Kapitel 22 - Kopfüber ins kalte Wasser


Im September wird Arvid nicht als Rockstar, sondern als der Mann an Ryans Seite willkommen geheißen – und besteht dabei sogar die kritische Prüfung ihrer Freunde. Doch die unbeschwerte Stimmung hält nicht lange an. Schon am nächsten Morgen machen die ersten Schlagzeilen aus ihrer Beziehung eine öffentliche Angelegenheit und Ryan bekommt mit voller Wucht zu spüren, was Arvids Leben im Rampenlicht bedeutet. Statt sich davon vertreiben zu lassen, trifft sie eine klare Entscheidung: Sie steht zu ihm – ganz gleich, was draußen auf sie wartet.


Arvid lehnt sich entspannt zurück, nimmt einen Schluck von seinem Kaffee und lässt den Blick über die gespannten Gesichter am Tisch wandern. Besonders David fixiert ihn mit leuchtenden Augen, als säße der leibhaftige Heilige Gral vor ihm.

»Also mal Hand aufs Herz«, setzt David an, verschränkt die Arme und beugt sich neugierig vor. »Ist das Rockstar-Dasein wirklich so wild, wie man es sich ausmalt? Exzesse, Tourbus-Skandale, Groupies ohne Ende?«

Arvid lacht leise auf und schüttelt den Kopf. »Wenn man den Boulevardblättern Glauben schenkt, definitiv. In der Realität ist es vor allem eins: verdammt harte Arbeit. Du bist pausenlos auf Achse, siehst deine Familie monatelang kaum und lebst ausschließlich aus dem Koffer. Die Konzerte sind der pure Wahnsinn – dieses Adrenalin, die Wucht des Publikums. Aber sobald du von den Brettern steigst, bist du schlichtweg erschöpft.«

Malu schmunzelt amüsiert. »Klingt jetzt allerdings nicht nach dem klassischen Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll.«

Arvid verzieht den Mund zu einem schiefen Lächeln. »Glaub mir, diese Phase gab es auch. In den ersten Jahren nimmst du jeden Rausch mit. Doch irgendwann nutzt sich das komplett ab.« Sein Blick gleitet hinüber zu Ryan, die ihn mit einem warmen Lächeln mustert. »Heute zählen für mich ganz andere Dinge.«

David stößt einen tiefen, dramatischen Seufzer aus. »Ich fasse es einfach nicht! Ausgerechnet Ryan zähmt einen internationalen Frontmann. Sie, die mit harter Musik absolut nichts am Hut hat! Das grenzt an kulturellen Hochverrat!«

Ryan rollt mit den Augen. »Nun übertreib mal nicht, David. Ich habe nichts gegen gute Songs – Metal ist bloß nicht mein bevorzugtes Genre.«

»Das kriegen wir schon noch hin«, frotzelt Arvid und zwinkert ihr zu.

Sascha stützt die Unterarme auf die Tischplatte und mustert ihn aufmerksam. »Wie extrem ist das eigentlich mit den Fans? Gibt es da wirklich so heftige Grenzüberschreitungen?«

Arvid lacht trocken. »Du machst dir keine Vorstellung. Manche reisen dir quer durch Europa hinterher oder schreiben dir jahrelang Nachrichten, als wäre man seit dem Sandkasten befreundet. Und dann gibt es die wirklich dreisten Fälle, die in Hotels eindringen oder sich backstage verstecken.«

Malu reißt ungläubig die Augen auf. »Im Ernst jetzt?!«

»Zweimal bisher«, nickt Arvid gelassen. »Beim ersten Mal stand plötzlich eine halbnackte Frau mitten in meiner Suite, weil sie das Reinigungspersonal geschmiert hatte. Beim zweiten Mal schmuggelte sich ein Typ als Tontechniker getarnt in den Backstage-Bereich, bloß um ein Gespräch zu erzwingen.«

David schlägt begeistert mit der flachen Hand auf die Tischplatte. »Großer Gott! Warum widerfährt mir so etwas nie?!«

»Weil du kein weltberühmter Musiker bist, David«, konstatiert Tasja trocken.

David presst die Hand pathetisch aufs Revers. »Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit!«

Arvid grinst amüsiert. »Ich tausche herzlich gern mit dir. Dann darfst du dich mit kreischenden Horden herumschlagen, die felsenfest glauben, dich besser zu kennen als deine eigene Mutter.«

Ryan beobachtet ihn genau. Er bringt die Anekdoten mit gewohnt trockenem Humor rüber, doch unter der lockeren Oberfläche spürt sie die feine Müdigkeit, die diese ständige Belagerung mit sich bringt.

