Lyra & Fenris - Moonbound Kapitel 44

Der Abgrund zwischen uns


Nach dem Verstummen des Sturms schlägt Morgana in einem letzten Akt verzweifelter Macht zu und reißt einen bodenlosen Abgrund zwischen Lyra und Fenris. Trotz ihres verzweifelten Kampfes verlieren sie den Halt aneinander und werden getrennt. Fenris bleibt auf der falschen Seite zurück und zwingt Lyra, allein zur Mondblume weiterzugehen, um den Fluch zu brechen. Während Morgana versucht, Lyras Geist mit Hohn und Lügen zu zermürben, verwandelt sich Lyras Schmerz in kalte Entschlossenheit. Sie erkennt, dass es nicht genügt, die Mondblume zu zerstören - um Fenris zu retten, muss sie die Wächterin selbst vernichten.


Die Stille, die sich nun über den Wald von Rosevil legt, ist von einer unnatürlichen, beklemmenden Schwere. Sie ist weitaus furchteinflößender als das vorangegangene Tosen des Sturms oder das wahnsinnige Kreischen der Krähen. Es ist die Stille eines Grabes, in dem das Leben nur noch als fernes Echo existiert. Die Luft steht unbeweglich, dickflüssig vom Duft des sterbenden Mohns, während das blutrote Licht des Mondes die Szenerie in eine unheilvolle Starre taucht.

 

Fenris nutzt diesen Moment der trügerischen Ruhe für sein letztes, gewagtes Manöver. Mit einem unterdrückten Stöhnen, das täuschend echt nach aufkeimender Qual klingt, lässt er sich langsam auf ein Knie sinken. Er stützt sich schwer auf das Messer Lorcans, den Kopf gesenkt, während seine Schultern unter einer Last beben, die er nur noch spielt. Er will die Wächterin in die Falle locken, sie dazu bringen, ihre Deckung aufzugeben und sich in den Bereich seiner Klinge zu wagen.

 

Doch Morgana ist ein Wesen aus Äonen von Arglist und Verrat. Ihre Augen verengen sich zu glühenden Schlitzen, und ein hasserfülltes Fauchen entweicht ihren blassen Lippen.

 

„Glaubst du wirklich, du könntest mich mit solch armseligen Taschenspielertricks hintergehen, Bastard von Rosevil?“, kreischt sie, und ihre Stimme bricht nun vollkommen, verliert jeden Rest von Eleganz. Sie beschimpft ihn wild, ihre Worte sind ein Schwall aus uralten Flüchen und purer Bosheit. Sie erkennt das Spiel, sieht die Freiheit in der Straffheit seines Nackens, die er nicht ganz verbergen kann.

 

In ihrem Zorn versucht sie, die Elemente erneut gegen sie zu hetzen, doch die Natur von Rosevil scheint ihren Dienst zu versagen. Anstatt eines peitschenden Orkans wehen nur noch schwache, kraftlose Lüftchen durch das Geäst der Dornenhecke. Die Magie der Wächterin bröckelt - sie ist wie eine Herrscherin, die ihre Truppen befehligt, während diese bereits das Schlachtfeld verlassen haben.

 

Lyra spürt das Zittern in der Luft - nicht vor Angst, sondern vor Gelegenheit. Sie erkennt die Schwäche der Wächterin. Das ist ihre Chance, der Moment, auf den sie und Fenris seit den ersten Aufzeichnungen im Haus hingearbeitet haben.

 

„Fenris, jetzt!“, ruft sie, und ihre Stimme ist klar und schneidend. „Die Lichtung! Wir müssen zur Mondblume!“

 

Sie greift nach seiner Hand, um ihn hochzureißen, bereit, den finalen Sprint durch den lila Nebel zu wagen. Doch gerade als sie den ersten Schritt tun wollen, mobilisiert die Wächterin ihre letzte, verzweifelte Reserve. Sie greift nicht mehr nach dem Wind oder den Vögeln - sie greift nach dem Fundament der Welt selbst.

 

Mit einem Mal erzittert die Erde unter ihren Füßen mit einer solchen Urgewalt, dass der Boden zu schreien scheint. Es ist ein tiefes, grollendes Brechen, das aus dem Innersten des Tals kommt. Risse ziehen sich blitzschnell durch den gefrorenen Boden, und die Realität von Rosevil beginnt sich physisch aufzuspüren. Morgana schafft das Unmögliche: Sie reißt den Boden auf, um eine unüberwindbare Kluft zwischen den Liebenden und ihrem Ziel zu schaffen.

