Kapitel 15 - Nur der Typ auf meinem Sofa
Während im September fleißig am neuen Hinterhof gearbeitet und über Ryans verdächtigen freien Tag spekuliert wird, versucht sie selbst noch, Arvids Wahrheit zu begreifen. Zwischen Konzertmitschnitten, Interviews und dem ungewohnten Glanz seines Rockstarlebens wachsen ihre Zweifel. Doch ein Blick auf den Mann, der friedlich auf ihrer Couch schläft, erinnert sie daran, in wen sie sich eigentlich verliebt hat. Und auch Arvid spürt am nächsten Morgen: Zwischen ihnen hat sich etwas verändert, das ihm gleichzeitig verdammt gut gefällt und gehörige Angst macht.
Tasja lehnt sich auf ihren Rechen und schnaubt amüsiert. »David, du bist doch der Erste, der rumjammert, wenn der Hof wie ein Urwald aussieht. Also tu nicht so, als wärst du hier das unschuldige Opfer.«
David seufzt theatralisch und wirft den Kopf in den Nacken. »Ach, Tasja … Ich bin nun mal ein Mann der Ästhetik! Natürlich will ich es schön haben, aber gibt es dafür keine geschmeidigere Lösung? Vielleicht einen chemischen Zaubertrank gegen Unkraut?«
Malu lacht schallend. »Genau, David. Ich heuere uns schnell eine Hexe an, die einmal mit dem Zauberstab schwingt.«
Sascha schmunzelt und stützt sich auf seine Schaufel. »Oder du bittest Ryan, das Grünzeug einfach mit einem magischen Trick im Hut verschwinden zu lassen.«
David schnaubt gespielt gekränkt. »Sehr witzig! Ich bin feingeistiger Künstler, kein Erdarbeiter! Diese Hände wurden für sanfte Berührungen geschaffen, nicht für grobes Unkrautjäten!«
Tasja lacht auf und pfeffert ihm treffsicher einen Gartenhandschuh an den Kopf. »Dann pass bloß auf, dass du dir keine Blasen holst, du Künstler.«
David rollt mit den Augen, setzt sich dramatisch auf einen umgestürzten Blumentopf und stöhnt auf. »Ich sage euch … Sollte ich diesen Fronpartie überleben, erwarte ich ein lebensgroßes Denkmal mitten in diesem Hof.«
Malu klopft ihm grinsend auf die Schulter. »Ich schnitze dir persönlich eins aus Löwenzahn.«
Die Schufterei geht weiter, begleitet von schallendem Gelächter. Trotz der brennenden Muskeln tut es gut, gemeinsam etwas aufzubauen.
Plötzlich reißt David die Augen weit auf und lässt die Harke entsetzt fallen. »Moment mal! Ryan hat sich heute frei genommen?! Und keiner hält es für nötig, mich einzuweihen?!«
Malu und Tasja tauschen einen amüsierten Blick, während Sascha nur unbeeindruckt die Schultern zuckt. »Ja, hat sie. Irgendwas mit Familie, meinte sie.«
David schnappt hörbar nach Luft und schlägt sich die Hand auf das Herz. »Familienkram? Ryan?! Die Frau, die allerhöchstens dann frei nimmt, wenn sie sich mit vierzig Fieber in die Horizontale zwingt?« Er springt auf und fängt an, wie ein aufgescheuchtes Huhn hin und her zu laufen. »Nein, nein, nein. Das ist höchst verdächtig! Da steckt etwas ganz Schreckliches dahinter!«
Tasja sieht ihn mit hochgezogener Braue an. »David, entspann dich mal wieder. Es ist garantiert nichts Wildes.«
»Nicht wild?!«, brüllt David und reißt die Hände gen Himmel. »Vielleicht hat der Friseur ihre Haare ruiniert! Oder noch schlimmer – ihr Lieblingsshirt ist in der Wäsche eingelaufen! Oder, o Gott, sie hat sich ein Loch in die Jeans gerissen!«
Malu lacht laut auf. »David, wir reden von Ryan. Die dreht nicht mal durch, wenn ihr ein Fingernagel abbricht.«
David bleibt wie angewurzelt stehen, verengt die Augen zu schmalen Schlitzen und fixiert sie. »Und woher nimmst du diese absolute Gewissheit?«
