Kapitel 27 - Volle Kraft voraus Richtung Rockstar


Vier Wochen ohne Arvid sind genug: Ryan packt ihre Sachen und macht sich auf den Weg zu ihm – fest entschlossen, ihn mit ihrem Besuch zu überraschen. Während die Kilometer zwischen ihnen schwinden, kämpft Arvid mit Erschöpfung, einer angeschlagenen Stimme und dem unerbittlichen Interesse der Presse an seiner Beziehung. Was er nicht ahnt: Das Lebenszeichen, auf das er so sehnsüchtig wartet, ist längst unterwegs zu ihm.


Ryan sitzt mit Steve – den sie stur so nennt, obwohl auf seinem Ausweis unübersehbar Karsten steht – am heimischen Küchentisch. Über die vergangenen Wochen hinweg hat sich zwischen ihnen eine unaufgeregte Vertrautheit entwickelt. Aus dem stummen Schatten vor der Tür ist ein fester Bestandteil ihres Alltags geworden. Ryan brachte es schlicht nicht übers Herz, ihn stundenlang bei Wind und Wetter im Wagen hocken zu lassen. Dass er gebetsmühlenartig betonte, das gehöre nun mal zu seinem bezahlten Handwerk, beruhigte ihr schlechtes Gewissen kein Stück.

Steve nimmt einen bedächtigen Schluck Kaffee und mustert sie über den Rand des Bechers hinweg. »Also, wann brechen wir auf?«

Ryan atmet tief ein und strafft die Schultern. »Wenn es nach mir geht: sofort.« Ihr Blick ist fest und entschlossen. »Ich habe mir bis zur Terrasseneröffnung komplett frei genommen. Wenn ich Arvid jetzt nicht bald in die Arme schließe, drehe ich vollends durch.«

Steve lehnt sich gelassen zurück, verschränkt die Arme vor der breiten Brust und nickt. »Alles klar.«

Ryan runzelt die Stirn. »Das ist alles? Kein Protest?«

Er zuckt mit den Schultern. »Mir gleich. Du sagst die Zeit an, ich sitze am Steuer.«

Sie wirft einen prüfenden Blick auf die Wanduhr. Vier Stunden Fahrt liegen vor ihnen. Wenn sie jetzt zügig aufbrechen, treffen sie punktgenau zum Ende des Konzerts an der Arena ein. Bei der bloßen Vorstellung, ihn nach vier endlosen Wochen wieder leibhaftig vor sich zu haben, schlägt ihr Puls schlagartig schneller.

»Dann lass uns fahren«, beschließt sie und springt auf.

Steve leert in aller Seelenruhe seine Tasse und erhebt sich mit einem Schmunzeln. »Na dann: Pack die Koffer, Prinzessin. Das wird ein langer Ritt.«

Ryan lacht leise auf und mustert ihn amüsiert. »Ich bin ja mal verdammt gespannt, wie Arvid reagiert, wenn er mitbekommt, dass du mich pausenlos Prinzessin nennst.«

Steve grinst trocken. »Der setzt mich fristlos vor die Tür, was sonst?«

Ryan stutzt mitten in der Bewegung und kneift die Augen zusammen. »Moment mal … Ich dachte, das Label und das Management sind deine Auftraggeber?«

Steve bemerkt den Fauxpas sofort. Er weicht ihrem Blick aus und zuckt ertappt mit den Schultern. »Tja …«

»Nein, oder?«, hakt sie nach, während ihr der Atem stockt. »Er bezahlt dich aus eigener Tasche. Stimmt’s?«

Steve meidet ihre forschenden Augen, nickt dann aber knapp und unumwunden. »Schnapp dir deine Sachen, Prinzessin. Die Uhr tickt.« Damit dreht er sich auf dem Absatz um und verschwindet durch die Wohnungstür nach draußen.

Ryan bleibt wie angewurzelt stehen, das Herz klopft ihr bis zum Hals. Arvid hatte mit keiner Silbe erwähnt, dass er diesen gewaltigen Posten privat stemmt. Typisch für ihn: Er will sie unter allen Umständen abschirmen und vor Schaden bewahren – doch warum hat er ihr diese Wahrheit verschwiegen? Ein kleiner, bitterer Stich regt sich in ihr, weil sie ihm nicht auf der Tasche liegen will. Doch gleichzeitig durchströmt sie eine Welle überwältigender Wärme über diese bedingungslose Fürsorge. Sie wird ihm gehörig den Kopf waschen, sobald sie ihn sieht. Aber erst einmal zählt nur eins: loskommen.

In Windeseile verstaut sie die letzten Utensilien im Koffer. Das Gepäck stand insgeheim längst bereit – der Entschluss, zu ihm zu fahren, hatte sich in den vergangenen Tagen ohnehin unaufhaltsam in ihr festgesetzt. Ein letzter prüfender Kontrollblick durch die Wohnung, die Jacke von der Garderobe geschnappt, und sie zieht den Koffer hinter sich her in den Hausflur.

