Kapitel 28 - Nur noch eine knappe Stunde
Während Arvid sehnsüchtig auf ein Lebenszeichen von Ryan wartet, sitzt sie längst im Auto und kommt ihm mit jedem Kilometer näher. Am Telefon muss Ryan erfinderisch werden, damit ihre Überraschung nicht auffliegt – gar nicht so einfach bei Arvids Aufmerksamkeit. Zwischen Zukunftsträumen, ehrlichen Gefühlen und seiner kompromisslosen Sorge um sie wächst ihre Vorfreude ins Unermessliche. Noch ahnt Arvid nicht, dass sein größter Wunsch bereits auf dem Weg zu ihm ist.
Das Meet & Greet zieht sich wie zäher Kaugummi. Dieselben einstudierten Phrasen, dieselben erwartbaren Antworten – eine Routine, die der Band längst in Fleisch und Blut übergegangen ist. Und doch lauern immer wieder Fans darauf, eine winzige private Anekdote aus ihnen herauszukitzeln.
Arvid steht unausweichlich im Zentrum des Sturms. Die Boulevardblätter und Jugendmagazine zerreißen sich das Maul über ihn. Jeder giert nach einer exklusiven Enthüllung, während verflossene Affären plötzlich aus der Versenkung auftauchen, um sich im Scheinwerferlicht ein paar Minuten Aufmerksamkeit zu ergaunern.
Er ignoriert den medialen Müll konsequent. Doch sein Management hält ihm die Artikel ungefragt vor die Nase – PR, Sponsoren, Imagekontrolle. Arvid interessiert bei alldem nur eine einzige Personalie: Ryan. Er liest, wie sie die Schikanen erträgt, und ist unendlich stolz auf ihre Standhaftigkeit. Unsummen wurden ihr für exklusive Enthüllungen geboten. Sie hätte über Nacht abkassieren können, doch sie lässt die Geier eiskalt abblitzen.
Als er auf dem Weg zurück ins Hotel über ein Bild stolpert, das sie mit Sonnenbrille und versteinerter Miene vor ihrer Haustür zeigt, kocht die Wut in ihm hoch. Die permanente Belagerung zerrt an ihr – und genau das treibt ihn fast in den Wahnsinn.
Erschöpft lässt er sich auf das Hotelbett fallen und legt einen Unterarm über die brennenden Augen. Endlich zwei Stunden Leerlauf vor dem Gig, doch sein Kopf weigert sich, zur Ruhe zu kommen. Er greift nach dem Smartphone und starrt auf das leere Postfach. Keine einzige Nachricht. Kein »Denk an dich«, kein albernes Meme. Stille.
Hatte sie Schicht im Pub? War etwas vorgefallen?
Plötzlich vibriert das Telefon in seiner Hand. Ryans Name leuchtet auf. Ohne eine Millisekunde zu zögern, wischt er über das Display.
»Hey«, entfährt es ihm mit spürbarer Erleichterung.
»Hey, Rockstar«, klingt ihre vertraute Stimme durch den Lautsprecher.
Arvid schließt die Augen und lässt die Anspannung von sich abfallen. Doch etwas an ihrem Tonfall lässt ihn aufhorchen – sie klingt gelöst, beinahe aufgeregt. Und im Hintergrund surrt ein monotones Fahrgeräusch.
»Bist du auf dem Weg in den Pub?«, hakt er nach.
Ryan zögert kurz, ehe ein Schmunzeln durchdringt. »Nicht ganz. Ich muss dringend meinen Kühlschrank füllen, sonst verhungere ich elendig.«
Arvid lacht leise auf. »Das wäre ein verflucht herber Verlust.«
»Machst du dich schon fertig für die Show?«, fragt sie.