 

Der Abgrund reißt mit einem ohrenbetäubenden Krachen direkt zwischen ihren Füßen auf, als würde das Fleisch der Erde selbst ohne Gnade zerfetzt. Fenris reagiert instinktiv; seine Hand schließt sich krampfhaft, fast schmerzvoll fest um die von Lyra. Er krallt sich an ihr fest, als wäre sie der einzige Fixpunkt in einem Universum, das gerade in sich zusammenstürzt.

 

Doch die dunkle Magie der Wächterin ist unerbittlich. Der Spalt weitet sich mit erschreckender Geschwindigkeit, ein gähnendes Maul aus absoluter Schwärze, das zwischen ihnen emporwächst. Fenris wagt einen kurzen Blick nach unten, und was er sieht, raubt ihm fast den Atem: Unter ihnen klafft ein schwarzes Loch, eine bodenlose Leere, die kein Ende zu kennen scheint. Es ist nicht bloß Erde, die dort fehlt; es ist, als würde Rosevil an dieser Stelle schlicht aufhören zu existieren.

 

„Lass mich nicht los, Lyra!“, brüllt er gegen das Dröhnen der tektonischen Verschiebung an. Sein Gesicht ist verzerrt vor Anstrengung, die Sehnen an seinem Hals treten hervor wie Drahtseile. „Wir dürfen uns nicht trennen! Greif nach mir!“

 

Doch die Fliehkräfte der zerfallenden Realität sind stärker. Der Boden, auf dem sie stehen, driftet unaufhaltsam auseinander. Lyras Arm ist bis zum Äußersten gestreckt, ihr Körper wird von der unnatürlichen Strömung der Kluft fast in die Horizontale gerissen. Die Verbindung, die eben noch unbesiegbar schien, wird nun auf eine grausame, physische Probe gestellt.

 

Zuerst rutschen ihre Handflächen voneinander ab. Dann verlieren seine starken Finger den Halt an ihrem Handgelenk. Schließlich berühren sich nur noch ihre Fingerspitzen - ein letzter, verzweifelter Kontakt über dem gähnenden Nichts.

 

„Fenris!“, gellt Lyras Schrei durch die furchtbare Stille der Lichtung. Es ist ein Laut puren Entsetzens, ein Name, der alles enthält, was sie zu verlieren droht.

 

Im Hintergrund, wie eine dunkle Dirigentin dieses Untergangs, steht Morgana. Ihr Lachen ist jetzt wieder von jener gehässigen Brillanz erfüllt, die sie so sicher macht. Sie weidet sich an ihrem Leid, während sie ihnen hasserfüllte Sätze wie Giftpfeile entgegenschleudert.

 

„Seht ihr nun, wie brüchig eure kleine Welt ist?“, höhnt sie, und ihre Stimme scheint aus den Wänden des Abgrunds selbst zu kommen. „Was der Mond gebunden hat, wird die Erde nun verschlingen! Ihr seid getrennt, für immer verloren im Dazwischen!“

 

Fenris starrt auf Lyras Fingerspitzen, die langsam aus seinem Griff gleiten, während das violette Licht der Wächterin den Abgrund zwischen ihnen mit triumphalem Glanz flutet.

 

Das Unausweichliche geschieht mit einer grausamen Endgültigkeit, die das Herz gefrieren lässt. Trotz der verzweifelten Kraft in Fenris’ Sehnen und des krampfhaften Haltens ihrer Finger, siegt die rohe Gewalt der zerreißenden Erde. Die Fingerspitzen gleiten voneinander ab - ein letztes, zitterndes Gefühl  bevor die Verbindung abreißt.

 

Lyra taumelt am Rand des Abgrunds, während der Boden unter ihr unaufhörlich weiterdriftet. Zwischen ihnen gähnt nun eine Kluft, die so breit ist, dass selbst Fenris’ übermenschliche Kraft nicht mehr auszureichen scheint, um sie zu überwinden. Er steht auf der Seite der verlorenen Schatten, isoliert auf einem Felsvorsprung, der wie eine einsame Insel in einem Meer aus Schwärze wirkt. Er hat keinen Zugang mehr zu jener Seite, auf der die Mondblume in ihrem giftigen Glanz wartet - die Seite, die den einzigen Ausweg aus diesem Albtraum markiert.

