wieder spielt sie darauf. Nicht perfekt, aber mit Gefühl.

Sie tritt hinüber, lässt die Finger über die Tasten gleiten und setzt sich. Ein tiefer Atemzug, dann weben sich die ersten sanften Akkorde zu einer Melodie. Ryan schließt die Augen und versinkt in den Klängen.

Hinter der Bar lehnt Sascha mit einem Glas in der Hand. Er sagt nichts, stört sie nicht – er lässt sie einfach spielen.