Er fährt sich stöhnend durch die Haare. »Wenn der Auftritt genauso miserabel läuft wie der Soundcheck vorhin, kann ich mir morgen einen neuen Job suchen. Meine Stimme ist heute völlig im Eimer.«
Ryan runzelt auf dem Beifahrersitz die Stirn. »Wieso? Was ist los?«
»Keine Ahnung. Kratzig, belegt – ich treffe die Höhen nicht. Wenn ich nachher klinge wie ein röhrender Hirsch, fliegen mir die faulen Tomaten um die Ohren.«
»Ach, Unsinn«, neckt sie ihn sanft. »Deine Fans verehren dich. Selbst wenn du zwei Stunden lang nur ins Mikrofon keuchst, fallen die Reihenweise in Ohnmacht.«
»Schön wär's. Das Management sieht das garantiert anders.«
»Dann brauchst du jetzt strikte Ruhe. Heißen Tee. Und mich.«
»Definitiv dich«, raunt er mit heiserer Wärme. »Am besten auf der Stelle.«
Ryan beißt sich auf die Lippen, das Geheimnis liegt ihr fast auf der Zunge. »Tja, dann bräuchten wir jetzt wohl einen Beamer wie auf der Enterprise.«
Arvid lacht leise. »Beam me up, Scotty.«
»Exakt. Dann könntest du die Tour ganz entspannt durchziehen.«
»Von mir aus könnte der ganze Zirkus lieber heute als morgen vorbei sein«, seufzt er und starrt an die weiße Zimmerdecke. »Ich liebe die Bühne, aber dieses ewige Unterwegssein frisst mich auf. Ich brauche Urlaub.«
»Und wohin würde die Flucht gehen?«
»Irgendwohin, wo es warm ist. Ans Meer. Weißer Sand, Sonne … und du. Mehr brauche ich nicht, um glücklich zu sein.«
Ryan schließt für einen Moment die Augen und stellt sich das Rauschen der Wellen vor – Hand in Hand mit ihm am Strand. »Dann nageln wir das fest. Ich will hier nämlich auch dringend raus.«
»Reiz mich nicht, sonst buche ich morgen früh zwei Tickets ins Paradies.«
»Vielleicht solltest du genau das tun«, frotzelt sie.
»Klar, ich hinterlasse dem Label einfach einen Zettel: Bin dann mal weg. Verdammt, Ryan … du bist echt die beste Idee, die ich je hatte.«
Ryan lacht gespielt pikiert auf. »Eine Idee? Na herzlichen Dank auch!«
»Du weißt ganz genau, wie ich das meine«, murmelt er grinsend. »Du bist das Beste, was mir in diesem Leben passieren konnte.«
»Schon viel besser.«
Für ein paar Herzschläge herrscht vertraute Stille, bis Arvid erneut die Stirn runzelt. Das dumpfe Rumpeln von Reifen auf Asphalt ist unüberhörbar.
»Sag mal … wo fahrt ihr eigentlich zum Einkaufen hin?«, fragt er argwöhnisch. »Das klingt verdammt nach Autobahn.«
Ryan hält den Atem an. Verdammt. Er merkt einfach alles.
Rasch fängt sie sich und blickt zu Steve hinüber, der am Steuer nur trocken grinst. »Steve dreht einfach noch ein paar Runden durch die Außenbezirke, damit die Fotografen vor meinem Haus die Fährte verlieren und wir ungestört quatschen können.«
Eine kurze Pause entsteht am anderen Ende der Leitung, ehe Arvids amüsiertes Schnauben zu hören ist. »Guter Mann.«
Ryan atmet lautlos aus und lächelt verschmitzt in den Rückspiegel. »Finde ich allerdings auch.«
Ryan fällt plötzlich wieder ein, was Steve vorhin ausgeplaudert hat. Sie beißt sich auf die Lippe, wägt kurz ab und beschließt, das Thema sofort aus der Welt zu schaffen. Wenn sie nachher aufeinandertreffen, soll kein falscher Zwischenton ihre gemeinsame Zeit trüben.
»Steve hat sich übrigens verplappert«, wirft sie beiläufig ein.
Arvids Stimme wird schlagartig misstrauisch. »Womit?«
Ryan versucht, verärgert zu klingen, doch die Erleichterung in ihrer Brust macht ihr einen Strich durch die Rechnung. »Dass du ihn aus eigener Tasche bezahlst, um mich abschirmen zu lassen.«
Am anderen Ende der Leitung folgt ein leiser, schwerer Seufzer. »Ja, das tue ich. Und du wirst es mir nicht ausreden können, Ryan. Ich will dich in Sicherheit wissen. Selbst wenn mich das jeden verdammten Cent auf meinem Konto kosten würde – du bist es mir wert.«
Ryans Herz setzt einen Schlag aus. Gegen diese unerschütterliche Loyalität kommt sie nicht an. Ein weiches Lächeln stiehlt sich auf ihre Züge.
»Und wer passt auf dich auf?«, fragt sie leise.
Arvid schweigt kurz, ehe er mit rauer Stimme erwidert: »Für die Tour habe ich andere Leute. Mach dir um mich keinen Kopf.« Er wirft einen Blick auf die Uhr. »Ich muss mich fertig machen. Die Maske ruft.«
Ryan spürt das aufgeregte Kribbeln in ihrem Bauch wieder aufflammen. Nur noch wenige Kilometer trennen sie. »Ich weiß. Bring die Halle zum Kochen und schon deine Stimme.«
»Ich trinke noch einen Tee, dann hält sie schon durch«, murmelt er. »Ich melde mich, sobald ich zurück im Hotelzimmer bin.«
»Mach das. Ich liebe dich.«
»Ich dich auch, Ryan. Bis später.«
Sie beendet das Telefonat und lässt das Smartphone auf den Schoß sinken. Neben ihr steuert Steve den Wagen geschmeidig über den Asphalt. Nur noch eine knappe Stunde.
