Kapitel 31 - Zwischen zwei Welten


Ryan hat ihren Platz in Arvids turbulenter Tourwelt gefunden und genießt jede gemeinsame Minute mit ihm. Doch während die beiden gelernt haben, den Medienrummel weitgehend auszublenden, bekommt das September die Folgen ihrer öffentlichen Beziehung umso deutlicher zu spüren. Neugierige Gäste, hartnäckige Paparazzi und Davids unbedachter Ausflug ins Rampenlicht sorgen für Spannungen. Und während Ryan die letzten Tage mit Arvid auskostet, wird ihr einmal mehr bewusst, dass ihr Herz inzwischen an zwei Orten zu Hause ist.


Ryan begleitet Arvid und die Band durch das endlose Tourleben – von Stadt zu Stadt, von einer bebenden Bühne zur nächsten. Die Tage verschwimmen in einem Rausch aus dröhnenden Bässen, schlaflosen Nächten und flüchtigen, magischen Momenten backstage. Für Arvid gibt es nach jeder Show nur diesen einen Augenblick: verschwitzt und voller Adrenalin durch den Vorhang zu treten, Ryan in die Arme zu schließen und ihren vertrauten Duft einzuatmen. Ihr Lächeln verankert ihn. Es erinnert ihn jedes Mal daran, wo sein wahres Zuhause liegt.

Die Boulevardpresse lässt dennoch nicht locker. In den Klatschspalten gelten sie längst als das heißeste Paar der Szene; reißerische Schlagzeilen wie »Rockstar Arvid verliebt wie nie!« oder »Ryan – die Frau, die das Metal-Biest zähmte?« dominieren die Titelblätter. Die Paparazzi lauern vor Hotels und Tourbussen, gierig nach jeder Regung. Doch Arvid und Ryan haben ihre ganz eigene Mauer hochgezogen: Ein kurzes, amüsiertes Lächeln, eine abwinkende Hand und das unerschütterliche Credo: »Kein Kommentar.«

Arvid beobachtet ihre Gelassenheit mit tiefem Respekt. Er weiß genau, wie viel Kraft es Ryan abverlangt, in diesem Scheinwerferlicht nicht die Orientierung zu verlieren. Aber zwischen Tourstress und Mediensturm halten sie einander fest. Sie reden, teilen ihre Zweifel und besinnen sich immer wieder auf den Kern von alldem: Sie gehören zusammen. Sie lieben sich.

Und genau das macht sie unantastbar.

 

Sascha, Malu, David und Tasja sitzen am Tresen und genießen die seltene Stille vor dem Sturm. Der Kaffee dampft in ihren Tassen, und für einen flüchtigen Moment fühlt sich alles wieder an wie früher – bevor die Schlagzeilen explodierten. Seit Ryan und Arvid kein Geheimnis mehr aus ihrer Beziehung machen, platzt das September aus allen Nähten. An manchen Abenden müssen sie die Türen schließen und Gäste wegschicken.

Die Leute pilgern nicht mehr nur wegen der gemütlichen Atmosphäre oder der Drinks hierher. Sie gieren nach einem Blick auf Ryan – oder nach der Chance, Arvid leibhaftig am Tresen zu erwischen.

David starrt auf sein Smartphone und scrollt durch die Klatschportale. Er hebt die Brauen und stößt ein spöttisches Schnauben aus. »›Ryan und Arvid – das heißeste Traumpaar der Rockszene!‹«, zitiert er mit triefendem Sarkasmus. Wie unfassbar kitschig. Natürlich würde er es vor den anderen niemals laut aussprechen, doch ein kleiner Stich Neid nagt an ihm. Nicht nur, weil Ryan plötzlich im Mittelpunkt steht, sondern vor allem, weil ihr kaum Gegenwind entgegenschlägt.

