Kapitel 23 - Zusammen
Die ersten Schlagzeilen lassen nicht lange auf sich warten und sorgen auch im September für reichlich Gesprächsstoff. Während David auf seine ganz eigene Weise mit Ryans unfreiwilligem Paparazzi-Debüt hadert, müssen Ryan und Arvid sich einer ernsteren Wahrheit stellen: Ihre Beziehung wird von nun an unter Beobachtung stehen. Doch statt sich von Gerüchten und öffentlichem Druck verunsichern zu lassen, treffen sie eine klare Entscheidung – was auch kommt, sie stellen sich dem gemeinsam.
Sascha lehnt sich mit der druckfrischen Tageszeitung gegen den Tresen, die Stirn in tiefe Falten gelegt. Im Hintergrund brummt die Kaffeemaschine gleichmäßig vor sich hin, während Tasja in der Küche hantiert und das frische Gemüse für den Tagessud vorbereitet. Der aromatische Duft von Kräutern zieht durch den Schankraum, doch Sascha nimmt ihn kaum wahr. Seine Aufmerksamkeit klebt an den Zeilen vor ihm.
»Das ging ja schneller als gedacht«, sagt er laut und blättert um, als hätte er genau mit diesem Szenario gerechnet.
»Was hast du da?«, ruft Tasja aus der Küche, ohne das Schneidebrett aus den Augen zu lassen.
Sascha hebt die Zeitung an und schnaubt leise. »Ryan und Arvid. Satte zwei Seiten voll.«
Tasja lässt das Messer sinken, wischt sich die Hände am Küchentuch ab und tritt eilig hinter den Tresen. Ihr Blick wandert sofort über die reißerische Schlagzeile: »Wer ist die geheimnisvolle Schöne an der Seite von Metal-Earth-Frontmann Arvid Eklund?«
Tasja rollt mit den Augen. »Die Arme. Ich hätte den beiden wirklich ein bisschen mehr Zeit gegönnt.«
Sie mustert die Schnappschüsse genau. Auf den ersten Blick ist Ryan glücklicherweise kaum auszumachen. Doch Stammgäste oder Freunde könnten ihre Silhouette, die Haltung und den Schwung ihrer dunklen Locken mühelos wiedererkennen.
Ein Foto zeigt Arvid, wie er ihr seine Lederjacke überwirft. Ein anderes, wie er ihr eilig die dunkle Sonnenbrille aufsetzt. Dann ein Bild von hinten, eng umschlungen in der Gasse. Und natürlich der Star-Schnappschuss: Arvid, der mit finsterer Miene und geballten Fäusten auf die Fotografen zustürmt.
Sascha lacht trocken auf. »Natürlich nehmen sie genau das. Der unberechenbare Rockstar im Angriffsmodus – bedient jedes billige Klischee.«
Tasja stützt die Ellenbogen auf die Bar. »Mal sehen, wie lange es dauert, bis sie ihren Namen ausgraben.«
»Vermutlich nicht besonders lange«, brummt Sascha und schlägt das Blatt zu.
Die Eingangstür fliegt auf. David marschiert mit energischem Schritt herein, in der einen Hand einen Becher Kaffee, in der anderen sein Smartphone. Während er hektisch über das Glas wischt, zucken seine Augen über den Bildschirm, die Augenbrauen wandern steil nach oben, und seine Lippen formen ein stummes Entsetzen.
Tasja und Sascha wechseln vielsagende Blicke. Sie kennen diesen Gesichtsausdruck – die Ruhe vor dem Sturm eines echten David-Dramas.
»NEIN!«, gellt es markerschütternd durch den Pub.
David bleibt mitten im Gang wie angewurzelt stehen, die Augen weit aufgerissen. Er starrt von seinem Display zu den beiden am Tresen und wieder zurück. »Ist das euer verdammter Ernst?!«, ruft er fassungslos.
Tasja hebt gelassen eine Braue. »Was genau meinst du, David?«
David fuchtelt hysterisch mit dem Handy in der Luft herum, als wolle er ihnen das Display direkt auf die Nase drücken. »DIESE FOTOS! Das ist ja wohl die bodenloseste Frechheit des Jahrhunderts! Ryan sieht aus, als wäre sie gerade aus dem Bett gepurzelt! Warum um alles in der Welt haben diese Stümper keinen vernünftigen Winkel gewählt?! Und diese Jacke – die ertränkt sie förmlich! Wer hat diese Paparazzi bezahlt, wenn sie nicht mal in der Lage sind, eine anständige Belichtung hinzubekommen?!«
Sascha und Tasja können nicht mehr an sich halten und brechen in schallendes Gelächter aus.