Im Hinterhof des September brennt derweil die Abendsonne erbarmungslos auf das frische Terrakotta-Pflaster. Sascha und David wuchten die neu gelieferten Massivholztische an ihren Platz. Drinnen schmeißt Malu den Laden, unterstützt von Tasja, die für die abwesende Ryan an der Bar aushilft.
David lässt seine Tischhälfte mit einem gequälten Stöhnen auf die Platten krachen, stemmt die Hände auf die Knie und ringt theatralisch nach Luft. »Was zum Teufel sind das für Monstermöbel?! Das sind doch keine Tische, das sind massive Sarkophage!« Er wischt sich den Schweiß von der Stirn und lehnt sich mit hängenden Schultern an die Mauer. »Das war’s. Ich kündige. Ich gehe in die Verwaltung. Bürojob mit ergonomischem Drehstuhl!«
Sascha setzt seinen Tisch geräuschlos ab und mustert ihn mit trockenem Amüsement. »Klar doch. Du und acht Stunden am Schreibtisch? Nach spätestens drei Tagen gehst du den Aktenordnern an die Gurgel.«
»Überhaupt nicht!«, zetert David. »Ich hätte geregelte Pausen, eine eigene Siebträgermaschine und vor allem Stühle, die man nicht erst mit dem Kran anheben muss!« Er deutet anklagend auf das schwere Eichenholz.
Sascha lacht auf und klopft ihm kameradschaftlich auf die Schulter. »Komm schon, David. Die Hälfte steht. Noch zehn dramatische Zusammenbrüche von dir, dann haben wir Feierabend.«
David stößt einen Seufzer aus, packt aber widerwillig die nächste Platte an. »Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob das hier Liebe zum Beruf oder reine Selbstgeißelung ist.«
Drinnen im Schankraum bahnt sich Malu routiniert ihren Weg durch die vollbesetzten Reihen. Am Ecktisch hat sich eine jüngere Clique niedergelassen, die auffallend laut tuschelt und den Pub mustert.
»Sechs Cola«, wiederholt Malu freundlich, als sich einer der Typen mit schiefem Grinsen zu ihr vorbeugt.
»Sag mal, bedient Ryan heute nicht?«, fragt er betont beiläufig.
Malu fixiert ihn mit kühler Gelassenheit. »Warum wollt ihr das wissen?«
Das Mädchen neben ihm kichert gehässig. »Wir wollten uns dieses Phänomen bloß mal aus der Nähe ansehen. Wie es so ist, von Arvids kleiner Tour-Schlampe abkassiert zu werden.«
Für einen Wimpernschlag erstarrt die Luft am Tisch.
Malu zieht langsam eine Augenbraue hoch. Keine Miene verzieht sich in ihrem Gesicht. Sie hat in Jahren hinter dem Tresen genug niveaulose Pöbeleien erlebt, um sich von einem unreifen Fangirl nicht aus der Fassung bringen zu lassen.
»Sechs Cola. Geht klar«, erwidert sie mit eiskaltem, professionellem Lächeln.
Der Typ blinzelt irritiert über die ausbleibende Eskalation.
Malu dreht sich um, marschiert zur Bar und lässt die Eiswürfel mit festem Schwung in die Gläser fallen. In ihren Fingern kocht die Wut. Ryan würde solche Gehässigkeiten wohl stumm herunterschlucken – doch Malu verspürt den dringenden Drang, der Truppe das Tablett vor die Füße zu knallen.
Sie atmet tief durch, greift die vollen Gläser und steuert mit aufrechtem Gang wieder auf die Gruppe zu. Eins nach dem anderen stellt sie die Drinks ab, ehe sie sich über die Tischkante beugt und jedem Einzelnen tief in die Augen blickt.
»Sechs Cola«, sagt sie mit zuckersüßer Stimme. »Und noch ein gut gemeinter Ratschlag fürs nächste Mal: Wenn ihr wieder irgendwo aufkreuzt, nur um euren Frust an Fremden abzuladen, kippt euch das Zeug am besten gleich selbst über den Kopf. Spart allen Beteiligten eine Menge Zeit.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, wirbelt sie auf dem Absatz herum und lässt die Gruppe mit offenen Mündern zurück.