 

Lyras Atem geht stoßweise, ein keuchendes Geräusch in der unheimlichen Stille, die dem Beben gefolgt ist. Panik steigt in ihr auf, heiß und würgend, und droht ihren Verstand zu vernebeln. Sie starrt über die bodenlose Schwärze hinweg auf Fenris, dessen Gestalt im lila Dunst fast unwirklich erscheint. Er wirkt wie ein dunkler Gott, der aus seiner eigenen Schöpfung verbannt wurde.

 

„Fenris!“, schreit sie, und ihre Stimme bricht vor Verzweiflung. Sie klammert sich an den eiskalten Schlüssel in ihrer Tasche, als könnte dieser kleine Gegenstand das Gewicht einer ganzen zerfallenden Welt tragen.

 

Ihr Blick sucht seinen, flehend, suchend nach einem Zeichen, einem Ausweg, nach einem jener Wunder, die in den dunklen Märchen von Rosevil immer nur mit Blut und Opfern erkauft werden. Sie hofft gegen jede Vernunft, dass er einen Weg findet, diese Kluft zu überwinden - dass er die Gesetze der Schwerkraft und der Logik ignoriert, so wie sie gemeinsam die Gesetze des Fluchs ignoriert haben.

 

Fenris steht auf der anderen Seite, die Züge zu einer Maske aus Granit erstarrt, während sein Blick in die Tiefe starrt. Er sieht die Unendlichkeit des Nichts unter sich, doch sein ganzer Wille ist auf Lyra gerichtet. Er spürt ihren Schmerz über das Amulett, das nun auf seiner Brust bebt wie ein gefangener Vogel.

 

Die Wächterin beobachtet sie vom fernen Rand der Lichtung aus, ihr Gesicht ein Bildnis triumphierender Bosheit. Sie hat sie dort, wo sie sie haben wollte: getrennt, verzweifelt und am Rande der totalen Vernichtung. Lyra weiß, dass sie die Mondblume niemals allein erreichen kann, nicht ohne seinen Schutz, nicht ohne seine Stärke.

 

In diesem Moment der totalen Isolation, während das schwarze Maul des Abgrunds gierig nach seinem Schatten schnappt, geschieht etwas Paradoxes in Fenris’ Innerem. Ein Wunsch flammt in ihm auf, so intensiv und brennend, dass er jeden Funken seiner mühsam zurückgewonnenen Menschlichkeit zu versengen droht. Er wünscht sich jenes Ungeheuer zurück, das er so lange verflucht hat. Er will noch einmal der Wolf sein.

 

In jener gewaltigen, archaischen Gestalt wäre diese Kluft ein bloßes Hindernis, ein Kinderspiel für die stählernen Sehnen und die unbändige Sprungkraft der Bestie. Doch er steht dort als Mensch, verletzlich und an die Grenzen von Fleisch und Knochen gebunden, während die Welt unter seinen Füßen wegbricht. Er erkennt die ausweglose Geometrie dieses Abgrunds: Als Mann hat er keine Chance, das andere Ufer lebend zu erreichen.

 

„Vernichte die Mondblume, Lyra!“, brüllt er über die wachsende Leere hinweg. Seine Stimme bricht, doch der Befehl darin ist absolut. „Nimm keine Rücksicht auf mich! Denkt nicht an das, was aus mir wird. Geh! Jetzt!“

 

Lyra starrt ihn an, die Augen weit und voller Tränen, die im roten Mondlicht wie flüssiges Rubinglas schimmern. Ein heftiger Protest formt sich auf ihren Lippen, ein Aufschrei gegen die Grausamkeit dieses Abschieds. Sie will nicht gehen, sie will ihn nicht auf dieser einsamen Klippe der Vergessenheit zurücklassen. Doch in ihrem tiefsten Inneren keimt eine verzweifelte, fast wahnsinnige Hoffnung. Wenn sie die Blume zerstört, wenn sie das Herz des Fluchs vernichtet, bricht vielleicht auch die Macht, die diesen Abgrund aufgerissen hat. Vielleicht könnte sie ihn so retten - indem sie das vernichtet, was sie überhaupt erst hierher geführt hat.