Sascha schüttelt schmunzelnd den Kopf. »Sie hat sich einen freien Tag gegönnt, David. Das ist alles. Vielleicht besucht sie schlicht ihre Mutter.«
David schnaubt ungläubig. »Vielleicht wurde sie auch von Aliens entführt und bekommt gerade eine Gehirnwäsche verpasst!«
Tasja lacht und klopft ihm mit dem Stiel der Harke leicht auf den Rücken. »Dann hoffen wir inständig, dass sie nicht als völlig fremdes Wesen zurückkehrt.«
David verschränkt stur die Arme und runzelt die Stirn. »Ich werde dieser Verschwörung auf den Grund gehen. Sobald sie auftaucht, unterziehe ich sie einem harten Verhör!«
Sascha seufzt gespielt verzweifelt. »Ich fürchte, diesen Zahn werden wir ihm nicht ziehen können.«
Malu grinst. »Ganz sicher nicht.«
Und während David weiter vor sich hin murmelt und die abstrusesten Theorien spinnt, arbeitet die Truppe gelassen weiter – längst gewöhnt an das alltägliche Drama ihres liebsten Künstlers.
Ryan schüttelt ungläubig den Kopf und seufzt leise, während sie durch die zahllosen Suchergebnisse scrollt. Es ist absolut surreal. Arvid ist schlicht überall.
Sie klickt auf ein Video – ein hochauflösender Live-Mitschnitt von einem Festival. Die Bühne ist gigantisch, die Lichtshow bombastisch, und dann schwenkt die Kamera auf ihn: Arvid, ganz in Schwarz, das Mikrofon fest umklammert. Seine Stimme füllt das Stadion – rau, gewaltig und geladen mit purer Emotion.
Ryan runzelt die Stirn. »Okay, zugegeben … die Stimme hat verdammt noch mal was.«
Sie beißt sich auf die Unterlippe und lehnt sich gegen das Kopfteil ihres Bettes. Metal ist eigentlich so gar nicht ihre Welt, aber sie kann unmöglich leugnen, dass Arvid im Scheinwerferlicht eine gewaltige Aura ausstrahlt. Er beherrscht die Bretter mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte er nie etwas anderes getan.
Sie klickt weiter zu einem Talk-Segment. Arvid fläzt auf einem schwarzen Ledersessel, leger gestylt, mit genau diesem selbstbewussten Schmunzeln auf den Lippen. Die Moderatorin überhäuft ihn mit Fragen über die Tour, die Songs und seine Inspiration. Er antwortet souverän – charmant, schlagfertig, aber stets mit dieser Nuance von Überheblichkeit, die ihn so gefährlich faszinierend macht.
Ryan verdreht schmunzelnd die Augen. »Natürlich bringt er auch noch Schlagfertigkeit mit. Na hervorragend.«
Sie lässt das Smartphone auf ihren Schoß sinken und atmet tief durch. Wie um alles in der Welt soll das funktionieren? Er ist ein gefeierter Frontmann, ständig auf Achse, belagert von Fans und Medien. Und sie? Sie ist schlicht Ryan – kellnert im September und hat gerade erst gelernt, Schutzmauern einzureißen und wieder Vertrauen zuzulassen.
Und doch … Sie kann sich beim besten Willen nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal so intensiv nach der Nähe eines Menschen gesehnt hat.
Sie atmet die Zweifel aus, legt das Handy auf den Nachttisch und macht sich auf den Weg ins Bad. Im Vorbeigehen wirft sie einen Blick ins Wohnzimmer. Arvid liegt noch völlig entspannt im Halbdunkel auf der Couch und schläft tief.
Ryan verharrt einen Augenblick. Während sie seine ruhigen Züge beobachtet, wandern ihre Gedanken automatisch zurück zu diesem intensiven Kuss. Für einen Moment verblasst der ganze Trubel aus den Internetvideos. Es zählt nur der Typ auf ihrem Sofa.