Unten am Wagen nimmt Steve ihr das schwere Gepäckstück mit leichter Hand ab. »Ballkleider und Diadem vollzählig an Bord?«, frotzelt er breit grinsend.

Ryan rollt mit den Augen. »Selbstverständlich. Für jeden Reisetag eine eigene Robe.«

Kaum zieht sie die Haustür ins Schloss, dringen die vertrauten, nervtötenden Geräusche an ihr Ohr. Gedämpfte Stimmen, gefolgt vom hektischen Klicken dutzender Kameraverschlüsse. Sie atmet schwer aus. Die Meute lauert wie üblich am Gehsteig, die Objektive schamlos im Anschlag.

Mit geradem Rücken und unerschütterlicher Miene geht sie neben Steve auf den Wagen zu, während die Fragen auf sie einprasseln:

»Ryan! Wohin geht die Reise?«

»Fährst du zu Arvid?«

»Gibt es ein offizielles Statement zur Tour?«

Ryan schenkt den Rufen keinen einzigen Blick, starrt stur geradeaus und verzieht keine Miene. Steve reißt die Beifahrertür auf, sie schlüpft hinein, und das schwere Metall fällt satt ins Schloss. Schlagartig verstummt der Lärm der Straße; eine wohltuende, schützende Stille hüllt sie ein. Draußen sieht sie die Fotografen noch hektisch gestikulieren, doch hier drinnen ist sie unerreichbar.

Steve gleitet hinter das Steuer, wirft ihr einen kurzen, verschmitzten Seitenblick zu und dreht den Zündschlüssel um. Der Motor erwacht mit einem satten Brummen zum Leben.

»Na dann, Prinzessin: Volle Kraft voraus Richtung Rockstar.«

Ryan blickt aus dem Seitenfenster, während der Wagen sanft anfährt und die Reporter im Rückspiegel kleiner werden. Ein befreites Lächeln stiehlt sich auf ihre Lippen. Die Kilometer schmelzen dahin – und mit jeder Minute rückt Arvid ein Stück näher.

 

Arvid, Finjan, Constantin, Damian und Jaron betreten die weitläufige Konzerthalle. Der vertraute Geruch von feuchtem Beton, erhitztem Stahl, Kabelummantelungen und abgestandener Hallenluft schlägt ihnen entgegen. Auf den Traversen klettern Rigger, Techniker eilen über die Bühne, richten die Monitore aus und verlegen dicke Kabelstränge. Vor dem Mischpult im Innenraum wartet bereits das Tonteam auf den Soundcheck.

Ohne viele Worte nimmt jeder seine Position ein. Damian greift nach den Sticks und klopft sich locker, Jaron slappt kurz die Basssaiten an, Finjan checkt die Presets am Keyboard und Constantin greift ein paar saubere Riffs auf der Lead-Gitarre ab. Arvid nimmt das Funkmikrofon vom Stativ, dreht es mechanisch in den Fingern und atmet schwer durch.

»Bringen wir das schnell hinter uns«, murmelt er und gibt dem FoH-Pult das Zeichen.

Damian zählt mit vier harten Schlägen ein. Die Rhythmusfraktion setzt ein, die Gitarren schneiden mit gewohnter Wucht durch die leere Halle. Doch als Arvid zur ersten Strophe ansetzt, bricht die Kraft seiner Stimme weg. Sie klingt belegt, heiser und kratzig. Er bricht ab, verzieht das Gesicht und räuspert sich genervt. Beim zweiten Versuch trifft er den Einstieg nicht sauber.

Unten am Pult tauschen die Mischer ratlose Blicke aus. »Arvid? Alles im grünen Bereich bei dir?«, tönt es blechern über den Talkback.

Arvid schüttelt frustriert den Kopf und fährt sich durch die Mähne. »Keine Ahnung, Mann. Das klingt heute wie Müll.«

Finjan lässt die Finger von den Tasten, und auch der Rest der Band verstummt. Damian stützt sich auf seine Becken und mustert den Frontmann forschend. »Was ist los mit dir? Hängst du im Kopf noch woanders?«

Arvid presst die Zähne aufeinander. Seine Zündschnur ist gefährlich kurz, doch die Wut richtet sich gegen ihn selbst. Sein Schädel dröhnt; die Gedanken kreisen pausenlos um Ryan, die zudringlichen Reporter, den medialen Dreck der letzten Wochen und die drückende Ohnmacht, nicht bei ihr sein zu können.

»Spielen wir das Set einfach runter«, schneidet er knapp ab und nickt Damian zu.

Der Rest des Checks verläuft holprig. Für die Technik reicht es, doch Arvid ist meilenweit von seiner Höchstform entfernt.