 

„Ich kann nicht... nicht ohne dich!“, bringt sie hervor, doch ihre Stimme verliert sich im unheimlichen Sog der Schwärze.

 

Sie blickt zur fernen Lichtung, wo die Mondblume in ihrer giftigen Pracht wartet. Doch das Grauen überkommt sie erneut: Wie soll sie es alleine schaffen? Die Hecke, die Krähen, die Wächterin - all das lastet auf ihren schmalen Schultern. Ohne Fenris’ Messer, ohne seinen schützenden Schatten ist sie nur ein zerbrechliches Mädchen in einem Wald aus Alpträumen. Jede Faser ihres Seins schreit nach seiner Nähe, nach der Sicherheit seiner Hand, die sie gerade erst verloren hat.

 

Die Wächterin beobachtet das Zögern mit einem hämischen Lächeln, das die Dunkelheit um sie herum noch tiefer wirken lässt. Sie weiß, dass Lyras Mut ohne ihren Anker zu zersplittern droht.

 

Fenris steht am Rande der Vernichtung, seine Gestalt nur noch ein dunkler Umriss vor dem gähnenden Nichts, doch seine Stimme erreicht sie mit einer Klarheit, die den Zerfall der Welt Lügen straft. Er spricht ihr zu, beschwört den Mut herauf, den er in ihr gesehen hat, seit sie das erste Mal die Schwelle seines verfluchten Heims überschritten hat. Er schenkt ihr seinen unerschütterlichen Glauben, legt seine gesamte verbliebene Hoffnung in ihre Hände, als wäre sein Vertrauen eine Rüstung, die sie vor der Finsternis schützen kann.

 

Lyra sieht ihn über die bodenlose Schwärze hinweg an, und ihr Herz krampft sich in einer Qual zusammen, die schlimmer ist als jeder Schnitt der Dornenhecke. Sie weiß es nun. Sie spürt es in der bleiernen Kälte, die zwischen ihnen aufsteigt: Dies ist vielleicht das Ende. Ein Abschied für immer, besiegelt durch die grausame Geometrie eines zerbrechenden Reiches. Sollte Rosevil tatsächlich zu Fall kommen, sollte der Fluch mit der Vernichtung der Mondblume enden, so bedeutet dies vielleicht, dass jeder von ihnen für sich allein sterben wird - getrennt durch Raum und Zeit, Opfer einer Erlösung, die einen zu hohen Preis fordert.

 

Ihre Blicke treffen sich ein letztes Mal über die Kluft hinweg. Es ist kein klares Sehen mehr im lila Dunst und dem flackernden Blutlicht des Mondes, doch ihre Gesichter wenden sich einander zu, suchen die vertrauten Züge im Chaos der Elemente. Es ist ein stummes Versprechen, ein letztes Verankern der Seelen, bevor die Dunkelheit sie gänzlich verschlingt. In diesem Blick liegt alles: die ungesagten Worte, der Schmerz über das Verlorene und die verzweifelte Liebe, die selbst über den Abgrund der Ewigkeit hinweg Bestand hat.

 

Lyra spürt, wie die Tränen auf ihren Wangen gefrieren, während sie die letzte Verbindung zu dem Mann kappt, der ihr Schicksal geworden ist. Sie muss sich abwenden. Sie muss den Weg zur Lichtung allein bestreiten, getrieben von seinem Vermächtnis und dem Wissen, dass sein Überleben nun einzig von ihrem Erfolg abhängt - selbst wenn dieser Erfolg bedeutet, dass sie sich nie wieder berühren werden.

 

Die Wächterin beobachtet das stumme Lebewohl mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination, unfähig, die Macht zu begreifen, die zwei Seelen dazu bringt, sich für die Freiheit des anderen zu opfern.

 

Die Wächterin gleitet wie ein bösartiger Schatten über den Rand der Lichtung, ihre Gestalt ein Mahnmal aus Hochmut und Verderben. Sie kann nicht anders, als Lyras Qual mit ihren Worten zu nähren, tiefer in das offene Fleisch ihrer Seele zu schneiden und noch mehr Salz in die brennenden Wunden ihrer Trennung zu streuen. Morganas Stimme ist nun ein giftiges Gebräu aus Hohn und gespieltem Mitleid, das die kalte Luft zwischen den Abgründen vergiftet.