»Und wie viel Mitspracherecht hat euer Management bei alldem?«, hakt Sascha nach.

Arvid seufzt leise und lehnt sich zurück. »Mehr, als mir lieb ist. Die diktieren den Tourplan, reden bei Interviews rein und entscheiden über lukrative Deals. Wenn du nicht spurst, gibt es sofort Gegenwind. Man braucht verdammt dicke Nerven, um sich da Freiräume zu erkämpfen.«

Ryan legt sacht eine Hand auf seinen Unterarm und drückt ihn sanft. Arvid fängt ihren Blick auf und schenkt ihr ein dankbares Lächeln.

David schüttelt noch immer fassungslos den Kopf. »Unfassbar, Ryan. Du angelst dir einen Star und nutzt es nicht mal aus. An deiner Stelle hätte ich längst eine gigantische Fanpage hochgezogen!«

Ryan schnaubt leise. »Ganz bestimmt. Und du hättest als Erster den VIP-Status beantragt.«

»Aber so was von!«, reckt David stolz das Kinn.

Ein herzliches Lachen geht durch die Runde. Zum ersten Mal seit Wochen spürt Arvid, wie die Last der Öffentlichkeit völlig von ihm abfällt – hier ist er schlicht ein willkommener Gast unter Freunden.

Tasja mustert ihn eine Weile schweigend, ehe sie die Frage stellt, die ihr auf den Nägeln brennt – schließlich geht es um Ryan. »Was genau hat dich an Ryan eigentlich so gefesselt?«

Arvid wendet sich Ryan zu und ergreift unter dem Tisch ganz selbstverständlich ihre Hand.

Ihr Puls beschleunigt sich augenblicklich, als seine warmen Finger die ihren umschließen. Sein Blick ist vollkommen offen, frei von jeder Show-Fassade. Eine leichte Röte steigt ihr in die Wangen, als er ansetzt:

»Im ersten Moment war es schlicht ihre Ausstrahlung«, beginnt er mit rauer, leiser Stimme. »Diese unglaublichen blauen Augen und ihr Lächeln. Doch schon nach den ersten Sätzen habe ich gemerkt, wie verdammt schlagfertig sie ist. Nach unserem ersten Kaffee war mir klar: Sie ist klug, hat einen fantastischen Humor und sagt dir die Wahrheit ungeschönt ins Gesicht. Sie redet nichts schön, steht mit beiden Beinen fest im Leben – und was mir unendlich viel bedeutet: Sie hört wirklich zu.«

Er hält kurz inne, während seine Daumenkuppe sanft über ihren Handrücken streicht.

»Und das Kostbarste an alldem: Sie sieht mich als ganz normalen Menschen. Nicht als diese Kunstfigur, die die Öffentlichkeit sehen will. Genau deshalb bin ich heilfroh, dass sie keine Ahnung hatte, wer vor ihr steht.«

Im Schankraum herrscht absolute Stille. Keiner der Anwesenden hatte mit einer derart entwaffnenden Offenheit gerechnet. Alle Blicke ruhen auf den beiden – vor allem auf Ryan, die leise schluckt und sich vollkommen in seinen Augen verliert.

David legt theatralisch beide Hände an die Brust, blinzelt übertrieben und wischt sich eine imaginäre Träne aus dem Augenwinkel. »Mein Gott … das ist so herzzerreißend schön!«

Tasja nickt mit einem zufriedenen Lächeln. »Ich würde sagen: Die Aufnahmeprüfung hat er mit Bravour bestanden.«

Sascha schmunzelt in seinen Bart. »Habe ich doch gleich gesagt.«

Ryan schielt fordernd zu David hinüber. »Und dein Urteil?«

David wirft sich in die Brust und hebt bedeutungsvoll den Zeigefinger. »Meine Liebe, sollte dieser Mann dir jemals das Herz brechen, rücke ich persönlich mit der Schaufel aus dem Hinterhof an.«

Arvid bricht in schallendes Gelächter aus, schlingt den Arm um Ryans Schultern und zieht sie fest an seine Seite. Ryan lehnt sich lachend an seine Brust und spürt tief in ihrem Inneren dieses seltene, vollkommene Gefühl, genau am richtigen Ort angekommen zu sein.