»David«, prustet Sascha und stützt sich am Tresen ab, um Luft zu holen. »Das ist ernsthaft deine größte Sorge an der Sache?«
Tasja schüttelt fassungslos den Kopf. »Dein Sinn für Prioritäten ist wirklich absolut einmalig.«
David verschränkt beleidigt die Arme. »Irgendwer muss sich ja schließlich um ihr öffentliches Profil kümmern! Das ist ein PR-Desaster für ihren Teint!«
Tasja grinst breit. »Start doch einfach eine Online-Petition: ›Hochwertigere Blitzlichter für Ryans Paparazzi-Auftritte!‹«
David schnippt begeistert mit den Fingern. »Gute Idee! Notiere ich mir!«
Tasja stützt sich auf die Theke und legt den Kopf schief. »David, jetzt mal im Ernst: Dir ist schon klar, dass weder Ryan noch Arvid diese Aufmerksamkeit wollten, oder?«
David setzt zur Erwiderung an, doch Tasja hebt beschwichtigend die Hand. »Sie wurden kalt erwischt. Ryan pfeift auf ein Hochglanz-Styling – sie will einfach nur ihre Ruhe und nicht erkannt werden. Deshalb die Sonnenbrille, deshalb seine Jacke. Und dass Arvid den Fotografen an die Gurgel wollte, ist doch vollkommen verständlich. Er wollte sie einfach beschützen.«
David schließt den Mund wieder. Er wirft einen stummen Blick auf das Display, und Tasjas ruhige Worte scheinen tatsächlich Wirkung zu zeigen – auch wenn er sich das niemals anmerken lassen würde.
»Trotzdem«, mault er mit trotzig gerecktem Kinn. »Ein Hauch von Kontur hätte der Aufnahme nicht geschadet.«
Sascha lacht kopfschüttelnd. »Du bist wirklich ein Fall für sich.«
»Und genau deshalb behalten wir dich ja auch«, schmunzelt Tasja.
David schnaubt leise, klettert auf einen Barhocker und nimmt einen tiefen Zug aus seinem Becher, während sein Blick beim Weiterscrollen merklich weicher wird.
Die Tür schwingt erneut auf, und Malu schneit herein. Im Gegensatz zu David, der noch immer mit den Klatschspalten hadert, ist sie voll im Macher-Modus.
»Morgen allerseits!«, ruft sie, steuert zielsicher auf den Tresen zu und hält Sascha ihr Handy vor die Nase. »Hier, schau dir das an: Terrakotta-Steine. Was sagst du zu dem Farbton? Die Menge würde perfekt für unseren Hof reichen, und wenn wir sie selbst abholen, kriegen wir die gesamte Ladung umsonst!«
Sascha nimmt das Smartphone und zoomt in die Bilder. »Nicht übel …« Er wiegt nachdenklich den Kopf. »Passt das stilistisch zum Pub?«
Er hält das Display auch für Tasja und David hin.
»Wir könnten dem Hof einen gemütlichen, fast mediterranen Touch verpassen«, schwärmt Malu. »Ryan wird die Idee garantiert lieben.«
Sascha malt sich den frisch gepflasterten Hof im Kopf aus und nickt zufrieden. »Gekauft. Gefällt mir richtig gut.«
David, der noch immer an seinem Kaffee nippt, blinzelt verwirrt auf das Foto. »Und was bedeutet das jetzt konkret für uns?«
Malu grinst entwaffnend. »Dass wir einen Transporter oder Anhänger klarmachen und die Dinger eigenhändig aufladen.«
David lässt dramatisch den Kopf auf die Theke sinken und stöhnt gequält auf. »Großartig. Sklavenarbeit im Morgengrauen.«
Tasja lacht amüsiert. »Ach komm schon, David. Du wolltest doch ohnehin mehr für deinen Bizeps tun.«
»Ja, an stilvollen Hanteln im Studio – nicht an staubigen Ziegeln!«, murmelt er gegen das Holz, doch das verräterische Zucken in seinen Mundwinkeln zeigt, dass er innerlich längst an der perfekten Logistik feilt.
Ryan und Arvid sitzen frisch geduscht am Küchentisch. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee erfüllt den Raum, doch die gewohnte Gemütlichkeit will sich nicht recht einstellen. Gedankenverloren rührt Ryan mit dem kleinen Löffel in ihrer Tasse, während Arvids Finger unruhig an der Keramik entlangfahren. Ihre Beziehung zählt kaum eine Woche – und doch sitzen sie bereits mitten in den Trümmern, die die Klatschpresse hinterlassen hat.
Arvids Blick wandert immer wieder zu ihr. Er versucht, in ihren Zügen zu lesen, herauszufinden, wie tief der Schock sitzt. Sie wirkt äußerlich gefasst, fast unberührt. Doch er weiß aus bitterer Erfahrung, wie zermürbend es ist, das eigene Privatleben plötzlich auf billigem Boulevard-Papier ausgeweidet zu sehen. Diese Schnappschüsse und Zeilen verschwinden nicht einfach. Sie brennen sich fest. Und so sehr er sich das Gegenteil wünscht: Er kann sie vor dieser Wucht nicht abschirmen.
Er atmet schwer aus. Ryan hebt den Kopf, liest auf Anhieb den stummen Kampf in seinen Augen. Sie spürt genau, wie sehr es ihn schmerzt, dass ihr die Entscheidung über den richtigen Zeitpunkt geraubt wurde.