 

„Sieh ihn dir an, kleine Lyra“, flüstert sie, und ihr Hohn hallt von den Wänden der Kluft wider wie das Lachen von Hyänen. „Der Mann, dem du dein Herz geschenkt hast, lässt dich nun im Stich. Er überlässt dich der Dunkelheit, während er sicher auf seinem Felsvorsprung verharrt. Ist das die Liebe, für die du dein Leben geben wolltest? Ein einsamer Tod im Schatten einer Blume, die niemals für dich blühen wird?“

 

Doch Lyra hört die giftigen Einflüsterungen der Wächterin gar nicht mehr. Die Worte prallen an ihr ab wie stumpfe Pfeile an einem Schild aus geschmiedetem Stahl. In ihrem Inneren herrscht eine unheimliche, fast heilige Stille. Sie antwortet nicht, würdigt die Herrin der Schatten keines Blickes, denn jede Sekunde, die sie mit Hass verschwenden würde, wäre eine Sekunde, die sie von Fenris entfernt.

 

Ihr Blick ist starr nach vorn gerichtet, dorthin, wo das unheilvolle Glühen der Mondblume das Zentrum der Lichtung markiert. Sie hat nur noch ein einziges, alles verzehrendes Ziel: Fenris zu retten. Es geht nicht mehr um ihr eigenes Überleben, nicht um die Erlösung von Rosevil oder das Ende des Winters. In diesem Moment ist ihr gesamtes Universum auf den einen Mann reduziert, der auf der anderen Seite des Abgrunds steht und ihr seinen Glauben geschenkt hat.

 

Jeder Atemzug, den sie tut, jeder schmerzhafte Schritt durch den tiefen, roten Schnee ist eine Liebeserklärung an ihn. Sie tut dies für ihn - um den Fluch zu brechen, der sein Blut vergiftet, und um die Ketten zu sprengen, die seine Seele gefangen halten. Die Angst vor der Wächterin ist einer Entschlossenheit gewichen, die so rein und gefährlich ist wie das Licht des Blutmonds selbst.

 

Sie umklammert den eiskalten Schlüssel so fest, dass das Metall sich fast in ihre Haut schneidet, und beginnt zu laufen. Sie rennt gegen den Widerstand des Schicksals an, getrieben von dem verzweifelten Funken Hoffnung, dass das Ende der Blume den Anfang seiner Freiheit bedeutet.

 

Die Wächterin fixiert Lyra mit einem Blick, in dem sich bösartige Faszination und unterdrückte Raserei mischen. Sie verfolgt jeden einzelnen Schritt des Mädchens, jede mühsame Bewegung durch den blutgetränkten Schnee, als wäre Lyra eine Beute, die sich weigert, endlich zu verenden. Morganas Gestalt flimmert am Rande der Lichtung, ein violettes Trugbild der Macht, doch in ihren Augen glimmt die bittere Erkenntnis ihrer eigenen Ohnmacht. Sie weiß es nur zu gut: Solange dieser verfluchte, eiskalte Schlüssel in Lyras Tasche ruht, solange das reine Eisen der Amme gegen Lyras Schenkel schlägt, ist sie machtlos. Sie kann das Mädchen nicht berühren, kann ihren Körper nicht zu Staub zerfallen lassen, solange dieses Relikt der alten Welt eine unsichtbare Barriere aus Schutz und Bestimmung um sie webt.

 

Doch wenn sie Lyras Fleisch nicht vernichten kann, so versucht sie doch, ihren Geist zu zerschmettern.

 

„Glaubst du wirklich, dass er dort drüben auf dich wartet?“, zischt Morgana, und ihre Worte kriechen wie giftige Schlangen durch die kalte Luft, direkt in Lyras Gehörgänge. „Er sieht dir beim Sterben zu, Lyra. Er ist froh, dass die Last deiner Liebe von ihm abgefallen ist. Spürst du nicht, wie die Leere zwischen euch wächst? Das ist kein Abgrund der Erde, das ist die Wahrheit über sein Herz.“

 

Sie schleudert ihr diese Sätze entgegen, immer und immer wieder, in der Hoffnung, ein Zögern, ein Stolpern, eine einzige Sekunde des Zweifels zu provozieren, die den Schutzwall des Schlüssels brechen könnte.