»Ich kapier das einfach nicht«, murmelt er und greift nach seiner Tasse. »Normalerweise zerfleischt die Fangemeinde die neue Frau an der Seite ihres Idols doch nach Strich und Faden.«

Malu lehnt sich schmunzelnd zurück und mustert ihn amüsiert. »Ryan bedient eben keine Rockstar-Klischees. Sie bleibt sie selbst – nahbar und ehrlich. Genau das entwaffnet die Leute.«

Tasja nickt zustimmend vom Schneidebrett herüber. »Sie wirkt wie ein ganz normaler Mensch, nicht wie eine unnahbare Trophäe. Das macht sie unangreifbar.«

Sascha verschränkt die Arme vor der Brust und wirft David einen vielsagenden Blick zu. »Tja, mein Lieber. Da kannst du noch so viel Gift verspritzen – das Publikum hat sie längst ins Herz geschlossen.«

David rollt theatralisch mit den Augen, doch um seine Mundwinkel zuckt es verräterisch. »Pff. Ich gönne es ihr ja … irgendwie.«

David vergräbt die Hände in den Taschen seiner Jeans und gleitet wortlos vom Barhocker. Ohne einen Blick zurück steuert er die Tür an. Malu folgt seinen Schritten mit nachdenklicher Miene. Sie spürt genau, dass ihn nicht bloß der Medienzirkus um Ryan frustriert – er vermisst sie schlichtweg. So theatralisch er auch über ihre Abwesenheit schimpfen mag: Tief im Inneren gönnt er ihr dieses Glück von ganzem Herzen.

Sie blickt fragend zu den anderen. Sascha hebt nur mit einem leisen Seufzen die Schultern, während Tasja ihr ein feines, wissendes Lächeln schenkt.

David drückt die schwere Holztür des September auf und hakt sie routiniert im Boden ein. Ein milder Windzug trägt die Spätnachmittagswärme in die schmale Gasse. Mit geübten Griffen wuchtet er die ersten Bistrotische nach draußen auf das Pflaster, so wie an jedem sonnigen Tag.

Doch kaum tritt er auf das Trottoir, stockt seine Bewegung.

Drüben, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, lauert das vertraute Bild: Drei Paparazzi, Teleobjektive schussbereit vor die Brust geklemmt, die Augen wie Raubvögel auf den Eingang fixiert. Sie warten beharrlich auf den einen Glückstreffer – auf Ryan, oder noch besser: auf Arvid an ihrer Seite.

David atmet tief durch, schluckt ein genervtes Schnauben hinunter und rückt einen der Stühle zurecht. Wann hört dieser Zirkus endlich auf?

Ein junger Paparazzo wittert seine Gelegenheit, als er bemerkt, dass David allein auf dem Gehsteig steht. Mit der Kamera locker vor der Brust und einem schiefen, lauernden Grinsen schlendert er über das Kopfsteinpflaster.

»Hey! Du bist doch David, oder? Ryans Kumpel?«, hakt er mit aufgesetzter Ahnungslosigkeit nach.

David strafft unwillkürlich die Schultern, ein Anflug von Eitelkeit huscht über seine Züge. »Kumpel? Bitte, mach dich nicht lächerlich. Ich bin ihr bester Freund. Ohne mich wären die beiden doch völlig aufgeschmissen.«

Der Reporter schlägt an – er hat genau den richtigen Köder ausgeworfen. »Dann kannst du uns sicher aus erster Hand verraten: Wie tickt Ryan privat, abseits des Rummels?«

David stützt die Hand lässig auf die Tischplatte und winkt theatralisch ab. »Eigentlich stinknormal. Na ja, so normal man als Freundin eines gefeierten Rockstars eben sein kann. Aber ich habe es ihr immer prophezeit: ›Ryan, eines Tages wirst du berühmt.‹ Tja, und hier stehen wir nun.«

Der Mann zieht unauffällig ein Diktiergerät aus der Jacke und hält es näher an David heran. »Und zwischen ihr und Arvid? Alles eitel Sonnenschein?«

David setzt ein verschwörerisches Grinsen auf, als hüte er die Staatsgeheimnisse der Musikbranche. »Wenn ich pikante Details wüsste, stünden die natürlich unter absolutem Verschluss«, er zwinkert bedeutungsvoll, »aber sagen wir mal so: Die beiden hängen voll aneinander. Fast schon unerträglich kitschig, wenn du mich fragst.«

»Und wie schlägt sich das auf das September nieder? Hat sich der Alltag verändert, seit Ryan quasi Kultstatus genießt?«