 

Das schrille Klingeln seines Handys reißt Arvid aus dem Schlaf. Er blinzelt gegen die Dämmerung an, tastet über den Nachttisch und sieht den Namen auf dem Display aufleuchten: Liam. Er atmet schwer aus, schält sich behutsam aus dem Bett, um Ryan nicht zu wecken, und eilt mit dem Telefon ins Wohnzimmer.

»Ja?«, meldet er sich mit heiserer Stimme und fährt sich mit der freien Hand durchs Gesicht.

»Sag mal, hast du den verdammten Verstand verloren?!«, brüllt es ihm postwendend entgegen. Arvid hält das Smartphone ein Stück vom Ohr weg und seufzt.

»Guten Morgen, Liam.«

»Nix da mit gutem Morgen! Hast du auch nur die leiseste Ahnung, was gerade abgeht?!« Der Manager klingt, als stünde er kurz vor einem Nervenzusammenbruch.

Arvid reibt sich die Schläfen. »Lass mich raten: Die Paparazzi haben ganze Arbeit geleistet.«

»Wie scharfsinnig von dir!«, wettert Liam. »Die Bilder sind überall! Mindestens zehn Portale berichten über deine neue Affäre. Und in jedem verdammten Artikel wird Ryan als nächste Bettgeschichte in der Reihe deiner Tour-Eroberungen abgestempelt!«

Arvids Magen zieht sich schmerzhaft zusammen. Er ballt die Faust und beginnt, unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Das ist eine absolute PR-Katastrophe!«, setzt Liam nach. »Die Leute zerreißen sich das Maul. Ein Teil deiner Fans rastet komplett aus, der andere zerfleischt sie online. Es kursieren schon Gerüchte, sie sei nur famegeil! Weißt du, wie schwer es wird, sie da unbeschadet rauszuholen?«

Arvids Kiefer mahlen gefährlich. »Mir ist scheißegal, was diese Leute denken. Und dir sollte es das auch sein.«

»Ach wirklich? Dann ist es dir sicher auch egal, dass unsere Sponsoren nervös werden, weil du wieder in einen Skandal schlitterst? Oder dass die nächste Tour unter dem Hashtag trendet, sie sei bloß dein neuestes Spielzeug?!«

Arvid bleibt abrupt stehen, schließt kurz die Augen und atmet die Wut hinunter. Er wusste, dass es hässlich werden würde – aber diese Skrupellosigkeit trifft ihn bis ins Mark. »Was genau willst du jetzt von mir, Liam?«, fragt er mit bedrohlich ruhiger Stimme.

»Dementieren. Runterspielen. Lass dir was einfallen, aber zieh sie aus der Schusslinie dieser Geier!«

Arvid presst die Zähne aufeinander. Er wird Ryan nicht verstecken. Auf gar keinen Fall. »Ich melde mich später«, schneidet er das Gespräch ab und legt auf, noch ehe Liam protestieren kann.

Er lehnt die Stirn gegen die Wand, fährt sich durch die Haare und atmet tief durch. Zurück im Schlafzimmer sitzt Ryan bereits aufrecht im Bett. Das fahle Morgenlicht fällt durch die Vorhänge auf ihre Züge. Ihr Blick ist forschend auf ihn gerichtet – sie hat genug mitbekommen, um das Unheil zu erahnen.

Arvid setzt sich zu ihr auf die Bettkante, zieht sie wortlos in seine Arme und drückt sie fest an sich. »Die Aasgeier haben geliefert«, murmelt er mit dumpfer Bitterkeit. »Das Netz steht kopf.«

Ryan atmet zittrig ein. Obwohl sie es geahnt hat, trifft die Gewissheit sie wie ein Schlag in die Magengrube. »Und jetzt?«, fragt sie leise an seiner Schulter.

»Ich verleugne dich nicht«, sagt Arvid mit felsenfester Bestimmtheit. »Wir sagen einfach die Wahrheit: Dass wir zusammen sind. Dass wir uns verliebt haben. Ich wollte dich vor dem ganzen Dreck abschirmen, aber … ich verstecke uns ganz sicher nicht.«

Ryan greift nach ihrem Handy und öffnet die Suchmaschine. Ihr Name tippt sich fast wie von selbst ein – und augenblicklich setzt ihr Puls aus. Schlagzeile an Schlagzeile, Fotos von gestern, reißerische Spekulationen über den Rockstar und seine geheimnisvolle Begleitung.

»Scheiße«, entweicht es ihr tonlos.