 

Doch Lyra lässt sich nicht beirren. Die Worte der Wächterin verhallen wie bedeutungsloses Rauschen in einem fernen Wald. In Lyras Innerem ist eine neue, eisige Ruhe eingekehrt, eine Stille, die weitaus gefährlicher ist als jede Panik zuvor. Ihr Ziel hat sich verschoben, hat sich verdichtet zu einem einzigen, glühenden Punkt des Widerstands.

 

Dieser Kampf ist nicht mehr nur eine Mission zur Rettung eines verfluchten Stadt; er ist persönlicher geworden, als Morgana es in ihrer Arroganz je hätte ahnen können. In Lyras Herz brennt ein heiliger Zorn. Die Wächterin hat ihr Fenris genommen - hat ihn an den Rand eines bodenlosen Grabes verbannt und die Berührung ihrer Hände zerrissen. Vielleicht war jener flüchtige Kontakt ihrer Fingerspitzen tatsächlich das Letzte, was sie in diesem Leben von ihm spüren durfte.

 

Diese Ungewissheit, dieser Schmerz über den vielleicht endgültigen Verlust, wird zu ihrem Treibstoff. Wenn Morgana ihr den Mann genommen hat, den sie liebt, dann wird Lyra ihr das Einzige nehmen, was der Wächterin geblieben ist: ihre Herrschaft.

 

„Rede nur weiter, Schattenkönigin“, denkt Lyra, während sie den ersten Schritt auf den inneren Kreis der Lichtung setzt, wo die Mondblume wie ein giftiges Juwel im blutroten Licht pulsiert. Sie antwortet nicht laut, doch ihre Augen, die nun fest auf die Blume gerichtet sind, sprechen Bände. Jeder Schritt ist ein Rachefeldzug, jede Faser ihres Seins ein Schwur. Sie wird Fenris nicht sterben lassen, ohne dass Morgana den Preis dafür bezahlt.

 

Vor ihr ragt das finale Hindernis auf: die Dornenhecke. Sie ist kein bloßes Geflecht aus Pflanzen, sondern ein lebendiger, bösartiger Wall aus pechschwarzen Ranken, die wie die verkrümmten Finger von Ertrinkenden in die Höhe ragen. Lyra weiß aus den alten Schriften, dass dieses Bollwerk der Verdammnis keinem Sterblichen Einlass gewährt - es sei denn, der Blutmond erreicht jenen exakten, grausamen Scheitelpunkt, an dem die Magie des Fluchs für einen Atemzug lang ihr eigenes Herz offenlegt.

 

Ihr Blick wandert suchend zum Firmament. Dort thront der Mond, eine gewaltige, unheilvolle Scheibe, die in einem tiefen, fast schwarzen Dunkelrot glüht. Er wirkt wie ein blutunterlaufenes Auge, das ungerührt auf das Elend von Rosevil herabblickt. Lyra hat kein Zeitgefühl mehr; in dieser Dimension des Schreckens scheint die Zeit selbst zu gerinnen. Sie kann nicht wissen, ob der Moment der Öffnung Sekunden oder Stunden entfernt ist, doch das Warten ist ein Luxus, den sie sich nicht mehr leisten kann. Fenris’ Leben verrinnt mit jedem Herzschlag, den sie zögert.

 

Mit einer Entschlossenheit, die aus der reinen Verzweiflung ihrer Liebe geboren ist, lässt sie sich nicht länger aufhalten. Sie ignoriert das Pochen in ihren Schläfen und den stechenden Schmerz in ihren Gliedern. Sie geht entschlossen auf das Dickicht zu, den Blick starr auf das Zentrum gerichtet, wo der Duft der Mondblume am stärksten ist.

 

Doch noch bevor ihre Stiefel den Rand der Hecke berühren, verändert sich die Luft um sie herum. Es ist kein Wind, der nun aufkommt, sondern ein kollektives, gequältes Aufschluchzen. Die gefangenen Seelen, die in den unendlichen Windungen der Hecke ihr ewiges Exil fristen, beginnen wie aus einer Kehle zu sprechen. Ihr Wispern ist ein vielstimmiger Chor des Elends, der direkt in Lyras Verstand eindringt.