David wirft mit dramatischer Geste die Hände in die Luft. »Früher kamen die Gäste wegen des Fassbiers, heute pilgern sie her, um einen Blick auf unsere Lokalprominenz zu erhaschen. Kann man ihnen kaum verdenken. Aber mal ehrlich: Wo bleibt der Hype um mich? Ich bin schließlich das wahre Herzstück dieser Bar.«

Der Paparazzo grinst breit, überrascht, wie mühelos sich der Typ vor ihm um Kopf und Kragen redet. »Rechnest du damit, dass Ryan heute noch hier aufschlägt?«

David presst die Hand auf sein Hemd, das Kinn hochgereckt. »Mein Lieber, selbst wenn mein Terminkalender voll mit ihren Plänen wäre – meine Lippen sind versiegelt. Aber bleib ruhig stehen. Manchmal geschehen ja Zeichen und Wunder.« Er schiebt noch ein selbstgefälliges Zwinkern hinterher.

Der Reporter nickt zufrieden und lässt das Aufnahmegerät verschwinden. Er hat mehr als genug Stoff für die nächste Schlagzeile. »Danke dir, David. Man sieht sich bestimmt bald wieder.«

»Jederzeit! Für Fans stehe ich immer zur Verfügung – fast immer.«

Mit einem heiteren Lachen wirbelt David herum und steuert wieder auf den Eingang zu, vollkommen berauscht von seinem kurzen Moment im Scheinwerferlicht.

Kaum stößt David die Tür auf, prallt er gegen Malus Blick. Sie steht im Schankraum, die Arme vor der Brust verschränkt, eine Augenbraue drohend nach oben gezogen.

»Was?«, fragt David und setzt seine unschuldigste Miene auf.

Malus Augen funkeln gefährlich. »Sag mal, brennt dir der Kittel? Wir haben Ryan hoch und heilig versprochen, den Mund zu halten. Und was machst du? Lieferst ihnen die nächste Schlagzeile auf dem Silbertablett!«

David reißt die Augen auf und hebt abwehrend die Hände. Seine Stimme schlägt sofort in ein beleidigtes Jammern um: »Ich habe doch überhaupt nichts verraten! Nur das Zeug, das ohnehin in jeder zweiten Klatschspalte steht.«

»Hör auf mit den Ausreden, David!«, schüttelt sie fassungslos den Kopf. »Du hast diesem Typen die Story geliefert, weil du es nicht erträgst, wenn die Scheinwerfer mal auf jemand anderen gerichtet sind. Deine Eitelkeit ist echt zum Kotzen!«

David weicht einen Schritt zurück, die Arme verschränkt, sein Blick tief verletzt. »Eitelkeit? Jetzt übertreibst du aber maßlos!«

Malu stemmt die Hände in die Hüften und tritt einen Schritt näher. »Ach ja? Wenn du Rampenlicht willst, geh nach Hollywood! Aber lass Ryan aus dem Spiel. Sie hat an diesem ganzen Zirkus schon schwer genug zu tragen – da braucht sie nicht noch einen besten Freund, der sie für fünf Minuten Aufmerksamkeit verkauft!«

David will zum Gegenangriff ansetzen, doch gegen das Feuer in Malus Augen kommt er nicht an. Er presst die Lippen aufeinander, unfähig, den passenden Konter zu finden.

Fassungslos sieht er ihr hinterher, als sie mit energischen Schritten im Gang hinter dem Tresen verschwindet. Er blinzelt, schüttelt den Kopf und wirft die Hände in die Luft. »Na grandios! Jetzt bin ich wieder das Monster der Nation!«, ruft er in den leeren Schankraum.

Ein schwerer Seufzer entfährt ihm. Frustriert fährt er sich durch die Haare. Was bitte war an seinen Worten so verkehrt? Dass Ryan mit einem gefeierten Rockstar zusammen ist, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Und dass der Laden seit Wochen aus allen Nähten platzt, sieht jedes Kleinkind.

Trotzig tritt er gegen das Bein eines Barhockers, der mit einem hässlichen Quietschen über die Dielen kratzt. »Ich bin nicht eifersüchtig«, murmelt er in seinen Kragen. Doch als er durch das Schaufenster blickt und sieht, wie der Fotograf drüben eifrig in sein Handy tippt und triumphierend zu ihm herübergrinst, sickert ein bitterer Funke Einsicht durch. Verdammt. Vielleicht hatte Malu nicht ganz unrecht.