Behutsam legt sie ihre Hand auf seine und drückt die warmen Finger fest. »Wir schaffen das«, sagt sie leise, aber mit unerschütterlicher Entschlossenheit.
Arvid blickt sie an. Ihre klaren, blauen Augen strahlen eine Ruhe und Stärke aus, die ihm sofort ein Stück der zentnerschweren Last von den Schultern nimmt.
Ryan nimmt einen Schluck Kaffee und lässt die Wärme wirken. »Du solltest dich in Ruhe mit deinem Manager zusammensetzen«, meint sie ruhig. »Eine Linie finden, mit der wir alle leben können.«
Arvid hebt den Kopf, in seinen dunklen Augen lodert die aufgestaute Wut. »Ryan, das ist mein verdammtes Leben«, erwidert er mit heiserem Nachdruck. »Unser Leben – ab heute. Mit jedem Schritt, den wir vor die Tür setzen, liefern wir ihnen neue Munition. Sie werden uns belagern, jedes Detail zerpflücken und Storys erfinden, um einen Keil zwischen uns zu treiben. Sie kramen alte Affären aus, vergleichen dich mit jeder Frau, mit der ich je gesehen wurde. Jedes Wort, jede Geste landet unter dem Mikroskop.«
Ryan hört ihm geduldig zu, ohne den Blick abzuwenden. Sie sieht die nackte Sorge in seinem Gesicht – eine Angst, die nicht ihm selbst gilt, sondern einzig und allein ihr.
Sie stellt die Tasse ab und schließt beide Hände um seine. »Arvid, ich bin kein Porzellan. Ich halte das aus.« Ihre Stimme klingt fest, unerschütterlich. »Natürlich hätte ich mir mehr Zeit gewünscht, um mich daran zu gewöhnen. Aber ich weiß verdammt genau, was ich will – und das bist du.«
Arvid atmet tief ein, die Anspannung in seinen Zügen weicht merklich.
»Du warst vom ersten Tag an ehrlich zu mir«, fährt sie fort und schenkt ihm ein feines, zuversichtliches Lächeln. »Du hast mir reinen Wein eingeschenkt, was dieser Zirkus bedeutet. Jetzt ist der Ernstfall eben ein paar Wochen früher eingetreten. Aber wir stehen das gemeinsam durch. Oder zweifelst du etwa daran?«
Arvid hält ihrem Blick lange stand. Dann schließt sich sein Griff fester um ihre Finger, und er nickt langsam. »Nein. Zusammen.«
Ein feines Schmunzeln stiehlt sich auf seine Lippen. »Du bist wirklich unglaublich, Ryan.«
Sie lacht leise, ihre Augen funkeln selbstbewusst. »Natürlich. Warum sonst hättest du dir so viel Mühe geben sollen, mein Herz zu erobern?«
Er zieht ihre Hand sanft an seine Lippen und drückt einen zärtlichen Kuss auf den Handrücken. »Nicht nur deswegen. Es ist einfach alles an dir.« Seine Stimme wird rau und warm. »Ich fürchte fast, mein nächster Song wird eine Liebeserklärung an dich – und dann klingen wir nach Weichspüler.«
Ryan lacht herzhaft auf. »Ich wette, selbst dann würden eure Fans den Text Zeile für Zeile mitschreien.«
Ein kurzes Vibrieren auf der Tischplatte unterbricht den Moment. Ryan wirft einen schnellen Blick auf das Smartphone. Malu hat ihr ein Foto der Terrakotta-Platten geschickt, darunter die kurze Frage: Was sagst du?
Ohne zu zögern tippt Ryan einen schnellen Daumen nach oben ein. Der Pub-Hof kann warten; Arvid steht an erster Stelle.
Sie schiebt das Handy beiseite, stützt die Ellenbogen auf und sieht ihn auffordernd an. »Also, Rockstar … Was wolltest du über deinen nächsten Song sagen?«
Arvid grinst breit. »Dass er ganz allein dir gehört.«
Ryan beugt sich über den Tisch vor, bis ihr Atem seine Lippen streift. »Dann erwarte ich, dass du ihn mir persönlich vorsingst.«
»Du wirst die allererste sein, die auch nur einen Ton davon hört«, murmelt er gegen ihren Mund.
Er schließt die letzte Lücke zwischen ihnen und zieht sie in einen tiefen, ruhigen Kuss. Seine Lippen sind weich, fordernd und zugleich voller unendlicher Zärtlichkeit. Ryan vergräbt die Finger in seinem Nacken, zieht ihn dicht an sich und erwidert die Berührung mit jeder Faser ihres Körpers.
In diesem Moment weiß Arvid es mit unumstößlicher Gewissheit: Er hat das ganz große Los gezogen. Und er würde diese Liebe um keinen Preis der Welt wieder hergeben – nicht für reißerische Schlagzeilen, nicht für neugierige Paparazzi und für keinen Skandal der Welt.
Er wird um diese Frau kämpfen. Komme, was wolle.