Mit einem leisen Lächeln geht sie weiter ins Bad und dreht die Dusche auf.
Arvid streckt sich langsam und gähnt leise, bevor er sich aufsetzt. Die Decke rutscht von seinem Oberkörper, und er fährt sich mit den Fingern durch das zerzauste Haar. Sein Blick wandert durch das Wohnzimmer, das allmählich vom warmen Morgenlicht geflutet wird. Es dauert einen kurzen Augenblick, bis sein Kopf vollständig hochfährt – doch dann trifft ihn die Erinnerung an die vergangene Nacht mit voller Wucht.
Ryan.
Ein unwillkürliches Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen. Der Kuss. Ihre weichen Lippen, die Art, wie sie sich an ihn geschmiegt hat – als würde plötzlich jedes einzelne Puzzleteil an den richtigen Platz rücken. Er lehnt sich gegen die Polster und atmet tief durch. Das hier fühlt sich grundlegend anders an als alles, was er bisher kannte. Und genau diese Eigendynamik jagt ihm eine Riesenangst ein.
Aus dem Bad dringt das leise Rauschen der Dusche. Sie ist also längst munter. Arvid streckt die müden Glieder durch, lässt den Kopf nach hinten sinken und fischt sein Smartphone vom Couchtisch. Ein Blick aufs Display: Viel zu früh für einen Rockstar, denkt er schmunzelnd.
Er rappelt sich auf, streift sich das Shirt über den Kopf und tritt ans Fenster. Draußen ist die Stadt bereits erwacht. Passanten eilen über die Bürgersteige, der Berufsverkehr rollt durch die Straßen. Die Welt dreht sich stur weiter wie eh und je – nur in seinem Leben hat sich über Nacht alles verschoben.
Als das Prasseln der Dusche verstummt, dreht er sich um. Einen kurzen Moment spukt der Gedanke durch seinen Kopf, sich einfach wieder hinzuhauen und den Schlafenden zu mimen, aber wozu das Theater? Stattdessen lässt er sich gelassen auf das Sofa zurücksinken.
Mit wachen Augen fixiert er die Badezimmertür – gespannt darauf, wie Ryan ihm gleich entgegentreten wird.
Ryan tritt aus dem Bad, eine leichte Dampfwolke folgt ihr, während sie sich mit einem Handtuch durch das feuchte Haar fährt. Sie hat es nach hinten gekämmt, und erste Strähnen beginnen bereits, sich in sanften Wellen zu lösen. Ihr Gesicht ist vollkommen ungeschminkt, die blauen Augen strahlen im reinen Kontrast zu der leichten Wärme auf ihren Wangen umso intensiver.
Arvid fläzt auf der Couch, den Arm lässig auf die Lehne gestützt, und mustert sie wortlos. Sein Blick wandert langsam über ihr Gesicht, bleibt für einen Herzschlag an ihren Lippen hängen, ehe er weiter über ihre Schultern und den weichen Stoff ihrer frischen Kleidung gleitet. Sie sieht so vollkommen natürlich aus, so unangepasst – und genau das trifft ihn mit voller Wucht.
Ryan entgeht sein intensiver Blick nicht. Sie hebt eine Braue. »Was?«, fragt sie mit einem feinen Schmunzeln.
Arvid schüttelt milde den Kopf, seine Mundwinkel zucken nach oben. »Gar nichts«, raunt er leise. »Ich schaue nur.«
Ryan lacht leise auf und schlendert hinüber zum Sofa. »Und? Kommst du zu irgendeinem brauchbaren Ergebnis?«
Arvid lehnt sich weiter zurück und verschränkt die Arme vor der Brust. »Allerdings«, sagt er mit einem schelmischen Grinsen. »Du bist verdammt schön, Ryan.«
Sie stockt für den Bruchteil einer Sekunde. Eigentlich will sie ihm augenblicklich eine gewohnt schlagfertige Antwort an den Kopf werfen, doch das plötzliche Kribbeln unter ihrer Haut macht jede scharfe Bemerkung zunichte. Stattdessen schenkt sie ihm nur einen amüsierten, überraschten Blick.