Mit hängenden Schultern schlurft er tiefer in das September.

Sascha hat die Szene vom Zapfhahn aus stumm beobachtet. Mit finsterer Miene mustert er erst Malu, die drüben zornig Gläser poliert, und dann David, der wie ein begossener Pudel an die Bar schleicht.

Sascha holt tief Luft, und seine tiefe, grollende Stimme schneidet durch den Raum: »Hört mal gut zu, ihr beiden. Wenn euch eure Schichten hier noch etwas bedeuten, kriegt ihr euch jetzt augenblicklich wieder ein.«

Er dreht sich vollends zu David und fixiert ihn mit schneidender Kälte. »Du gibst diesen Aasgeiern kein einziges Wort mehr. Wenn ich dich noch einmal mit einem Diktiergerät vor der Nase erwische, war das deine letzte Schicht im September. Hast du mich verstanden?«

David starrt ihn mit offenem Mund an, presst theatralisch eine Hand auf die Brust, als hätte Sascha ihm gerade die Kündigung ins Gesicht geschlagen. »Was?! Rauswerfen? Wegen ein paar harmloser Sprüche?!« Ihm versagt die Stimme, doch Saschas Blick duldet keinen Widerspruch.

Saschas Augen wandern weiter zu Malu. »Und du«, wird sein Ton etwas ruhiger, verliert aber nichts von seiner Härte. »Es ehrt dich, dass du dich schützend vor Ryan wirfst. Aber sie hat sich für diesen Kerl und diese Welt entschieden. Verdammt noch mal, wer mit einem Rockstar schläft, muss damit rechnen, dass die Meute redet. Da ist es mir am Ende lieber, ein Idiot aus unserem Team plaudert harmlosen Kitsch aus, als dass Fremde bösartige Lügen erfinden.«

Malu presst die Zähne zusammen, schluckt ihren Widerspruch mühsam hinunter und senkt den Blick. David hingegen steht immer noch wie versteinert da, tief getroffen von der Rüge seines Chefs.

Ohne ein weiteres Wort greift Sascha nach einer Batterie leerer Bierflaschen und stapft mit schweren Schritten ins Hinterzimmer. Die Schwingtür fällt mit einem dumpfen Schlag hinter ihm zu und hinterlässt eine schneidende, drückende Stille.

 

Ryan ahnt nichts von den Spannungen im Pub. Sie liegt quer über dem zerwühlten Hotelbett, die Fersen lässig am hölzernen Kopfteil abgestützt, die Beine angewinkelt. Arvid sitzt aufrecht neben ihr, den nackten Rücken an die Kissen gelehnt. Das silberne Tablett mit dem Zimmerservice steht zwischen ihnen; die Spätmorgensonne taucht das Zimmer in warmes Gold.

Mit einem verschmitzten Grinsen fischt Arvid eine pralle Weintraube aus der Schale. Langsam, beinahe quälend bedächtig, lässt er die kühle Frucht über ihre nackte Wade gleiten. Auf Ryans Haut stellt sich augenblicklich eine feine Gänsehaut ein.

Sie beißt genüsslich in eine reife Erdbeere, kaut langsam und mustert ihn mit funkelnden Augen.

»Der Plan mit der einsamen Insel gefällt mir von Minute zu Minute besser«, murmelt er mit rauer Stimme, während die Traube an ihrem Oberschenkel hinaufwandert.

Ryan lacht leise, ihr Blick folgt der Bewegung seiner Finger. »Und was fangen wir da den ganzen Tag an?«, neckt sie ihn.

»Wir sind ungestört. Völlig frei.« Seine Stimme sinkt eine Oktave tiefer, sein Blick tastet hungrig über ihre Silhouette. »Wir treiben es im Meer, auf den Klippen, im warmen Sand …«

Ryan hält den Atem an, als die kühle Frucht die empfindliche Innenseite ihres Oberschenkels streift. Ein wohliger Schauer durchfährt sie. »Und zwischendurch futterst du dich kugelrund?«, kontert sie mit einem herausfordernden Lächeln.