Viel Zeit zum Hadern bleibt ihm allerdings nicht. Kaum von den Brettern herunter, werden sie in den improvisierten Backstage-Aufenthaltsraum geschleust. Zweckmäßige Klapptische, kahle Wände und das vertraute Röhren einer Kaffeemaschine bilden die Kulisse für den anstehenden Pressetermin.

Jana, die gute Seele der Roadcrew, drückt ihm ohne Umschweife eine dampfende Tasse in die Hand. »Heißer Ingwer-Tee mit reichlich Honig. Und der Wollschal bleibt um deinen Hals. Du klingst, als hättest du Kiessteine gefrühstückt.«

»Vielleicht habe ich das auch«, versucht er schwach zu grinsen.

Jana hebt nur tadelnd die Braue. »Spar dir die Sprüche und schon die Stimmbänder.«

Die Stimmung unter den Jungs lockert sich kurz auf, als die beiden Journalisten der Lokalzeitung eintreffen. Blöcke und Diktiergeräte werden gezückt, die ersten Standardfragen zu Tourroutine, Fannähe und Soundentwicklung abgehandelt. Finjan und Damian federn das meiste mit lockeren Sprüchen ab. Alles wirkt professionell – bis der Mann mit der Hornbrille in seinen Notizen blättert.

»Kommen wir zu einem persönlicheren Thema«, hakt der Reporter nach. »Arvid, die Klatschspalten überschlagen sich seit Wochen mit Fotos von dir und einer gewissen Ryan. Was genau steckt hinter dieser neuen Liaison?«

Schlagartig gefriert die Luft im Raum. Jaron und Finjan wechseln alarmiert die Blicke. Arvids Kiefermuskeln mahlen, seine Augen verengen sich zu Schlitzen.

»Was genau erhoffst du dir von dieser Frage?«, entgegnet Arvid mit schneidender, bedrohlicher Ruhe.

Der Journalist weicht kurz zurück, fängt sich aber wieder. »Das Interesse der Öffentlichkeit ist gewaltig. Die Fans wollen wissen, wer die Frau an deiner Seite ist und wie ernst es dir damit ist.«

Arvid stößt ein bitteres, tonloses Lachen aus. »Die Fans? Wohl eher eure Redaktion, die auf ein paar klickträchtige Schlagzeilen giert.«

Er beugt sich über den Tisch, die Hände auf die Platte gestützt. Seine Stimme ist tief und unmissverständlich: »Ich stelle das genau einmal klar: Ja, ich habe eine feste Freundin. Und ja, es ist verdammt ernst. Aber mein Privatleben ist keine öffentliche Manege und schon gar kein Stoff für eure billigen Artikel. Schreibt über die Shows, schreibt über unsere Musik – aber lasst meine Freundin ein für alle Mal aus euren Drecksblättern heraus!«

Totenstille. Der Journalist räuspert sich nervös und tippt hastig auf seinen Block. »Verstanden. Nächste Frage …«

Doch der Schaden ist angerichtet.

Kaum ist das Interview beendet, stößt Arvid den Stuhl zurück und verlässt mit wehendem Schal den Raum. Finjan eilt ihm durch den Backstage-Flur hinterher und greift nach seiner Schulter. »Arvid, reiß dich zusammen! Ich weiß, dass der Mist dich fertig macht, aber du kannst vor der Presse nicht jedes Mal die Nerven verlieren!«

Arvid reißt sich mit einem Ruck los und funkelt seinen Keyboarder eiskalt an. »Halt dich da raus, Finjan. Du hast nicht den leisesten Schimmer, wie sich das anfühlt!«

Er lässt seinen Bandkollegen stehen, steuert mit schnellen Schritten das Catering an, schnappt sich mechanisch einen Apfel und zückt sein Smartphone.

Er entsperrt den Bildschirm, wischt durch die Messenger. Keine neuen Nachrichten.

Ein finsterer Schatten legt sich über seine Züge. Er verlangt weiß Gott keine minütlichen Updates von ihr – doch ein winziges Lebenszeichen, eine kurze Nachricht vor dem Konzert hätte ihm gereicht, um den Kopf freizubekommen. Stattdessen: gähnende Leere.

Er stopft das Telefon frustriert zurück in die Hosentasche.

Jana tritt in den Gang und klatscht in die Hände. »Auf geht’s, Metal Earth. Die VIP-Gäste fürs Meet & Greet warten im Gasthaus gegenüber.«

Wortlos trottet die Band zum Shuttlevan. Die Stille während der kurzen Fahrt ist zum Schneiden dicht. Arvid starrt mit mahlendem Kiefer aus der getönten Scheibe in die Dämmerung und versucht vergeblich, die nagende Unruhe in seiner Brust zum Schweigen zu bringen.