 

„Bleib bei uns...“, flehen die Stimmen, ein raschelndes Geräusch wie trockene Blätter auf Grabsteinen. „Es gibt keinen Weg hindurch, nur ein Hinein. Schenk uns dein Blut, damit wir für einen Moment die Wärme spüren...“

 

Die Hecke beginnt sich zu krümmen. Die dornigen Ausläufer peitschen nicht länger nur im Wind, sie suchen gezielt nach ihr. Wie hungrige Tentakel greifen die ersten Ranken nach Lyras Gewand, krallen sich in den Stoff ihres Mantels und versuchen, sie in das dunkle Innere des Geflechts zu ziehen. Die Dornen sind lang und scharf wie Dolche, bereit, die Grenze zwischen Schutz und Verletzlichkeit zu durchbrechen. Lyra spürt den ersten scharfen Riss an ihrem Arm, doch sie weicht nicht zurück. Sie ist bereit, sich durch dieses Labyrinth aus Schmerz zu schneiden, wenn es bedeutet, dass sie die Blume erreicht, bevor der Mond wieder erbleicht.

 

Lyra weicht einen Schritt zurück, die Lungen brennend vom eisigen Atem des Tals, während ihr Blick verzweifelt über das undurchdringliche Dickicht der Hecke wandert. Ihre Augen suchen fieberhaft nach einer Schwachstelle, einem vergessenen Schlupfloch oder einer Lücke zwischen den ineinander verbissenen Dornenranken, durch die sie sich hindurchzwängen könnte. Doch da ist nichts als eine Wand aus schwarzem Schmerz und bösartigem Willen. Die Hecke steht da wie ein versteinertes Denkmal der Ausweglosigkeit, jede Windung eine Verhöhnung ihrer Hoffnung.

 

In diesem Moment bricht etwas in ihr - nicht ihr Wille, sondern ihre Geduld mit dem Schicksal. Ein lauter, gellender Schrei entfährt ihrer Kehle, ein Laut, der all den aufgestauten Zorn, die Trauer um Fenris und die Erschöpfung der letzten Stunden in die Finsternis schleudert. Es ist ein Schrei der Rebellion. Sie hat es so unendlich satt, das Opferlamm in diesem grausamen Spiel zu sein, die Gejagte in einem Wald, der nach ihrem Blut dürstet.

 

Sie wendet ihren Kopf und fixiert Morgana mit einem Blick, der nun frei von jeglicher Furcht ist. Die Wächterin bleibt in sicherem Abstand stehen, ihre Gestalt ein flackerndes violettes Trugbild am Rande der Wahrnehmung. Lyra sieht die hauchdünne Distanz zwischen ihnen und begreift mit einer Klarheit, die wie ein Blitzschlag in ihr Bewusstsein einschlägt: Morgana hat keine Macht mehr über sie. Der eiskalte Schlüssel in ihrer Tasche und die unbezwingbare Liebe zu Fenris haben einen Panzer um ihre Seele geschmiedet, an dem Morganas Magie wirkungslos zerschellt.

 

Doch dieses Patt reicht nicht aus. Die Freiheit von der Macht der Wächterin bedeutet noch lange nicht den Sieg über sie.

 

Wie kann sie die Macht über diese Kreatur der Finsternis gewinnen? Wie kann sie das Blatt wenden und die Jägerin zur Gejagten machen? Lyras Gedanken rasen, befeuert von einem dunklen, rechtschaffenen Zorn. Sie begreift, dass es nicht reicht, die Mondblume nur zu erreichen; sie muss die Quelle allen Übels, die Wurzel dieses ewigen Winters selbst auslöschen.

 

Sie muss Morgana vernichten.

 

Dieser Gedanke schlägt Wurzeln in ihr, kalt und unerbittlich. Es ist der einzige Weg, der den Abgrund schließen, die Hecke zu Asche verbrennen und Fenris zurück an ihre Seite führen kann. Wenn sie die Wächterin zu Fall bringt, bricht das gesamte Fundament dieses Albtraums in sich zusammen. Lyra umklammert den Schlüssel, und zum ersten Mal ist es nicht sie, die zittert, sondern die Luft um sie herum. Sie sucht nach einem Weg, die Energie des Schlüssels nicht nur als Schild, sondern als Waffe einzusetzen.

 

„Du hast mir alles genommen, was ich liebe“, flüstert sie, und ihre Stimme ist nun so ruhig, dass sie Morgana mehr erschreckt als jeder Schrei zuvor. „Jetzt nehme ich dir deine Existenz.“