Arvid lacht heiser auf, beugt sich vor und presst einen heißen Kuss auf ihre Kniescheibe. »Ganz sicher nicht«, raunt er mit verruchtem Glitzern in den dunklen Iriden. »Wir kommen gar nicht dazu. Obst bleibt unsere einzige Nahrung zwischen den Runden.«

Die Traube setzt ihren Weg fort. Sie zeichnet die Linie über ihren flachen Bauch nach, streift die Kurve ihrer Brust, wandert über das Schlüsselbein und folgt der Kontur ihres Kinns. Arvid führt die Frucht spielerisch über ihre Unterlippe, ehe er mit dem Daumen sanft ihren Mund nachfährt.

Ryan hält seinem Blick stand, die Lippen einen Spaltbreit geöffnet. Mit einer geschmeidigen Bewegung schnappt sie nach der Traube, beißt hinein und lässt den süßen Saft über ihre Zunge rinnen. Ein verirrter Tropfen glänzt an ihrem Mundwinkel, den sie mit der Zungenspitze auffängt, ohne den Augenkontakt zu brechen.

Arvids Mundwinkel zuckt nach oben. Seine Hand gleitet fest und besitzergreifend auf ihren Bauch, die Hitze seiner Handfläche brennt sich in ihre Haut.

»Du machst mich absolut verrückt«, murmelt er mit heiserem Grinsen. »Verdammt, Ryan … mich hat noch nie eine Frau so aus der Bahn geworfen wie du.«

Ryan kaut schmunzelnd zu Ende und genießt das Prickeln zwischen ihnen. Ihr geht es mit ihm nicht anders, doch sein ohnehin schon stattliches Ego muss sie in diesem Moment nicht noch weiter füttern. Stattdessen lässt sie die Fingerspitzen langsam über seinen harten Oberschenkel gleiten und zieht feine, unsichtbare Muster auf seiner warmen Haut.

»Tja, Rockstar«, raunt sie mit herausforderndem Blick, »dann gewöhn dich besser schnell daran.«

Arvids Augen verdunkeln sich. Er beugt sich langsam zu ihr herab, fängt ihren Blick ein und schließt die letzte Distanz zwischen ihren Mündern. Der Kuss ist tief, fordernd und geladen mit vertrauter Hitze. Ihre Lippen verschmelzen im selben berauschenden Rhythmus; Ryans Finger verkrallen sich in seinem Nacken, als gäbe es kein Morgen.

Für einen langen Moment versinkt die Welt um sie herum in purer Schwerelosigkeit. Doch als Arvid sich schließlich mit schwerem Atem löst, presst er die Stirn erschöpft gegen die ihre.

»Verdammt, Ryan … du machst es mir verflucht schwer, dieses Bett jemals wieder zu verlassen.«

Ein monotones Brummen auf dem Nachttisch zerreißt den Zauber. Arvid tastet genervt nach dem Smartphone, überfliegt das Display und stößt ein frustriertes Stöhnen aus. »Ich muss unter die Dusche. Pressetermin in vierzig Minuten.«

Ryan stützt sich auf die Ellbogen, ihre nackte Haut fängt das warme Vormittagslicht ein. Sie zieht langsam eine Braue nach oben, die Lippen zu einem lasziven Lächeln geschürzt. »Musst du wirklich? Oder willst du nur brav sein?«

Arvid schmunzelt schwach, doch ihr Manöver entgeht ihm nicht: Sie streckt sich mit aufreizender Trägheit, lässt die Hände betont langsam über ihre Taille gleiten und fixiert ihn mit funkelnden Augen.

»Du könntest auch einfach … hierbleiben«, haucht sie mit samtener Stimme.

Er presst die Zähne aufeinander, seine Knöchel um das Telefon treten weiß hervor. »Ryan, tu das nicht …«

»Nur eine kleine Verlängerung?« Sie greift nach seinem Nacken, zieht ihn unnachgiebig an sich heran und streift mit den Lippen seine empfindliche Halspartie, ehe sie sacht in sein Ohrläppchen beißt. »Ich schwöre auch, dich danach gehen zu lassen.«

Arvid schließt mit einem gequälten Keuchen die Lider. »Verflucht … du bist mein Untergang.«

»Ich weiß«, grinst sie an seiner Haut und setzt einen heißen Kuss auf seine Halsbeuge.