Sie pfeffert das Smartphone auf die Matratze, zieht die Beine an die Brust und starrt mit mühsam beherrschter Wut ins Leere. Arvid schweigt neben ihr. Er weiß, dass Erklärungen jetzt nichts ausrichten, also gibt er ihr den Raum, die Wucht der Vorurteile zu verdauen.

»Verdammte Dreckspresse«, zischt sie schließlich durch zusammengebissene Zähne.

Arvid verzieht den Mund zu einem trockenen Lächeln. »Willkommen in meiner Realität.«

»Deine Realität ist absolut ätzend.«

»Sag ich doch.«

Sein Handy vibriert in einer Tour weiter. Als eine Nachricht von Finjan über den Bildschirm flackert, tippt Arvid kurz angebunden: »Ryan ist keine Affäre. Es ist verdammt ernst.«

Noch während er auf Senden drückt, nimmt Ryan ihm das Telefon ruhig aus der Hand und lässt es auf den Teppich gleiten. Ehe er nachfragen kann, rückt sie nah an ihn heran, legt die Hände an seine Wangen und zieht ihn in einen Kuss, der ihm schlagartig den Atem raubt.

Sie löst sich nur um Millimeter von seinen Lippen. »Schlaf mit mir«, flüstert sie heiser.

Arvid verharrt für einen Herzschlag, dann packt er ihren Nacken und fängt ihren Mund mit einer tiefen, brennenden Dringlichkeit wieder ein. Jedes Geräusch von draußen, jede giftige Schlagzeile verblasst hinter dem Rauschen in ihren Ohren.

Ryan löst sich langsam von seinen Lippen und beginnt, seine Haut zu fordern. Ihre Küsse wandern über seinen Kiefer, den Hals hinab, wo ihre Zunge eine heiße Spur hinterlässt. Sie streift über seine Brust, liebkost die Konturen seiner Muskeln und treibt seinen Atem in stoßweise Bahnen. Als ihre Hände den Bund seiner Shorts nach unten schieben und sie ihn an seiner empfindlichsten Stelle verwöhnt, vergräbt Arvid die Finger keuchend in ihrem Haar.

Sie kostet seine Reaktionen voll aus, treibt ihn mit zärtlicher Unerbittlichkeit an den Rand des Kontrollverlusts – ehe sie aufblickt, die brennende Hitze in seinen Augen auffängt und langsam über ihn steigt.

Mit einer geschmeidigen Bewegung setzt sie sich auf ihn und nimmt ihn tief in sich auf. Ein gleichzeitiges, atemloses Stöhnen entweicht ihren Kehlen, als sie miteinander verschmelzen.

Ryan stützt die Hände hinter sich auf seinen Oberschenkeln ab, wirft den Kopf in den Nacken und gibt den Rhythmus vor – fordernd, intensiv, jede Faser ihres Körpers fordernd. Arvid umfasst mit einer Hand ihre Taille, führt ihre Bewegungen, während seine andere Hand ihre Brust liebkost.

Der Rhythmus wird schneller, die Reibung heißer. Seine Fingernägel graben sich in ihre Hüften, während sich ihre Nägel fest in seine Oberschenkel krallen. Sie treiben sich gegenseitig voran, berauscht von der Nähe, bis ein tiefes, unaufhaltsames Beben durch Ryans Körper fährt.

Arvid stößt noch einmal kraftvoll in sie nach, stößt ihren Namen keuchend aus und verliert sich im selben Augenblick in ihrer gemeinsamen Woge.

Erschöpft sinkt Ryan nach vorn auf seine schweißnasse Brust. Die Welt steht still; nur das schwere, gleichmäßige Heben und Senken ihrer Körper füllt den Raum.

Als sich ihr Atem beruhigt, hebt sie den Kopf. Arvid streicht ihr zärtlich eine feuchte Strähne aus der Stirn, sein Blick voller Wärme und unerschütterlicher Hingabe.

»Ich stehe hinter dir«, flüstert Ryan fest. »Egal, was da draußen auf uns wartet. Wir schaffen das.«

Arvids Züge werden weich. »Es tut mir leid, dass die Welle dich so unvorbereitet erwischt hat.«

Ryan schmunzelt schwach, während ihre Fingerspitzen seine Wange berühren. »Dann springe ich eben kopfüber ins kalte Wasser.«

Arvid zieht sie an sich und besiegelt ihr Versprechen mit einem tiefen, ruhigen Kuss.