Ein raues Lachen entfährt seiner Kehle. Mit sanfter Entschlossenheit packt er ihre Handgelenke, streicht ihr eine dunkle Strähne aus der Stirn und mustert sie mit schierem Bedauern.

»Und genau deshalb muss ich jetzt aufstehen – bevor mein Verstand komplett kapituliert.«

Ryan verzieht die Lippen zu einer gespielten Schnute und lässt sich zurücksinken, während Arvid sich widerwillig aus dem Bett schält. Ihr Blick folgt jeder seiner Bewegungen – herausfordernd, mit einem Hauch von Triumph.

»Dann trödel nicht so, Rockstar. Ich laufe dir nicht weg.«

Arvid schlüpft in seine Jeans, während Ryan ihn im Schneidersitz von der Matratze aus mustert. Ihre nackte Haut schimmert im hellen Vormittagslicht, die Hände locker hinter sich aufgestützt.

»Die Reporter werden dir auf zehn Meter Entfernung anriechen, wie wir die letzten Stunden verbracht haben«, bemerkt sie mit einem diebischen Grinsen.

Arvid schnaubt amüsiert, greift nach seiner abgetragenen Lederjacke und wirft sie sich über die Schultern. »Sollen sie doch. Die schreiben am Ende ohnehin, was die Quote treibt.«

Ryan lacht leise auf und neigt den Kopf. »Auch wieder wahr.«

Er wirft einen flüchtigen Blick in den Spiegel, streicht sich die dunklen Strähnen aus der Stirn und zupft das Shirt zurecht. Dann dreht er sich zu ihr um, tritt an die Bettkante und beugt sich tief zu ihr herab. Seine Augen tasten über ihre Züge, ehe er ihren Mund in einem langsamen, berauschenden Kuss versiegelt.

»Bis später, Ryan«, raunt er heiser an ihren Lippen.

Sie hält ihn noch für einen Herzschlag an den Handgelenken fest, lehnt ihre Stirn an die seine und haucht: »Bis später.«

Mit einem letzten, vielsagenden Grinsen richtet er sich auf und verschwindet im Flur.

Das satte Klicken der Zimmertür hallt leise nach. Ryan zieht die Knie an die Brust, atmet tief die warme, vertraute Luft des Raumes ein und lässt sich mit einem wohligen Seufzen rücklings in die zerwühlten Kissen fallen.

Sie streckt sich genüsslich über die gesamte Breite des Bettes aus. Ein unerschütterliches Lächeln liegt auf ihren Zügen. Jeder Muskel ihres Körpers erinnert sie an seine Berührungen – und daran, wie vollkommen sich die Welt anfühlt, wenn er bei ihr ist.

Nach einer Weile richtet Ryan sich auf, greift nach ihrem Smartphone und wischt durch die Kontakte. Bei Malus Namen bleibt ihr Daumen liegen. Sie tippt auf das Hörersymbol, lässt sich zurücksinken und lauscht dem Freizeichen. Nach wenigen Sekunden ertönt Malus gewohnt energiegeladene Stimme:

»Hey du!«

Ryan lächelt unwillkürlich. »Hey! Wie sieht’s bei euch aus? Alles im grünen Bereich?«

»Bei mir schon«, lacht Malu leise. »Im Pub steht allerdings gerade alles ein wenig Kopf.«

Ryan schmunzelt über das atemlose Tempo ihrer Freundin.

»Dich brauche ich wohl kaum zu fragen, wie es dir geht«, setzt Malu mit spitzbübischem Ton nach. »Ich höre es an deiner Stimme. Du schwebst meilenweit über dem Boden.«

Ryan bettet den Kopf an das hölzerne Kopfteil und schließt die Augen. »Ja, das tue ich. Sehr sogar.« Ein leiser Seufzer entfährt ihr, als die Realität anklopft. »Ich will nur gar nicht an übermorgen denken. Der Abschied wird die Hölle.«

Am anderen Ende der Leitung wird es für einen Moment still – das vertraute, wortlose Verständnis zwischen ihnen. »Dann saug jede einzelne Sekunde auf, solange du noch dort bist«, rät Malu sanft, ehe ihre Stimme wieder anzieht. »Und sonst? Wie schlägt sich der Rockstar?«

»Besser denn je.« Ryan wechselt die Hand am Telefon. »Und wie läuft es im September? Was treiben Sascha, Tasja und unser Drama-King?«

Malu stöhnt auf, doch ein belustigter Unterton schwingt mit. »Alle wohlauf. Wir ersticken förmlich in Arbeit, weil pausenlos Leute aufkreuzen, die hoffen, dich oder Arvid am Tresen zu erwischen. An manchen Abenden müssen wir die Türen dichtmachen, weil kein Glas mehr auf die Tische passt.«

Ryan runzelt erschrocken die Stirn und fährt sich über die Schläfe. »Du machst Witze … Wegen mir?«

»Du hast hier ordentlich Staub aufgewirbelt, Schätzchen.«

Ryan schüttelt fassungslos den Kopf. »Uff. Das ist krank. Ich blende diese ganzen Online-Artikel komplett aus – tut mir echt leid, dass ihr die Welle jetzt im Schankraum abbekommt.«

»Wir schlagen uns durch«, wiegelt Malu ab. »Allerdings gab es ein bisschen Knatsch mit David.«

Ryan spitzt die Lippen. »Mit David? Was hat er angestellt?«

Malu zögert kurz. »Er hat sich vor der Tür von einem Paparazzo einwickeln lassen. Nichts Weltbewegendes, aber du kennst ihn … Sobald ein Mikrofon in Sichtweite ist, setzt der Verstand aus. Sascha hat ihn ordentlich eingenordet, und ich habe ihm auch unmissverständlich den Kopf gewaschen.«

Ryan seufzt auf, ein Schmunzeln stiehlt sich auf ihre Züge. »Typisch David … Ich kann mir Saschas Miene lebhaft vorstellen.«

Malu lacht trocken. »Oh ja. Volle Breitseite Chef-Autorität. Das hat gesessen.«

»Sascha bringt doch sonst rein gar nichts aus der Ruhe. Bis der explodiert, muss einiges passieren.«

»Die Nerven liegen eben bei allen ein wenig blank. Vor dem Eingang lungern Fotografen herum – praktisch rund um die Uhr.«

Ryan richtet sich überrascht auf. »Tag und Nacht?«

»Ziemlich penetrant, ja. Also stell dich schon mal auf ein Blitzlicht-Spalier ein, wenn du wieder einläufst.«

Ryan lacht leise in den Hörer. »Keine Sorge, ich reise mit persönlichem Geleitschutz. Steve regelt das mit links.«

»Was kicherst du denn so?«, hakt Malu neugierig nach.

»Weil Arvid auf ganzer Linie sein Revier markiert hat«, murmelt Ryan amüsiert. »Steve nennt mich doch immer Prinzessin – und das ging Arvid gehörig gegen den Strich. Er hat ihm Backstage eine ziemlich deutliche Ansage verpasst. Seitdem hält Steve peinlich genau zwei Meter Sicherheitsabstand zu mir.«

Malu bricht in schallendes Gelächter aus. »Dein Kerl mit ausgeprägtem Beschützerinstinkt. Zu herrlich, ich sehe seinen Blick förmlich vor mir!«

»Hat definitiv etwas«, gesteht Ryan mit warmen Wangen. »Wobei ich rein gar nichts dagegen hätte, wenn Arvid mein persönlicher Schatten wäre.«

Sie plaudern noch eine ganze Weile, lassen die Anspannung der letzten Tage hinter sich und vertiefen sich in die Pläne für die anstehende Terrasseneröffnung. Malu schwärmt von den neuen Lichterketten über dem Pflaster, den Massivholztischen und Tasjas frischer Sommerkarte.

»Es wird großartig«, verspricht Malu. »Du wirst den Hof kaum wiedererkennen.«

»Ich kann es kaum erwarten«, erwidert Ryan ehrlich. »Ich vermisse euch alle furchtbar.«

»Und wir dich erst. Ohne dich fehlt hier einfach das Herzstück.«

Eine tiefe Wärme breitet sich in Ryans Brust aus. So sehr sie die Magie dieser Tourtage an Arvids Seite aufsog – der Pub und ihre Freunde blieben ihr unerschütterlicher Anker.

»Nicht mehr lange«, verspricht sie mit strahlendem Lächeln. »Und dann lassen wir die Korken knallen.«

»Verlass dich drauf!«